Exklusivinterview

Valneva-CEO: Ganzvirusimpfstoff könnte noch entscheidend sein

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Valneva-CEO Thomas Lingelbach ist überzeugt, dass der inaktivierte Ganzvirusimpfstoff seines Unternehmens noch gebraucht wird.
Berlin -

Nervenkrimi bei Valneva: Die Europäische Arzneimittelagentur (EMA) hat die Zulassung des Corona-Ganzvirusimpfstoffs VLA2001 empfohlen, doch die EU-Kommission hat wegen der Verspätung die Kündigung der Verträge angedroht. Im Interview mit Chefredakteur Patrick Hollstein erklärt CEO Thomas Lingelbach, wie es dazu kommen konnte und wie Valneva als mittelständisches Unternehmen damit umgeht, wie der Impfstoff funktioniert und was ihn einzigartig und teilweise überlegen macht – und warum es ein riesiger Fehler wäre, ausgerechnet beim einzigen Totimpfstoff in ganz Europa jetzt den Stecker zu ziehen.

Lingelbach appelliert an die EU und die Mitgliedstaaten, nicht aus dem Vertrag mit seinem Unternehmen auszusteigen und damit vorschnell beim einzigen inaktivierten Ganzvirusimpfstoff den Stecker zu ziehen. In einem Portfolio unterschiedlicher Impfstoffe gegen das Coronavirus könnte die Technologie noch eine wichtige Rolle spielen, so der Unternehmenschef im Interview.

Der Impfstoff VLA2001 sei der einzige inaktivierte Ganzvirusimpfstoff und zeichne sich durch eine sehr gute Wirksamkeit und Verträglichkeit aus: In der Zulassungsstudie seien 40 Prozent mehr Antikörper erzeugt worden als beim Vergleichsimpfstoff von AstraZeneca. Mindestens gegen zwei weitere stabile Oberflächenproteine würden zudem Antikörper gebildet, was auch bei neuen Varianten nützlich sein könnte. Und schließlich werde durch das zugesetzte Adjuvans eine breite T-Zell-Antwort generiert.

„Zusammenfassend muss man eigentlich sagen, dass das Virus in abgetöteter Form die natürliche Infektion am besten nachahmt“, so Lingelbach. In Kombination mit mRNA- oder Vektorimpfstoffen könne daher wohl dieselbe Hybrid-Immunität erzeugt werden wie in der Konstellation Infektion plus Impfung, die laut einer israelischen Studie den besten Schutz vor schweren Verläufen auch gegen die aktuelle Omikron-Variante biete.

„Wir sehen bei unserem Impfstoff viele, viele Vorteile“, so Lingelbach. Neben den wissenschaftlichen Aspekten gebe es weitere Alleinstellungsmerkmale: Inaktivierte Impfstoffe hätten in der Regel Haltbarkeiten von 36 Monaten, in diese Richtung gehe es auch beim Vakzin von Valneva. Darüber hinaus erzeugten sie eine längere Immunantwort, was man für VLA2001 allerdings erst noch an Langzeitstudien zeigen müsse. Und schließlich sei die Technologie seit 70 Jahren bekannt und werde von vielen Menschen als sicher wahrgenommen.

Start mit Mindestmenge

Dass die EU-Kommission trotzdem angekündigt habe, aufgrund vereinbarter Fristen den Liefervertrag zu kündigen, finde er sehr bedauerlich – zumal mittlerweile mit zwei Monaten Verspätung die Zulassung vorliege. „Ich glaube nicht, dass es eine in irgendeiner Form wissenschaftlich getriebene Entscheidung ist“, so Lingelbach. Vielmehr gebe es in Europa derzeit sehr viel Impfstoff und auch eine große Impfmüdigkeit. Alle Regierungen seien angesichts der makroökonomischen Entwicklungen unter Budgetdruck.

Er hoffe sehr, dass die EU-Kommission den Vertrag angesichts der nun vorliegenden regulären Vollzulassung nicht gänzlich kündige und man wenigstens eine Mindestmenge in die EU liefern könne – und dann, wenn der Bedarf da sei, die Mengen über die Zeit hochfahren könne.

