„Nehmt die Blonde mit dem großen Hund!“ | APOTHEKE ADHOC
Zwangsschließung in Sundern

„Nehmt die Blonde mit dem großen Hund!“

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Berlin -

„Du bist ja mutig!“ sagen die einen ein wenig herablassend. „Wart‘s nur ab. Wenn du erst mal zehn Jahre hinter dir hast, geht es dir schlecht“, sagen die anderen. Apothekerin Jennifer Stock lächelt die Zweifler weg. Gerade hat sie sich in Sundern im Sauerland ihren Traum von der eigenen Apotheke verwirklicht. Die Gelegenheit war günstig: Ihr ehemaliger Chef musste per Gerichtsbeschluss drei Apotheken schließen, eine davon wurde ihr angeboten.

Unter dem Namen Rochus-Apotheke wurde die Hubertus-Apotheke kürzlich wieder eröffnet. Als die Offizin versiegelt wurde, rieten Sunderner den Besitzern der Immobilie, zu der auch ein kleines Ärztehaus gehört: „Nehmt die Blonde mit dem großen Hund!“ Der große Hund, das ist Frida. Frida ist drei Jahre alt und ein riesiger Kuschelhund der Rasse Landseer.

Diese Hunde sind „schuld“ daran, dass in Stock schon früh der Wunsch nach einem Berufsleben in einer Apotheke geweckt wurde: „Frida ist mein dritter Landseer-Hund. Den ersten bekam ich, als ich 15 Jahre alt war. Die Züchterin war eine Apothekerin. Sie hat mich auf diesen Beruf gebracht. Sie hat mir geholfen, den Hund zu erziehen, mit ihm ein Team zu werden.“ Eine Landseer-Hündin wiegt ausgewachsen zwischen 50 und 55 Kilo und will intelligent und zeitintensiv beschäftigt werden. „Die Apothekerin war im Tierumgang perfekt, ruhig und liebevoll. Mit 15 wollte ich so sein wie sie“, erinnert sich die Apothekerin. Noch heute hält sie Kontakt mit ihr.

Stock absolvierte eine PTA-Ausbildung und studierte danach in Münster Pharmazie. Die Hubuertus-Apotheke führte sie von 2010 bis 2015 als Filialleiterin, danach arbeitete sie für sie für zwei Jahre in der West-Apotheke in Soest. Als ihr – nach der Zwangsschließung – die Apotheke angeboten wurde, kam sie zurück nach Sundern.

Mit 39 Jahren kann sie 17 Jahre Berufspraxis vorweisen. Sie weiß: „Eine Apotheke auf dem Land ist kein Selbstläufer. Aber hier sieht man den Menschen als Menschen, wir haben 70 Prozent Stammkundschaft. Wir wissen, wer mit wem verheiratet ist, wer Kinder, Hund oder Katze hat. Und wenn jemand krank war, fragen wir beim nächsten Mal, ob‘s wieder besser geht. Das ist meine Vorstellung von Apotheke.“

Wenn die freundliche alte Dame ihren 100. Geburtstag feiert, überreicht sie mit ihren Mitarbeiterinnen einen Blumenstrauß. Weil es sich so gehört. Und sagt lächelnd: „Wenn eine Kundin 100 wird, hat auch die Apotheke einen guten Job gemacht.“

Innerhalb von sechs Wochen hat sie mit ihrem Team die leerstehende Apotheke auf Vordermann gebracht. „Der Vermieter ist Bauingenieur und hat alle ortsansässigen Handwerker engagiert, alles lief super. Wir haben jetzt überall stromsparende LED-Leuchten, eine Klimaanlage, Automatiktür.“ In den nächsten zwei bis drei Jahren will sie einen Kommissionierer einbauen lassen: „Die Pläne sind schon fertig. Wir bekommen einen komplett neuen HV-Bereich.“ Der große Umbau schreckt sie nicht ab: „Alles eine Sache der Planung.“

In der „alten“ Apotheke zu arbeiten, sei „wie nach Hause zu kommen“. Sie sagt: „Das ist mein Baby.“ Für ihr Team engagierte sie zwei PTA, mit denen sie auch früher schon zusammengearbeitet hat: „Alle sind mit Feuereifer dabei und total motiviert.

Die ersten Wochen sind phantastisch gelaufen, viele alte Kunden von früher sind gekommen und wollten gleich in die Kundenkartei aufgenommen werden.“ Diese Euphorie sei motivierend: „Wir wissen, dass sich die Mühe gelohnt hat.“

Die Selbständigkeit macht ihr Spaß, fast täglich postet sie auf Facebook, wie schön das Gefühl ist, sein eigener Chef zu sein: „Ich bin jetzt 39 und war immer angestellt. Als sich die Gelegenheit zur Selbständigkeit ergab, habe ich mir gesagt: Entweder machst du es jetzt oder du machst es gar nicht mehr.“

Die Vorteile beschreibt sie so: „Alles, was ich mache, tue ich für meine Mitarbeiter und mich. Die Arbeit ist anstrengend, man hat viel Verantwortung und Bürokratie, aber es macht mir nichts aus.“ Viele unterstützen sie auf ihrem Weg: „Das Logo des Heiligen Rochus hat zum Beispiel eine alte Kollegin und Freundin gezeichnet. Es hat Freude gemacht, zu entscheiden, wie das Logo aussieht. Früher, als Angestellte, durfte ich nicht mitentscheiden.“ Inspiriert wurde sie von der Rochus-Kapelle in der Nachbarschaft. Der Heilige Rochus ist der Schutzpatron der Pestkranken und Haustiere.

Mit der großen Entscheidung, ein eigenes Unternehmen zu starten, handelt sie gegen den allgemeinen Trend in der Apothekenbranche. Apotheker und PTA wollen in die Stadt – sagen die statistischen Zahlen. Stock hingegen sagt: „Ein Leben in der Stadt käme für mich niemals in Frage.“

Sie liebt das Leben auf dem Land, die Möglichkeit, in der Mittagspause oder nach der Arbeit schnell in einen See zu springen. Und auch für Hündin Frida ist das Leben in Sundern paradiesisch. Wiesen, Felder, Wälder. Im Winter wird mit Frauchen gewandert und gelaufen. Frida ist das Maskottchen der Rochus-Apotheke. Gelegentlich gibt der Hund auch auf Facebook gute Ratschläge, zum Beispiel gegen Hitze. „Sie ist unsere gute Seele.“

Reich werde man angesichts des rasanten Wandels in der Branche mit einer Apotheke nicht mehr: „Mein Ziel ist es, dass meine Mitarbeiter und Kunden glücklich und zufrieden sind. Ich finde meinen Beruf erfüllend.“ Mit diesem guten Gefühl könne man dann auch die Hürden der Bürokratie meistern: „Man wird als Apotheker viel gegängelt. Auf dem Präqualifizierungsantrag fehlte bei uns zum Beispiel auf Seite 27 unten links ein Kreuz.“

Also nochmal (fast) von vorne. Mailen kann man so eine Korrektur nicht. „Am besten, man schickt es eingeschrieben.“ Wieder ein Zeitfaktor. „Es bleibt dann weniger Zeit für die Kunden übrig.“ Auch in zehn Jahren, so viel steht fest, wird Apothekerin noch ihr Traumberuf sein. Sollen die Miesmacher doch sagen, was sie wollen.

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