Woher nehmen und nicht stehlen? Fieberhaft sucht die Politik nach einer Gegenfinanzierung für die versprochene Erhöhung des Fixums. Jetzt ist Gesundheitsministerin Nina Warken (CDU) ein kühner Coup gelungen: Der Entwurf zum Versorgung-statt-Verwaltung-Gesetz (VVG) sieht vor, dass die Krankenkassen eine Milliarde Euro im eigenen Apparat locker machen müssen.
„Wer fordert, muss auch einsparen – und kein Bereich darf davon ausgenommen werden.“ Gesundheitsministerin Nina Warken (CDU) hat den Spieß umgedreht. Diese Forderung, die so regelmäßig aus den Mündern verschiedenster Kassenchefs zu hören ist, soll gefälligst nun auch für die Kassen gelten. Bereits am Mittwoch hatte die Ministerin nämlich das im Koalitionsvertrag versprochene Fixum noch für dieses Frühjahr angekündigt – und mittlerweile hat sie nun auch die Finanzierung geklärt: „Das Fixum für die Apothekerschaft kostet rund eine Milliarde – das ist der Betrag, den die Selbstverwaltung bei sich einzusparen hat.“ Bei den Kassen herrscht Aufruhr: Woher soll das Geld kommen?
Doch wo ein Wille ist, da ist auch ein Weg! Gemeinsam kommen die Kassenchefs also in großer Runde in Berlin beim GKV-Spitzenverband zusammen. Auf einem großen Whiteboard an der Wand im Raum ist ein noch leerer Topf aufgezeichnet. Oben steht groß: „Eine Milliarde“.
Um kurzfristig für dieses Jahr schnell auf die Milliarde zu kommen, greifen die Kassen zu ungewöhnlichen Maßnahmen: Mit sofortiger Wirkung herrscht eine absolute Homeoffice-Pflicht. Miete ist schließlich verdammt teuer. Eilig kündigen die Kassen die Bürogebäude – eine zentrale Geschäftsstelle muss reichen! Außerdem soll man das meiste ja eh künftig online lösen können. Damit fällt natürlich auch ungenutzte Büroausrüstung an: „Die Stühle und Tische können wir auf Kleinanzeigen verkaufen.“ Allgemeine Zustimmung im Raum. Selbiges gilt für überschüssige Monitore, Telefone und Drucker.
Ein moderner Ansatz kommt aus dem AOK-Bundesverband. Nach der Kritik des Verbandes, dass die Apotheken – statt in telepharmazeutisch begleitete Abgabeautomaten – verstärkt in unsinnige E-Rezept-Terminals mit anschließendem Botendienst investierten, will die AOK nun zeigen, wie Digitalisierung richtig geht. Schließlich ist der AOK-Bundesverband vor allem dafür bekannt, stets selbst mit gutem Beispiel voranzugehen! „Automatisierung spart Personal – und damit bares Geld.“
Damit deutlich Sachbearbeiter abgebaut werden können, rollt nun ein Antragsbot, der „Entbürokratisierer“, über die Flure der Geschäftsstellen. Alle Anträge werden ab sofort zunächst über den Bot laufen und vorsortiert. Bei Formfehlern oder Unvollständigkeit wird natürlich sofort geschreddert. Der Bot kann aber noch mehr: Zu jedem Antrag gibt er eine Voreinschätzung zur Wahrscheinlichkeit der Annahme ab; unter 50 Prozent führt dies zu einer automatischen Ablehnung. Nach Schätzungen der AOK braucht man so nur noch ein Drittel der aktuellen Belegschaft.
Aber das ist noch lange nicht alles: Vor jeder Praxis soll zukünftig der „AOK-Triage-Bot“ stehen. Mit Kamera und KI-Gesichtsscan schaut der Bot, ob der Patient überhaupt krank genug aussieht, um zutrittsberechtigt zu sein. Klare Augen und keine Fieberröte? „Zutritt verweigert.“ Auch für Fachärzte ist ein Türsteher-Bot geplant – zugeschnitten jeweils auf den entsprechenden Fachbereich, versteht sich: Ohne fehlende Gliedmaßen gibt es keinen Zutritt zur Unfallchirurgie. Das ist „bedarfsgerechte Versorgung“ in ihrer reinsten Form – wer nichts hat, braucht auch nichts.
Der größte Einsparfaktor ist aber mit Sicherheit der neue Presse-Bot der AOK – benannt nach der Chefin selbst: der „Reimann-Bot“. Sobald ein undankbarer und gieriger Leistungserbringer ein beliebiges Wort aus der Kategorie „Leistung“, „Honorar“, „Apotheke“ oder „Investition“ öffentlich in den Mund nimmt, generiert der Bot folgendes Statement: „Die aktuelle Entwicklung ist für die Solidargemeinschaft absolut nicht tragbar. Während die Beitragszahler stets tiefer in die Tasche greifen müssen, fordern andere Akteure weiterhin goldene Wasserhähne für die Vor-Ort-Versorgung. Wir haben kein Einnahmenproblem, wir haben ein ‚Die-anderen-wollen-Geld-Problem‘.“ Der Reimann-Bot ist direkt mit dem Internet verbunden und scannt den ganzen Tag Presseberichte und Meinungsäußerungen auf Social Media, damit er in Echtzeit schnell und direkt Stellung beziehen kann.
Die großen Kostenblöcke sind aber wohl bei den Vorständen zu finden. Gut und gerne sechsstellige Beträge plus Boni an einzelne Vorstandsmitglieder auszuzahlen, ist zwar schön und gut, doch aktuell werde man wohl um Einschränkungen nicht umhinkommen. Damit es auch künftig keine Fehlanreize zu unnötigen Ausgaben gibt, wird es eine „Vorstands-Boni-App“ geben: Boni der Kassenvorstände werden automatisch gekürzt, sobald die Zusatzbeiträge steigen. Das macht sich auch gut in der öffentlichen Wirkung!
In diesem Sinne: Schönes Wochenende!
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