„Fiebersaft gehört in die Apotheke vor Ort!“

Preis fordert absolutes Versandverbot in Pandemiephase

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Thomas Preis, Vorsitzender des Apothekerverbands Nordrhein, fordert ein absolutes Versandverbot für Arzneimittel während der Corona-Krise.
Berlin -

Thomas Preis, Vorsitzender des Apothekerverbands Nordrhein (AVNR), fordert angesichts der steigenden Lieferengpässe in der Corona-Krise ein absolutes Versandverbot für Arzneimittel. Die Regierung müsse jetzt die Versorgung vor Ort mit Fiebersaft, Antibiotika und anderen akut benötigten Medikamenten sichern, erklärt Preis im Video-Interview mit APOTHEKE ADHOC. Außerdem sollten die Kassen aus seiner Sicht zumindest in der Phase der aktuellen Pandemie die Zuzahlung selbst bei ihren Versicherten einziehen, um den Bargeldaustausch in der Offizin möglichst zu reduzieren.

ADHOC: Die Bundesregierung plant Änderungen am Infektionsschutzgesetz, davon ist auch die Arzneimittelversorgung betroffen. Worauf kommt es aus Ihrer Sicht besonders an?
PREIS: Es ist schon verwunderlich, was jetzt plötzlich alles machbar ist. Bei diesem Gesetz geht es ja darum, die Arzneimittelversorgung noch sicherer zu machen als sie ohnehin schon ist. Und ich glaube, da bedarf es einer genauen Analyse, wo denn die Versorgung jetzt geleistet wird – und das ist zum allergrößten Teil in den öffentlichen Apotheken. Wir haben steigende Kundenzahlen, die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter arbeiten an der Grenze. Und wir haben sowieso schon mit Lieferschwierigkeiten zu kämpfen, die jetzt aber noch zunehmen unter dem Eindruck der Pandemie. Eine ganz klare Forderung ist jetzt, dass das Thema Versandhandelsverbot zumindest für die Pandemiezeit auf den Tisch kommt. Es kann nicht sein, dass Wirkstoffe in den Lagern der Versandhändler liegen, die wir dringend vor Ort brauchen. Unsere Patienten brauchen den Fiebersaft für das Kind in der Apotheke vor Ort sofort und das gilt auch für Antibiotika und andere Medikamente.

ADHOC: Der stationäre Handel sollte gegenüber dem Versand bevorzugt werden?
PREIS: Der Versandhandel ist eine reine Convenience-Option, eine reine Bequemlichkeit. Aber diese Bequemlichkeit können wir uns in der aktuellen Situation nicht leisten, deswegen muss jetzt ein Versandhandelsverbot wenigstens für die Zeit der Pandemie her.

ADHOC: Ein generelles Versandverbot, also auch für OTC-Arzneimittel – mit allen europarechtlichen Schwierigkeiten, die das ja fraglos mit sich bringen würde?
PREIS: Wir müssen das Thema Non-Rx jetzt ansprechen. Denn wir haben in den vergangenen Tagen erhebliche Lieferprobleme bei Paracetamol bekommen. Die Versandhändler können und dürfen dann nicht konkurrieren, wir brauchen diese wichtigen Medikamente in den Apotheken und nicht in den Lagern in Holland. Ich sehen eine große Chance. Für Gesundheitsminister Spahn und Bundeskanzlerin Merkel: In der zweiten Jahreshälfte liegt die EU-Ratspräsidentschaft bei unserer Bundesrepublik und wir werden noch in Corona-Zeiten sein – da wird man auch dieses Thema ansprechen müssen.

ADHOC: Glauben Sie, dass der Arm der Bundesregierung so lang ist, in diese europarechtlichen Fragen einzugreifen?
PREIS: Wenn nicht jetzt, wann dann? Jens Spahn hat ja schon angesprochen, dass auch die Arzneimittelherstellung wieder nach Europa geholt werden soll angesichts dieser Pandemiesituation. Genauso gilt: Die Arzneimittelversorgung muss auch wieder in die Apotheke vor Ort geholt werden. Dafür ist jetzt der richtige Zeitpunkt.

