„Von Durchseuchung extrem weit entfernt“

Antikörper-Studien: Ohne Impfstoff keine Herdenimmunität dpa, 01.08.2020 09:32 Uhr

Berlin - An zahlreichen Orten laufen derzeit Antikörper-Studien zum Coronavirus Sars-CoV-2. Die Ergebnisse zeigen vor allem eines: Bisher haben viel zu wenig Menschen eine Infektion überstanden, um mit einer möglichen Immunität die weitere Ausbreitung des Virus zu stoppen.

Erste Ergebnisse von Corona-Antikörper-Studien unterstreichen nach Auffassung des Münchner Infektiologen Clemens Wendtner die Notwenigkeit einer Impfung zur Eindämmung der Pandemie. „Die Durchseuchung in der Bevölkerung ist so gering, dass wir uns nicht auf Herdenimmunität verlassen können“, sagte der Chefarzt der Klinik für Infektiologie in der München Klinik Schwabing. Dort waren im Januar die ersten Corona-Patienten behandelt worden. „Von 70 Prozent Durchseuchung sind wir extrem weit entfernt. Deshalb ist die Suche nach einem Impfstoff wichtig. Ohne Impfung werden wir aus meiner Sicht keine Herdenimmunität bekommen.“

Darüber hinaus sei die Aussagekraft der Antikörperstudien begrenzt. Sie sagten nur aus, ob jemand eine Infektion durchgemacht habe – nicht aber, ob er nun immun sei gegen Sars-CoV-2. Welche Zellen und Antikörper im Körper für eine Immunität sorgen und wie lange sie anhält, sind offene Fragestellungen laufende Studien. „Zumindest wissen wir, dass neutralisierende Antikörper einen Schutz vor einer weiteren Infektion bieten. Wie lange, wissen wir nicht.“ Untersuchungen an genesenen Patienten zeigten, dass die Zahl neutralisierender Antikörper nach Wochen teils wieder stark absinke. Darüber hinaus sagen die Tests nichts aus über die sogenannte T-Zell-Immunität. Sie funktioniert über T-Lymphozyten, die virusinfizierte Zellen abtöten können, wenn sie zuvor ihren Gegner einmal kennengelernt haben. Auch die Rolle dieser Zellen im Kampf gegen Covid-19 müsse weiter erforscht werden.

In München werden Ergebnisse einer Antikörper-Studie mit rund 3000 Haushalten in den nächsten Wochen erwartet. Bei einer Studie mit Proben von rund 12.000 Blutspendern wurden nur in rund 1,5 Prozent Antikörper gefunden. Eine Studie in der Gemeinde Gangelt im nordrhein-westfälischen Kreis Heinsberg ergab eine Quote von 15 Prozent. Eine Studie aus Ischgl, von wo aus sich das Virus europaweit ausgebreitet hatte, ergab eine Durchseuchung von gut 42 Prozent – selbst wenn dies eine Immunität bedeuten sollte, wäre es zu wenig, um die weitere Ausbreitung des Virus zu verhindern. Umso mehr gehe es darum, weiter Vorsicht walten zu lassen, sagte Wendtner. „Wichtig ist mir, dass jeder Einzelne durch die Einhaltung der geltenden Schutzmaßnahmen bis dahin einen extrem wichtigen Beitrag leisten kann.“

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