Das estnische Ministerium für Soziales hat einen Entwurf zur Änderung des Arzneimittelgesetzes vorgelegt. Per Änderung sollen Apothekenautomaten zur Selbstbedienung eingeführt werden können, um den Zugang zu Arzneimitteln – vor allem in ländlichen Regionen – zu vereinfachen. Apotheken sollen zudem Rezepturen bei anderen Apotheken bestellen können; auch die Krankenhausapotheken sollen hier mehr integriert werden.
Apothekendienstleistungen hätten sich in den letzten Jahrzehnten vor allem auf städtische Lagen konzentriert, heißt es vom Ministerium. Auf dem Land habe sich daher der Zugang zu Arzneimitteln verschlechtert, ein Nacht- und Notdienst fehle. Es gebe nur drei Apotheken in ganz Estland, die einen Notdienst anbieten – zwei in der Hauptstadt Tallinn und eine in Tartu, der zweitgrößten Stadt Estlands.
Sozialministerin Karmen Joller, selbst Ärztin, meint, Medikamente müssten für alle Menschen zugänglich sein, daher müsse nun eine Gesetzesänderung her. „Eine Maschine wird die Apotheke nicht ersetzen, und das ist auch nicht unser Ziel. Viele Menschen haben jedoch die Erfahrung gemacht, dass sich selbst kleinere gesundheitliche Probleme zu einem großen Problem auswachsen können, wenn die nächste Apotheke weit entfernt oder abends bereits geschlossen ist“, so Joller.
„Genauso wichtig ist es, dass man die benötigten Medikamente auch dann erhält, wenn diese speziell hergestellt werden müssen oder komplexere Technologien erfordern. Mit diesen Änderungen geben wir Apotheken mehr Möglichkeiten zur Zusammenarbeit und zur besseren Nutzung des Fachwissens von Apotheken und Krankenhausapotheken mit ausgeprägteren Herstellungskapazitäten“, so die Ministerin weiter.
Helfen sollen nun Abgabeautomaten, bestückt mit rezeptfreien und verschreibungspflichtigen Medikamenten, vorab bestellt per E-Rezept. Und auch die Telepharmazie spielt hier eine entscheidende Rolle: Apotheker:innen oder PTA können Rezepte annehmen, prüfen und die Patient:innen per Videoanruf beraten. „Das bedeutet, dass die Person niemals ohne professionelle Unterstützung sein wird“, heißt es vom Ministerium. Die Entscheidung über die Abgabe werde stets von qualifiziertem Personal getroffen.
Die Automaten sollen in bestehende Apotheken integriert werden, sodass sie das Apothekennetz sinnvoll ergänzen und nicht einzelne Apotheken ersetzen. Auch eine Regel zur sinnvollen Verteilung der Automaten sowie zu weiterhin gesicherten Öffnungszeiten der Offizinen soll es geben. Eine Pflicht, einen solchen Automaten in Betrieb zu nehmen, werde es nicht geben, heißt es zudem. Inhaber:innen sollen selbst entscheiden.
In Estland versorgen etwa 500 Apotheken 1,3 Millionen Menschen, wobei es pro Apotheke oft nur zwei bis fünf Beschäftigte gibt. Der Fremdbesitzverbot wurde dadurch eingegrenzt, dass ein Apotheker oder eine Apothekerin die Mehrheitsanteile an der Apotheke besitzen muss. Das E-Rezept gibt es hier schon lange und auch sonst gelten die Est:innen als Vorreiter in Sachen Digitalisierung.
Rezepturarzneimittel sollen künftig bei Bedarf auch in anderen Apotheken in Auftrag gegeben werden können. „Das bedeutet, dass Arzneimittel hauptsächlich in Apotheken hergestellt werden, die über die erforderliche Ausstattung und Expertise verfügen“, so das Ministerium. Für Patient:innen ändere sich somit nichts; die Rezeptabgabe und die Arzneimittelausgabe verblieben in der Stammapotheke. „Das Medikament bewegt sich, nicht der Patient.“
Im Rahmen der Herstellung sollen öffentliche Apotheken zudem Arzneimittel bei Krankenhausapotheken bestellen können. Wenn ein Patient beispielsweise im Krankenhaus ein Medikament erhält, seine Apotheke vor Ort es aber nicht vorrätig hat, soll die Zubereitung zukünftig über die Krankenhausapotheke organisiert werden.