ADHOC: Und nach der Pandemie-Phase?
PREIS: Wir haben 300 bestätigte Positionen von versorgungsrelevanten Wirkstoffen haben, nicht oder schlecht lieferbar sind, dann muss man auch in Zeiten ohne Pandemie diese Wirkstoffe grundsätzlich von Versandhandel ausnehmen. Es kann nicht sein, dass die Apothjeke vor Ort Medikamente nicht bekommt, nur weil sie beim Versandhandel liegen.

ADHOC: Lieferengpässe waren schon vor der Corona-Krise ein schwieriges Thema in Apotheken und das Problem verschärft sich derzeit. Jetzt haben die Krankenkassen zumindest bei die Rabattverträge gelockert. Wie ist die Situation in den Apotheken derzeit und was wünschen Sie sich vielleicht zusätzlich von den Kassen?
PREIS: Wir haben eine gute Regelung gefunden, die mittlerweile auch flächendeckend gilt. Aber wir müssen zusätzliche Entlastungen bekommen. Es kann nicht sein, dass jetzt noch Rezepte in die Arztpraxis zurückgebracht werden müssen, um Änderungen vorzunehmen. Das passt jetzt überhaupt nicht in die Zeit. Die Kontakte zwischen den Personen sollen möglichst begrenzt werden, deshalb benötigen wir hier eine generelle Freigabe, wenigstens nach telefonsicher Rücksprache mit dem Arzt.

ADHOC: Versandverbot und gelockerte Abgaberegeln – ist das eine Abda-Forderung?
PREIS: Das ist nicht mit der Abda abgestimmt. Wir brauchen jetzt schnelle Lösungen und müssen voranschreiten – so wie wir hier in Nordrhein mit der Vereinbarung mit der AOK vorangeschritten sind. Ich glaube, es würde der Abda gut anstehen, dass man nicht reagiert, sondern agiert. Dieses Gesetz bietet eine Chance, dass wir das Thema Versandhandel angehen, das Thema Lieferfähigkeit und die Versorgung vor Ort. Diese Chance muss jetzt aktiv genutzt werden.

ADHOC: Gab es schon Gespräche dazu?
PREIS: Die Gespräche werden wir in dieser Woche führen und das Thema im ABDA-Gesamtvorstand ansprechen. Jetzt ist aus meiner Sicht schnelles Handeln wichtig.

ADHOC: Sehen Sie – abseits einer Plexiglasscheibe – weitere Möglichkeiten für die Teams in den Apotheken, um eine Infektionsgefahr zu reduzieren?
PREIS: Man sollte darüber nachdenken, das Handling mit Bargeld in der Apotheke zu reduzieren. Das Einziehen der gesetzlichen Zuzahlung ist ohnehin keine originäre Aufgabe der Apotheken und verlängert die Aufenthaltszeit der Patienten in der Apotheke – was gerade jetzt zu vermeiden wäre. Wir haben das Problem mit dem Kassieren auch beim zunehmenden Botendienst, was ja gewünscht ist. Im Zeitalter der Digitalisierung könnten die Krankenkassen die Zuzahlung auch sehr leicht selbst einziehen. Zumindest hier in Köln ist es außerdem so, dass viele Filialen der Banken und Sparkassen seit Anfang der Woche geschlossen haben, was das Bargeld-Problem zusätzlich verschärft.

ADHOC: Was ist, wenn sich doch jemand im Team ansteckt. Wie sollen die Apotheken damit umgehen?
PREIS: Ein wichtiges Thema. Viele Apotheker haben Angst, dass ihre Apotheke geschlossen wird, weil das ganze Team unter Quarantäne gestellt. Nach unseren Informationen gibt es schon einzelne Gesundheitsämter, die das anders handhaben. Der Betroffene wird in Quarantäne gesetzt, die anderen Mitarbeiter werden engmaschig kontrolliert und arbeiten weiter, solange kein Test positiv ausfällt. So kann die Versorgung in den Kliniken aufrecht erhalten werden und das gleiche gilt für die Versorgung mit Arzneimitteln in öffentlichen Apotheken. Wenn eine Apotheke wegfällt, muss diese Last von den anderen getragen werden und die Last ist jetzt schon so groß, dass das in den allermeisten Fällen nicht zu stemmen wäre. Deswegen brauchen wir die gleiche Regelung wie in den Kliniken, dass die Mitarbeiter quasi „gesundgetestet“ werden. Weiterer Vorteil für die Mitarbeiter: Sie wissen, dass sie nicht infiziert sind und niemanden zu Hause anstecken.

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