„Tacheles“: Kammer redet der Landespolitik ins Gewissen | APOTHEKE ADHOC
Brandenburg

„Tacheles“: Kammer redet der Landespolitik ins Gewissen

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Berlin -

Glaubt man dem Urteil vieler Apotheker, ist es um das Gehör der Politik für die Anliegen des Berufsstands nicht so weit her. Die Landesapothekerkammer Brandenburg (LAK) geht deshalb nun neue Wege: Sie wendet sich mit einem Quartalsheft direkt an die Entscheidungsträger der Landes- und Kommunalpolitik. Zwar geht das Apothekensterben zwischen Uckermark und Lausitz langsamer vonstatten als anderswo. Das könnte sich aber bald rapide ändern, denn der Fachkräftemangel ist hier umso drängender. Die LAK hat deshalb eine zentrale Forderung an die Politik.

39 Prozent der Apotheken in Brandenburg könnten innerhalb der nächsten zehn Jahre schließen, nicht aus wirtschaftlichen Gründen, sondern weil sie keinen Nachfolger oder nicht genug Fachkräfte finden, um den Betrieb weiterzuführen. Bis kurz davor – ins Jahr 2025 – müssen demnach 1100 Apotheker und Pharmazieingenieure ersetzt werden. Letztere sind ein spezifisch ostdeutsches Phänomen: Die Ausbildung des DDR-Berufs Pharmazieingenieur wurde 1990, noch kurz vor der Wiedervereinigung, abgeschafft. Die Berufsgruppe schrumpft seit dem kontinuierlich, um 2025 dürften die letzten der heute noch um die 800 Pharmazieingenieure in Rente gehen.

Die alarmierenden Zahlen liegen seit vergangener Woche auf den Schreibtischen mehrerer hundert Landes- und Lokalpolitiker in Brandenburg. An den Ministerpräsidenten, alle Kabinettsmitglieder, Staatssekretäre, alle Landtagsabgeordneten, Landräte, Bürgermeister, die Kreisvorsitzenden der Parteien – kurz: die politische Klasse des Landes –, aber auch an Sozialverbände wie die Arbeiterwohlfahrt oder den Arbeiter-Samariter-Bund hat die LAK ihr neues Magazin „Tacheles“ versendet.

An insgesamt 466 Adressen sei das Magazin bereits verschickt worden, erklärt eine Sprecherin der Kammer. „Wir möchten den Standpunkt der Kollegenschaft ungefiltert an die Entscheidungsträger des Landes herantragen“, sagt sie. Dafür sind vier Ausgaben pro Jahr geplant, die die Kammer in Zusammenarbeit mit einer externen Medienagentur erarbeitet. Jedes Heft soll einen Schwerpunkt haben, für die nächsten beiden Ausgaben gestaltet sich die Themenfindung denkbar einfach: Im Mai ist Europa- und im September Landtagswahl. Zum Auftakt hat sich die Kammer auf das für sie brennendste Problem konzentriert: den Fachkräftemangel.

Zwar könne das eingangs beschriebene Szenario – die Schließung von 222 der heute 573 Apotheken des Landes – „wahrscheinlich ausgeschlossen werden“, doch die Kammer will der Landespolitik den Ernst der Lage klarmachen. Wie in der restlichen Bevölkerung Brandenburgs hat auch die Apothekerschaft ein demographisches Problem: Vor allem die Inhaber werden im Durchschnitt immer älter, fast 40 Prozent sind über 55 Jahre, und zu wenige junge rücken nach. „Zwar ist nicht gesagt, dass jeder Inhaber, der in den nächsten zehn Jahren ins Rentenalter kommt, auch wirklich in den Ruhestand geht. Aber auch so wird uns der Fachkräftemangel hier in den kommenden Jahren überrollen“, prognostiziert die Kammersprecherin.

Die Folgen würden nicht nur die Arzneimittelversorgung gefährden, sondern auch die wirtschaftliche Entwicklung des Landes hemmen: So haben laut der Umsatzstatistik des Landes 2016 die 454 Inhaber des Landes einen steuerbaren Umsatz von 1,5 Milliarden Euro erwirtschaftet – „nicht zu vergessen die Einnahmen durch Einkommenssteuer, Lohnsteuer, Gewerbesteuer sowie Solidaritätsbeiträge“, ist in „Tacheles“ zu lesen. Doch nicht nur wirtschaftlich, auch sozial und kulturell stehe viel auf dem Spiel: „Schließt eine Apotheke, verlieren viele Menschen auch eine wichtige soziale Stütze.“

Als Kronzeugin für die Dringlichkeit der Lage dient Dr. Annerose Zerbe-Kunst. Ihre Kloster-Apotheke in Neuzelle hat ein biblisches Alter: Seit 750 Jahren versorgt sie die Bevölkerung mit Arzneimitteln, doch das könnte bald vorbei sein. „Ich könnte seit drei Jahren in Rente sein und suche schon seit fünf Jahren einen Nachfolger. Bis 70 möchte ich eigentlich nicht arbeiten“, wird sie zitiert. „Wenn ich niemanden finde, muss ich die Apotheke schließen und damit endet auch eine 750-jährige Geschichte.“

Doch die LAK will bei der Politik kein Mitleid erhaschen, sondern hat auch ein konkretes Anliegen, das sie transportieren will: Um dem Fachkräftemangel zu begegnen, muss das Land selbst welche ausbilden, ist die Forderung. Das gilt nicht nur für PTA und PKA – die einzige Ausbildungsstätte ist Schule für Gesundheits- und Pflegeberufe in Eisenhüttenstadt mit rund 25 Absolventen im Jahr. Vor allem bei den Apothekern herrscht Nachholbedarf, denn Brandenburg ist neben dem kleinen Bremen das einzige Bundesland, in dem man nicht Pharmazie studieren kann.

Seit Jahren setzt sich die Kammer dafür ein, dass sich das ändert. Am mangelndem Interesse der Hochschulen scheitere es nicht, das sei da, beteuert Kammerpräsident Jens Dobbert im Interview. „Leider sind wir – gerade vonseiten der Politik – immer wieder auf Barrieren bezüglich der Etablierung eines Studiengangs gestoßen“, so Dobbert, der aus eigener Erfahrung weiß, wie sich der Fachkräftemangel anfühlt. Ende vergangenen Jahres kam immerhin ein wenig Bewegung in den Streit, nachdem SPD-Wissenschaftsministerin Martina Münch angekündigt hat, sich für einen Pharmazie-Standort Brandeburgischen Technischen Universität Cottbus-Senftenberg einzusetzen. Nun sieht die Kammer offenbar den Bedarf, an dem Punkt weiter Druck zu machen.

Auch hier setzt sie die Apotheker in den Kontext der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung: Wie zuvor im Ruhrgebiet liegt auch in der Lausitz der Strukturwandel in der Luft. Die alten Kohlereviere werden abgewickelt, nachhaltige Wirtschaftszweige müssen her, am liebsten die Wissenschaft. Schon heute sei die Dichte von Universitäten und Forschungseinrichtungen im Umkreis von Berlin und Brandenburg im europäischen Vergleich hoch. „Die Vernetzung von Wissenschaft und Wirtschaft sowie der weitere Ausbau von Forschungs- und Entwicklungsstandorten sind wichtige Säulen des Strukturwandels für die Region“, begrüßt das die Kammer. „Was unserer Meinung nach fehlt, ist der große Bereich der Pharmazie – sowohl für die Forschung und Entwicklung als auch für die spätere Arbeit in den Apotheken.“

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