„Estland muss ein Land sein, in dem innovative und intelligente Lösungen nicht nur Ideen bleiben, sondern im Alltag der Menschen Einzug halten. Die Einführung von Apotheken mit Selbstbedienung ist ein gutes Beispiel dafür, wie ein nationaler Innovationsbeschleuniger dazu beitragen kann, Raum für neue Technologien und Geschäftsmodelle zu schaffen, selbst in stark regulierten Branchen. Wenn wir in Europa Innovationsführer sein wollen, müssen wir die Entwicklung und Anwendung solcher Lösungen gezielt fördern“, sagte Wirtschafts- und Industrieminister Erkki Keldo, dessen Ministerium im Rahmen des Programms „Accelerate Estonia“ am Entwurf mitgewirkt hat.
Ursprünglich haben die Änderungspläne auch vorgesehen, eine Übergabe der Apothekenbestellungen mittels der einschlägigen Lieferdienste möglich zu machen. „Die Idee, dass Medikamente künftig über Plattformen wie Wolt oder Bolt an die Menschen gelangen könnten, ist nicht verworfen worden. Es ist jedoch wichtig klarzustellen, dass die jüngsten, vom Sozialministerium zur Genehmigung eingereichten Änderungen des Arzneimittelgesetzes Selbstbedienungsapotheken betreffen und nicht auf dieses spezifische Servicemodell abzielen“, so Joosep Kään, Leiter der Verwaltung und Entwicklung bei „Accelerate Estonia“.
„Aufgrund der aktuellen Analyse erlaubt die bestehende Gesetzgebung bereits ein Modell, bei dem die Apotheke weiterhin Verkäufer und Verantwortlicher bleibt und das Recht zum Fernabsatz von Arzneimitteln besitzt, während die Plattform als zusätzlicher Vertriebskanal und Liefervermittler dient. Alle Anforderungen im Zusammenhang mit dem Verkauf von Arzneimitteln bleiben bestehen, einschließlich der Beratung durch Apotheker, der korrekten Darstellung von Arzneimittelinformationen, der sicheren Handhabung und der Verantwortung der Apotheke“, erklärte er außerdem.
Zum Projekt heißt es bei der Vorstellung: „Estland will im Bereich innovativer Ressourcenbewirtschaftung eine Vorreiterrolle einnehmen und mithilfe von Technologie die Verteilung medizinischer Ressourcen effizienter gestalten. Die zunehmende Inanspruchnahme von Notfalldiensten allein zur Medikamentenversorgung ist auf veraltete Vorschriften zurückzuführen und führt zu einer Ressourcenineffizienz.“ Um diese Vision zu verwirklichen, arbeite „Accelerate Estonia“ mit Grab2Go zusammen. Mit dem Vorhaben wolle man auch die Notfallambulanzen entlasten.
Die Phoenix-Tochter Benu, die im baltischen Land ihre Apothekenkette betreibt, führt bereits Testläufe zu den digitalen Bestellungabwicklungen zusammen mit Grab2Go durch.
Die auch vom Ministerium berücksichtigte Analyse durch PwC Estland ergab zudem, dass im Laufe des nächsten Jahrzehnts mit einem zunehmenden Mangel an Apotheker:innen und PTA zu rechnen sei, digitale Lösungen könnten den Mangel auffangen. Das Durchschnittsalter der Fachkräfte sei hoch: 53 Prozent der Approbierten und 43 Prozent der PTA sind demnach älter als 50 Jahre.
„Accelerate Estonia“ stellt das Projekt wie folgt vor:
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