Der Impfstoffhersteller Biontech plant die Schließung mehrerer Produktionsstandorte. Das Mainzer Unternehmen begründete die Einschnitte mit einer zu geringen Auslastung, Überkapazitäten und Kosteneinsparungen.
Betroffen von den Plänen seien die Produktionsstandorte in Idar-Oberstein, Marburg und Singapur sowie Standorte vom übernommenen Konkurrenten Curevac. Insgesamt bis zu 1860 Stellen könnten von den Maßnahmen betroffen sein, kündigte das Management des Biopharma-Unternehmens an. Besonders einschneidend ist das geplante Aus des Tübinger Standorts, dem früheren Hauptsitz von Curevac. Dieser soll bis Ende 2027 aufgegeben werden. Demnach sind rund 820 frühere Curevac-Beschäftigte betroffen.
In Marburg trifft es rund 540 Arbeitsplätze. Der Abbau solle sozialverträglich ablaufen, sagte eine Unternehmenssprecherin. Betroffene Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter hätten die Möglichkeit, sich innerhalb des Unternehmens auf offene Stellen zu bewerben. Biontech hatte das Werk, das sich auf dem Gelände der historischen Behringwerke in Marburg befindet, vom Schweizer Pharmakonzern Novartis übernommen und Millionen in den Standort investiert. Ab 2021 bis heute wird dort der Covid-19-Impfstoff hergestellt.
Geplant ist, die Standorte in Idar-Oberstein, Marburg und Tübingen bis Ende 2027 zu schließen. Der Betrieb in Singapur soll voraussichtlich im ersten Quartal 2027 eingestellt werden. Geplant sei ein partieller oder vollständiger Verkauf.
Das Biopharma-Unternehmen rechnet nach vollständiger Umsetzung der Maßnahmen im Jahr 2029 mit wiederkehrenden jährliche Einsparungen von bis zu rund 500 Millionen Euro. Die Mittel sollen für die Forschung, Entwicklung und Markteinführung von Medikamenten gegen Krebs eingesetzt werden.
Im ersten Quartal verbuchte Biontech einen zurückgehenden Umsatz. Die Erlöse lagen bei 118,1 Millionen nach 182,8 Millionen Euro in den ersten drei Monaten des Vorjahres. Der Rückgang sei vor allem auf niedrigere Umsätze mit den Covid-19-Impfstoffen zurückzuführen.
Der Nettoverlust stieg an und betrug den Angaben zufolge 531,9 Millionen Euro. Im ersten Quartal des Vorjahres lag der Wert bei 415,8 Millionen Euro. Als Grund für die Entwicklung nannten die Mainzer höhere Kosten für die Entwicklung von Programmen für die Immunonkologie.
Für die Impfsaison 2026/27 werde die Entwicklung eines an Varianten angepassten Covid-19-Impfstoffs vorbereitet. Biontech kündigte an, dass die Herstellung des Covid-19-Impfstoffs künftig vollständig von den Pfizer-Standorten in Europa und Amerika abgedeckt werde.
Angesichts der hohen Entwicklungskosten hatte Biontech bereits das Vorjahr mit einem Milliardenverlust abgeschlossen. Für dieses Jahr rechnet Biontech sowohl auf dem europäischen als auch auf dem US-amerikanischen Markt mit geringeren Umsätzen aus dem Geschäft mit Covid-19-Impfstoffen. Für die Impfsaison 2026/27 werde die Entwicklung eines an Varianten angepassten Covid-19-Impfstoffs vorbereitet.
Für 2026 erwartet das Unternehmen, dessen Gründer Professor Dr. Ugur Sahin und Professor Dr. Özlem Türeci spätestens Ende dieses Jahres ausscheiden werden, Erlöse zwischen 2,0 Milliarden und 2,3 Milliarden Euro.
Biontech, das in der Corona-Pandemie Milliarden mit seinem Corona-Impfstoff verdient hatte, entwickelt Medikamente auf mRNA-Basis gegen Krebs und andere Krankheiten. Jüngst wurde das Biotechnologieunternehmen Curevac mit Sitz in Tübingen übernommen. Bis 2030 wollen die Mainzer mehrere Zulassungsanträge für Onkologie-Kandidaten gestellt haben.
„Im ersten Quartal haben wir entscheidende Fortschritte bei der Umsetzung unserer Onkologiestrategie gemacht. Das zeigen unter anderem die jüngst präsentierten Daten aus unserem tumorübergreifenden Programm Pumitamig sowie aus unserem vielseitigen Portfolio an Antikörper-Wirkstoff-Konjugaten. Gleichzeitig bauen wir unsere klinischen Programme weiter aus, um innovative Kombinationstherapien mit einzubeziehen. Damit wollen wir die optimale Strategie für zukünftige Zulassungsstudien mit Kombinationsansätzen ermitteln und das Potenzial unserer Pipeline voll ausschöpfen“, so Sahin, Chief Executive Officer und Mitgründer in einer Mitteilung des Unternehmens. „Wir werden uns weiterhin auf die beschleunigte Entwicklung unserer wichtigsten strategischen Programme konzentrieren, während wir an unserer Vision festhalten, die Gesundheit von Patientinnen und Patienten mit Krebs auf Basis wissenschaftlicher Erkenntnisse zu verbessern.“
Der Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer (parteilos) hat die angekündigte Schließung scharf kritisiert. Er sprach von einem schweren Schlag für die Stadt, das Land Baden-Württemberg und die hochqualifizierten Beschäftigten, die Curevac über Jahre getragen hätten. „Ich erwarte von Biontech, dass keine unumkehrbaren Fakten geschaffen werden, bevor ernsthaft über Alternativen verhandelt wurde. Erst kaufen, dann killen, das geht so nicht.“
Wer Curevac übernehme, trage auch Verantwortung für die Beschäftigten, den Forschungsstandort und ein Stück deutscher Innovationsgeschichte. Curevac sei kein beliebiger Firmenname. „Curevac ist in Tübingen entstanden – aus der Universität, aus der Arbeit von Pionieren wie Ingmar Hoerr und Hans-Georg Rammensee“, betonte Palmer. Sie legten bahnbrechende Grundlagen für die mRNA-Technologie. „Hier standen Wissenschaftlerinnen, Wissenschaftler und Beschäftigte für eine Idee, die die Medizin weltweit verändert hat. Dieses Erbe darf nicht abgewickelt werden“, so Palmer.
Der Oberbürgermeister forderte Biontech, die Landes- und Bundesregierung sowie Wissenschaftseinrichtungen auf, rasch nach Lösungen zu suchen. Ziel müsse sein, möglichst viele Arbeitsplätze zu erhalten und Forschung sowie Produktion am Standort zu sichern.
Die Betriebsräte der betroffenen Standorte sprachen nach der Bekanntgabe der geplanten Werkschließungen von inakzeptablen und verantwortungslosen Plänen des Managements. Die Arbeitnehmervertreter kündigten entschiedenen Widerstand der Beschäftigten an. Die Betriebsräte äußerten die Hoffnung, dass die angedrohte Stilllegung der Werke durch den Verkauf an einen Investor verhindert werden könnte.
Die Gewerkschaft IG BCE kritisierte „den geplanten Kahlschlag“. Im Konzern hätten offenbar endgültig die Rechenschieber das Regiment übernommen, sagte der Leiter des Landesbezirks Rheinland-Pfalz-Saarland, Roland Strasser. „Aus kurzfristigem finanziellem Kalkül streichen sie radikal Produktionskapazitäten zusammen und schaden damit der Resilienz des Pharma- und Biotech-Standorts Deutschland.“
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