Gesundheitsminister besucht Apotheke

„Da ist der Herr Lauterbach im Weg“

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Berlin -

NRW-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann (CDU) hat am Mittwoch die Düsseldorfer Kern-Apotheke besucht. Im Gespräch mit Inhaberin Michelle Pohst und Thomas Preis, Vorsitzender des Apothekerverbandes Nordrhein (AVNR), machte er sich ein Bild von den aktuellen Herausforderungen im Apothekensektor. Dabei ging es vorrangig um die massiven Quälereien zur Bürokratie, aber auch um die Dauerproblematik zu Lieferengpässen.

Ziemlich genau eine Stunde war Laumann gemeinsam mit Preis vor Ort und konnte die täglichen Hürden realitätsgetreu miterleben. Pohst war es bei dem gestrigen Treffen in ihrer Apotheke vor allem wichtig, dem CDU-Politiker die Massen an Bürokratie aufzuzeigen, mit der sich die Apotheker:innen herumschlagen müssen: „Die Bürokratie ist einfach enorm zeitaufwändig und macht so viel kaputt. Letztlich macht sie auch den Job absolut unattraktiv. Es ist dringend nötig, diesen Wahnsinn zu schmälern.“

Tägliche Absurditäten

Laumann konnte sich im Gespräch ein gutes Bild von sämtlichen aktuellen Herausforderungen im Apothekensektor machen. Laut Pohst hat Laumann über Themen wie Präqualifizierung, Lieferengpassmanagement oder Hilfsmittelgenehmigungen zwar schon viel gehört. Dennoch sei es gut gewesen, ihm alles nochmal in Ruhe und genauer zu erklären: Was wird konkret gefordert und warum? „Was Präqualifizierung tatsächlich im Einzelnen bedeutet, welche absurden Regeln es gibt, die man zu befolgen hat, war Herrn Laumann ganz konkret nicht klar. Hier hat der tiefere Einblick gefehlt. Auch Herr Preis hat bestätigt, dass die Themen der Apothekenkammer und dem Apothekerverband bekannt sind. Aber die Punkte vor Ort in Augenschein nehmen zu können, von jemandem, der tagtäglich damit zu tun hat, wirft nochmal ein ganz anders Licht auf die Dinge.“

Die Apothekeninhaberin musste für die Präqualifizierung etwa eine neue Liege anschaffen. „Vor drei Jahren war die alte noch ok, jetzt muss sie aber 30 cm höher sein.“ Diese und weitere Dinge hätten Laumann gezeigt, wo alltäglich die Absurditäten liegen, mit denen die Apotheken zu tun haben. Laumann habe selbstverständlich keine Zusagen für diverse Forderungen machen können, aber er sieht laut Pohst ein, dass ein ganz dringender Handlungsbedarf in Bezug auf eine Bürokratieeindampfung besteht. Er habe zugesagt, sich mit Nachdruck zu engagieren. „Die Bürokratie muss geschmälert werden, was das angeht, will Laumann sein Bestes geben“, so die Apothekerin.

Weitere Punkte, die Pohst in den Gremien besprochen wissen möchte, hat sie dem Minister in einer Liste zusammengefasst. Diese beinhaltet unter anderem:

  • Aufdruck der Sonder-PZN vereinfachen – keine handschriftliche Begründung
  • keine elektronische Abfrage zweier Großhändler
  • Präqualifizierungs-Pflicht aufheben
  • keine Diagnose und keine Patientenunterschrift bei der Belieferung von Hilfsmitteln
  • übergreifende Regelung zu Hilfsmitteln – Genehmigungspflicht schmälern
  • jährliche Pflichtunterweisungen runterschrauben
  • Nullretax weg
  • Ausgangsstoffprüfung vereinfachen
  • Gefährdungsbeurteilung vereinfachen und vor allem vereinheitlichen
  • Ärzte sollten zur aktuellen Software verpflichtet werden
  • Kosten für Securpharm sollten nicht von der Apotheke getragen werden

Zur Vergütung hielt sich der Politiker zurück, sehe aber ein, dass dies ein Problem darstellt. Pohst mutmaßt: „Da ist der Herr Lauterbach im Weg und derjenige, der da den Deckel zuhält.“

Lieferengpässe

Auch das Thema Lieferengpässe, das die Apotheken vor Ort mehr denn je beschäftigt und auch eine enorme Belastung für Patient:innen darstellt, löst beim Minister laut AVNR große Sorgen aus. Insgesamt habe sich bei Arzneimitteln im Zuge der Globalisierung in Europa eine zu hohe Abhängigkeit von Drittstaaten entwickelt. Hier brauche man aufgrund veränderter geopolitischer Rahmenbedingungen dringend diversifizierte und widerstandsfähige Lieferketten. Konkret fordert Laumann: „Produktionsstandorte in Europa, Deutschland und Nordrhein-Westfalen.“

Preis erinnert daran, dass ein Ende der Lieferengpässe vorerst nicht zu erwarten sei. „Die Versorgung trotzdem sicherzustellen, bedeutet für die Apotheken enormen Personalaufwand. Allein die Kosten dafür belaufen sich pro Apotheke im Durchschnitt auf mehr als 3000 Euro monatlich.“

Laumann beklagt weiterhin, dass die Regelungen im geplanten Gesetz zur Bekämpfung von Lieferengpässen bei patentfreien Arzneimitteln und zur Verbesserung der Versorgung mit Kinderarzneimitteln (ALBVVG) nicht weitreichend genug seien, um Lieferengpässen an der Ursache entgegenzuwirken und langfristig die Arzneimittelversorgung der Bevölkerung zu sichern.

Der Minister habe den Apothekenbesuch genutzt, um nochmals die Position der Landesregierung zu betonen: Die Rabattvertragsvergabe muss künftig bei allen versorgungsrelevanten Arzneimitteln einen europäischen Produktionsstandort als Kriterium berücksichtigen und nicht nur bei Antibiotika, wie es im Gesetzentwurf der Bundesregierung vorgesehen ist. Zudem müsse eine ausreichende Lagerhaltung versorgungsrelevanter Arzneimittel im Regelsystem auch über längere Zeiträume hinweg sichergestellt werden, damit Lieferengpässe nicht so schnell auf die Versorgung durchschlagen.

„Die von der Apotheke vor Ort geleistete Arbeit – auch in Hinblick auf die bestehenden Lieferengpässe, aber auch vor dem Hintergrund der hohen Inflation – muss wertgeschätzt und fair honoriert werden. Dies ist in dem vorgelegten Gesetzentwurf bislang meines Erachtens nicht der Fall. Wir werden eine Grundsatzdiskussion darüber führen müssen, wie wir auf der einen Seite die gesetzliche Krankenversicherung nicht überfordern, aber zugleich die Arzneimittelversorgung der Bevölkerung langfristig und nachhaltig sichern können.“

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