„Wir sind davon überzeugt, dass unser Impfstoff einen signifikanten Beitrag bei der Bekämpfung der Pandemie leisten kann, etwa indem wir Menschen, die sich bislang nicht impfen ließen, erreichen.“ Es gebe immer noch 15 Prozent Europäer über 18 Jahren, die noch nicht geimpft seien – darunter viele Menschen, die auf einen konventionellen Impfstoff mit einem hervorragenden Verträglichkeitsprofil gewartet hätten.

Aufbau einer Impfstoff-Plattform

Darüber hinaus werde man in den kommenden Monaten sehen, dass man eine Plattform mit verschiedenen Impfstoffen brauche. „Wir haben so viele Unbekannte, die vor uns liegen: Wir wissen nicht, wie sich die Varianten entwickeln. Wir wissen nicht, wie wichtig das Thema Hybrid-Immunität noch wird. Vielleicht ist es gerade der inaktivierte Impfstoff – in einer Kombination mit anderen – der hier noch einen Stellenwert finden wird.“ So richtig daher die Entscheidung sei, sich noch nicht für eine Plattform zu entscheiden, so bedauerlich sei es, dass man ausgerechnet den inaktivierten Impfstoff ausgrenze.

Valneva würde gerne an einem weiterführenden Impfstoff arbeiten, etwa einer multivalenten Vakzine oder einem Impfstoff mit zusätzlichen Komponenten. „Inaktivierte Impfstoffe eignen sich hervorragend für den Aufbau von Plattformen, man kennt das von den Grippeimpfstoffen. Aber das ist natürlich eine Frage der Investitionskapazität.“ Er sei dankbar für die Unterstützung und die Zuwendungen erst der britischen Regierung und dann der EU. Es stehe aber noch viel Forschungsarbeit an, die Valneva als einziges mittelständisches Impfstoff-Unternehmen finanzieren müsse. „Da gibt es eine Grenze, und die muss man nicht nur kurzfristig, sondern mittelfristig betrachten.“

Dass die Zulassung überhaupt so lange gedauert hat, habe verschiedene Ursachen. So habe man zunächst in der Entwicklungspartnerschaft mit der britischen Regierung wertvolle Zeit verloren, etwa weil sich klinische Studien verzögerten. Dann musste nach dem Ausstieg auf Eigenregie umgestellt werden, was erneut zusätzlichen Aufwand bedeutete. „Man darf nicht vergessen, dass wir – als kleinster Player – die erste Firma in Europa waren, die einen Immunokomperabilitätsansatz gezeigt hat. Im Bereich Covid haben wir als Pathfinder agiert und Daten im Zulassungsverfahren immer wieder nachgereicht.“

Hintergrund

Die EU-Kommission hat die Marktzulassung für Valnevas Corona-Impfstoff VLA2001 zur Verwendung als Erstimpfung bei Menschen im Alter von 18 bis 50 Jahren in Europa erteilt. Es ist der einzige inaktivierte Covid-19-Ganzvirusimpfstoff und der erste Covid-19-Impfstoff, der in Europa eine Standard-Marktzulassung erhält. Die Marktzulassung gilt für alle 28 Mitgliedstaaten sowie für Island, Liechtenstein und Norwegen.

Noch ist aber unklar, ob der Impfstoff dann hierzulande überhaupt auf den Markt kommt. Nachdem die Zulassung ein halbes Jahr auf sich warten ließ, hat die EU-Kommission angekündigt, den Vorvertrag über 60 Millionen Dosen zu kündigen. Zuletzt hatte Valneva erklärt, dass die EU deutlich weniger Dosen abnehmen wolle: An Deutschland beispielsweise sollten nur noch eine Million Dosen statt der ursprünglich geplanten 12 Millionen Dosen gehen. Der Hersteller hatte daraufhin angekündigt, überhaupt nichts mehr nach die EU zu liefern, weil die Produktion und weitere Entwicklung zu teuer seien.

Das würde das Aus für den einzigen Corona-Totimpfstoff bedeuten, faktisch gäbe es dann nur noch die beiden mRNA-Impfstoffe von Biontech und Moderna sowie den Proteinimpfstoff von Novavax.

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