„Ich muss jeden Cent ein paar Mal umdrehen“

Apotheke und Armut: Drei PKA berichten

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Berlin -

Die steigenden Lebenserhaltungskosten treffen Geringverdiener:innen besonders hart. Auch Apothekenangestellte spüren mitunter, dass weniger Geld im Portemonnaie übrigbleibt, und müssen jetzt vermehrt sparen. Drei PKA in unterschiedlichen Lebenssituation berichten, wie hart sie die Inflation trifft und ob sie die Apothekenausbildung bereuen.

Alleinstehende Mütter oder Väter mit Kindern treffen die jüngsten Preissteigerungen oft besonders hart. Es wird zunehmend schwieriger, die Miete, die Raten für Strom und Gas oder den Einkauf von mittlerweile fast doppelt so teuren Lebensmitteln mit nur einem Gehalt zu stemmen. Fehlt ein zusätzliches Einkommen vom Partner, bleibt am Ende des Monats kaum mehr etwas übrig. Die PKA Julia Klasenehrt* muss diese Erfahrungen gerade machen. Die frisch ausgelernte PKA verdient im ersten Berufsjahr zu wenig, um sich größere Anschaffungen leisten zu können, auch große Urlaubsreisen fallen aus.

PKA: Alleinerziehend und am Minimum

Sie ist alleinerziehend mit einem Kind und wohnt zur Miete in einer 2-Zimmer-Wohnung in Berlin. Die Kaltmiete allein verschluckt schon 770 Euro von ihrem monatlichen Einkommen. Gerade erst bekam sie Post von den Strom- und Gasanbietern, die über eine Erhöhung der monatlichen Abschläge informierten. „Ich habe fünf Jahre nach einer passenden Wohnung in meinem Wunschumfeld gesucht. Vor kurzem hatte ich Glück und konnte eine der wenigen freien Wohnungen ergattern. Klar ist die Miete hoch, aber etwas anderes ließ sich einfach nicht finden.“

Klasenehrt kritisiert, dass es für sie überhaupt kein Sparpotential gibt. „Man muss eben immer am Ball bleiben und schauen, was man dem Kind Schönes anbieten kann. Ich kenne zum Glück viele Leute, die uns helfen, Ausflüge zu realisieren. Wir haben ein kleines Netzwerk mit Menschen aufgebaut, die uns unterstützen. In den Familienzentren der Bezirke werden auch manchmal Feste angeboten, wo jeder etwas mitbringen kann. Da bleiben die Kosten überschaubar. Anders könnte ich mit meinem Kind wenig unternehmen.“

In der Schule engagieren sich die Eltern in einer sogenannten Schulcloud. Angeboten werden dort unter anderem Kleidung für Kinder oder Spielzeug, welches noch weitergegeben werden kann, oft werden die Sachen verschenkt. Klasenehrt begrüßt diese Initiative: „Für mein Kind muss ich gefühlt alle zwei Wochen neue Schuhe kaufen, die kleinen Füße wachsen schnell und die preiswerteren Schuhe halten nicht lange. Wenn man sich dann gegenseitig hilft mit Anziehsachen, die noch getragen werden können, spart das ja auch wieder eine Menge Geld.“

Für die Zukunft zeichnet die PKA ein eher hoffnungsloses Bild: Sie geht davon aus, dass die Situation vorerst so bleiben werde. „Ich sehe fast keine Möglichkeit, noch weniger auszugeben. Bei uns ist es jetzt schon knapp mit dem Geld.“ Dennoch steht sie zur Apotheke und ihrer Ausbildung: Sie arbeite trotzdem gern in dem Beruf: Die Arbeit mache Spaß und sie arbeite in einem tollen Team in der Apotheke.

