Es sind gerade einmal 1800 PZN, die für Verwerfungen im Arzneimittelmarkt sorgen: Ab einem Herstellerabgabepreis von 1200 Euro gelten Medikamente als Hochpreiser. Dann kann der Großhandel nur noch eine Pauschale von 37,80 Euro zuzüglich 73 Cent abrechnen, entsprechend leiden auch die Konditionen der Apotheken. Einen einheitlichen Arzneimittelmarkt gibt es nicht mehr: Auf der einen Seite sorgt jene Gruppe der teuren Präparate für steigende Kosten, auf der anderen Seite drücken Kostendämpfungsinstrumente die Preise bei den bekannten Klassikern immer weiter. Das zeigt eine aktuelle Analyse der Einkaufsplattform Apo-Mall.
Demnach wuchs die Zahl der im Artikelstamm gelisteten Produkte im ersten Halbjahr von 729.053 auf 737.677 Einträge. Der Anstieg um 8624 Artikel beziehungsweise 1,2 Prozent ist laut Analyse moderat im Vergleich zu früheren Zeiträumen, in denen sich die Zahlen teilweise deutlich dynamischer entwickelt hätten. Die Zahl der hinterlegten Anbieter stieg von 4201 zum 1. Januar auf 4250 zum 15. Juni.
Allerdings entfallen knapp 80 Prozent der Listungen auf den Freiwahlbereich, das entspricht 586.583 Datensätzen. Zum Vergleich: 2017 war es gerade einmal die Hälfte des Gesamtsortiments. Veränderungen im reinen Kernsortiment der Apotheken hat diese Erweiterung laut Apo-Mall nicht induziert.
Betrachtet man nur die gelisteten Arzneimittel, kommt man auf 104.130 Einträge, das sind 1023 weniger als zum Jahresbeginn. Davon entfallen 36.081 Artikel auf den Rx-Bereich (plus 170) und 68.049 auf den OTC-Bereich (minus 1193).
Im OTC-Bereich wiederum gehören die 62.944 Produkte zum Bereich der besonderen Therapierichtungen wie Homöopathie/Anthroposophie (minus 1133). Die hohe Zahl hängt damit zusammen, dass es für jede Potenz und Packungsgröße eine eigene PZN gibt – wirtschaftlich ist dieser Bereich eine Nische. Die klassische Selbstmedikation blieb mit 4816 Artikeln nahezu konstant. Nicht mitgezählt sind hier Reimporte sowie Infusions-, Spül- und Elektrolytlösungen, Großpackungen speziell für den Sprechstundenbedarf, Notfallpens sowie verschreibungsfreie Tierarzneimittel.
Im Rx-Bereich sind Hochpreiser mit einem Apothekeneinkaufspreis (AEK) ab 1238,50 Euro mengenmäßig die kleinere Gruppe: Hier sind gerade einmal 1800 Artikel gelistet, 56 mehr als zuvor. Auf den Rest entfallen 34.281 PZN, das sind 114 mehr als zuvor.
Auffällig ist im Rx-Bereich aber die große Schere auf der Kostenseite: Während der durchschnittliche AEK bei den Hochpreisern von 6021,30 auf 6102,62 Euro stieg, sank er bei den übrigen Präparaten von 88,55 auf 87,42 Euro. Die günstigsten 50 Prozent (17.140 Artikel) kosten im Einkauf durchschnittlich sogar nur 8,40 Euro, die günstigsten 75 Prozent (25.710 Artikel) ebenfalls nur 17,97 Euro.
24.336 Artikel und damit rund zwei Drittel des gesamten Rx-Stamms unterliegen einem Festbetrag. Ihr durchschnittlicher AEK sank ebenfalls leicht von 75,12 auf 74,12 Euro. Das spiegelt laut Analyse die fortlaufenden Festbetragsabsenkungen wider.
In Summe stieg der durchschnittliche AEK im gesamten Rx-Sortiment von 376,67 auf 387,50 Euro (plus 2,9 Prozent). Dagegen sank der Durchschnittspreis im Median von 22,81 auf 22,41 Euro (minus 1,8 Prozent).
„Der Arzneimittelmarkt wird durch eine weitere zahlenmäßige Zunahme von Hochpreisern erheblich im Preis verzerrt“, kommentiert Dr. Walter Leven diese Ergebnisse. „Eine kleine, wachsende Spitze zieht den Mittelwert nach oben, während das Gros der Präparate real leicht günstiger wird. Praktische Konsequenz: Der Mittelwert taugt als Preisindikator wenig, Median und Perzentile sind die ehrlicheren Kennzahlen.“
Laut Leven sprechen die Zahlen für anhaltenden Preisdruck im Niedrigpreisbereich der Generika. „Für Einkauf und Kalkulation bedeutet dies: Die Masse der Rx-Artikel ist sehr preiswert, der Wert konzentriert sich jedoch auf eine schmale Spitze, was eine entsprechende Liquiditätsbindung nach sich zieht.“
Das Preisniveau im OTC-Bereich blieb dagegen mit einem Durchschnitt von 13,34 Euro und einem Median von 9,44 Euro stabil, bei einer Handelsspanne von rund 47,64 Prozent.
Die Zahl der gelisteten Reimporte stieg von 21.858 auf 22.260 (plus 402). Es handelt sich laut Analyse um ein hochpreisiges Segment mit einem durchschnittlichen AEK von 722,56 Euro, das spiegelbildlich zur Entwicklung der Hochpreisprodukte wächst. 21.724 PZN sind dabei verschreibungspflichtige Präparate, nur 536 entfallen auf den OTC-Bereich.
„Der Artikelstamm zerfällt in zwei Welten“, schlussfolgert Leven. „Wertmäßig dominiert eine kleine, wachsende Hochpreiser-Spitze, die Kapital bindet und die Durchschnittswerte verzerrt.“ Zum 1. Oktober sei der Durchschnittspreis hier schon weiter auf 6200,69 Euro gestiegen. „Stückzahlmäßig dominieren hingegen günstige Generika und ein langer homöopathischer PZN-Schwanz.“
Für die Praxis folge daraus zweierlei: „Erstens sollten Preis- und Sortimentsanalysen auf Median und Perzentilen aufsetzen, nicht auf Mittelwerten. Zweitens liegt die kaufmännische Stellschraube im OTC- und Freiwahlbereich, also dort, wo Handelsspanne und Kalkulationsspielraum tatsächlich bestehen. Das Rx-Segment bleibt hingegen von Festbeträgen und Hochpreiser-Logik geprägt.“