Nahrungsergänzungsmittel

Selen: Gehirnschaden wegen Überdosis APOTHEKE ADHOC, 18.07.2018 09:02 Uhr

Berlin - Rezeptfrei erhältliche Präparate können in toxikologischer Hinsicht Gefahren bergen, doch das ist für Laien nicht immer selbstverständlich. Das in diesem Zusammenhang Aufklärungsbedarf besteht, zeigt ein aktueller Fallbericht im „Journal of the American Medical Association“. Darin erklären die Wissenschaftler, wie ein unbedachter Konsum Selen-haltiger Präparate bei einer Patientin zu Hirnschäden und Sehverlust geführt hat.

Eine Frau, Anfang 50, zeigte zwei Monate lang progressive kognitive Beeinträchtigungen und hatte einen Sehverlust. Sie war nicht in der Lage, Zahlen oder Linien auf Ishihara-Platten zu erkennen. Ergebnisse des Elektroretinogramms waren normal. Allerdings war in der Magnetresonanztomographie (MRT) Anomalien der Substantia alba und damit Hirnatrophien zu erkennen. Die Ärzte kamen zunächst nicht auf die Ursache der Beschwerden, da diverse Tests auf Antikörper, Enzyme und Gendefekte negativ ausfielen. Die Frau nahm weder verordnete Medikamente noch illegale Drogen zu sich.

Den entscheidenden Hinweis lieferte sie dann, als sie angab, dass sie täglich Selen-Supplemente mit 200 μg Wirkstoff pro Tablette einnahm. „Sie glaubte, dass dies ihr Immunsystem unterstützen würde“, schreiben die Wissenschaftler. Ein Jahr vor ihrer Vorstellung beim Arzt lag ihr Selenspiegel bei 193 μg/l. Damals nahm sie täglich eine Tablette ein. Sechs Monate danach hatte sie die Dosis auf sechs oder acht Tabletten pro Tag erhöht; das entspricht einem Selen-Gehalt von 1200-1600 μg täglich. Als sie aufgrund ihrer Beschwerden den Arzt aufsuchte, stellte dieser einen sehr hohen Serumspiegel von Selen bei 5370 μg/l fest. Dass die Dosis das Gift macht, war ihr anscheinend nicht bewusst. Nachdem sie die Einnahme von Selen beendet hatte, verbesserten sich ihre Symptome allmählich und ihr Selenspiegel sank. 22 Monate später hatte sie keine Symptome mehr.

Nahrungsergänzungsmittel (NEM) mit Selen sollten mit Bedacht eingesetzt werden, da der Mineralstoff eine relativ geringe therapeutische Breite hat. Als sicherer Bereich werden 400 μg Selen pro Tag angegeben. Bei höheren Dosen besteht die Gefahr eine Selenose, die zunächst mit Symptomen wie Übelkeit, Müdigkeit, Muskelschwäche und Durchfall einhergeht. Im weiteren Verlauf können Parästhesien infolge peripherer Neuropathie, Haarausfall, Hautläsionen, wässriger Durchfall und ein Verlust der Nägel die Folge sein. Eine akute Selentoxizität kann zudem zu Sehstörungen und Gedächtnisverlust führen.

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