Weniger Kleidung und Verzicht auf Marken

Kübra Alan entschied sich sehr früh, PKA zu werden. Im Alter von 15 Jahren trat die Münchnerin die Ausbildung an. 2012 absolvierte sie die Abschlussprüfung. „Damals habe ich nicht auf das Gehalt geschaut“, sagt sie. Wichtig sei gewesen, finanziell unabhängiger zu sein. Doch zuletzt musste auch sie schauen, wie sie mit ihrem Lohn zurechtkommt. „Ich muss verstärkt aufs Geld schauen, das ist ein Riesenthema.“ Sie verdiene in der Bienen-Apotheke nicht schlecht. „Für Tarif arbeitet in München niemand.“

Trotzdem machen ihr die gestiegenen Kosten zu schaffen. „Ich muss jeden Cent ein paar Mal umdrehen“, sagt die 28-Jährige. Erst im vergangenen November schaffte sie sich ein Auto an, doch angesichts der hohen Spritkosten könne man fast vergessen, das Auto vollzutanken. Deshalb stieg sie wieder auf den öffentlichen Nahverkehr um und profitierte auch vom 9-Euro-Ticket. „So gemütlich wie früher kann man nicht mehr leben.“ Einsparpotenzial gebe es auch bei Kleidung und Lebensmitteln. Heute greife sie zu den Eigenmarken der Supermärkte und kaufe Obst und Gemüse beim Discounter. „Früher habe ich auch oft Mittagessen bestellt. Mittlerweile nehme ich mir etwas von zu Hause mit.“

Alan kommt mit ihrem Gehalt zurecht – auch weil sie noch zu Hause wohnen kann. „Mein Vater ist sehr großzügig, ich muss keine Miete und nichts für Strom zahlen. Und obwohl ich das nicht zahle, ist es bei mir knapp.“ Das niedrige Gehalt sei auch ein Grund gewesen, weshalb sie eine Kosmetikerinausbildung absolviert habe und sich selbstständig machte. „Nur alleine die Apotheke reicht nicht, hätte ich die Zusatzausbildung nicht, könnte ich mir keinen Urlaub leisten.“

Dass das Gehalt in Apotheken für PKA niedrig sei, sei „schon unfair“, sagt Alan. Natürlich sei ihr bewusst, dass die finanziellen Möglichkeiten für Inhaber:innen vielfach erschöpft seien. Sie kritisiert auch, dass die Apothekenvergütung nicht angehoben wird. Das Rx-Honorar sei „lächerlich“, sagt sie. „Das ist schon traurig. Die Menschen brauchen Apotheken und die Angestellten dort, sonst kriegen sie keine Arzneimittel.“ Trotz alledem würde sie erneut eine Ausbildung zur PKA antreten – wenn sie wieder in der Bienen-Apotheke arbeiten könnte. „Die Arbeit als PKA ist hier vielseitig und nie langweilig.“

Sicherheit dank Partner-Gehalt

Die PKA Linda Mannert* ist im 25. Berufsjahr und arbeitet ebenfalls gern in der Apotheke. Erst Anfang des Jahres stockte sie ihre Stunden von 25 auf 35 pro Woche auf. Die zwei Kinder seien nun aus dem Gröbsten raus und sie und ihr Mann wollten etwas Geld für den Urlaub zurücklegen. Auch die Raten für den kürzlich gekaufte Neuwagen müssen bezahlt werden.

„Ich bin froh, dass meine Chefin zugestimmt hat, als ich Anfang des Jahres die wöchentliche Arbeitszeit verlängern wollte. Da war noch gar nicht an die Explosion der Preise zu denken. Eigentlich wollten wir Geld weglegen, um uns einen schönen Urlaub zu gönnen, aber mein Mehrverdienst wird nun für die Heizkosten draufgehen.“ Zwar hat die Familie Mannert Glück und wohnt im eigenen Haus mit Möglichkeit zum Heizen per Kamin, aber auch in diesem Bereich stiegen die Preise. „Ich habe gerade erst die Lieferung vom Kaminholz für den Winter wieder abbestellt. Das ist einfach zu teuer für uns. Mittlerweile müssten wir gut das Doppelte für die gleiche Holzmenge bezahlen“, sagt Mannert.

Die finanzielle Situation ist bei ihnen bisher noch einigermaßen tragbar. „Ich bin froh, dass mein Mann in seinem Beruf ganz gut verdient. Es geht uns nicht schlecht, aber wir können uns nichts extra gönnen. Ich befürchte, die Situation wird noch drei bis fünf Jahre so bleiben.“ Mit Sorge schaut Mannert auf junge Kolleg:innen, die gerade erst ins Berufsleben starten. „Junge PKA verdienen im ersten und zweiten Berufsjahr wenig. Wenn Mütter mit Kindern alleinerziehend sind, verschulden sich viele. Das ist anders kaum zu bewerkstelligen.“

*Namen von der Redaktion geändert

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