Noch ist Retatrutid nicht zugelassen, doch auf dem Schwarzmarkt wird das neuartige Abnehmmittel bereits gehandelt. Forschende aus den USA sprechen sich dafür aus, Erfahrungen von Nutzerinnen und Nutzern aus den sozialen Medien für die Bewertung der Risiken auszuwerten.
Zwar warnt die US-Arzneimittelbehörde FDA vor der Einnahme nicht zugelassener Abnehmmittel. Doch der illegale Handel boomt – laut den Forschenden von der University of Pennsylvania gibt es mittlerweile eine Population von Patientinnen und Patienten, die für Ärztinnen und Ärzte weitgehend unsichtbar bleibt.
Aus Sicht der Wissenschaftler:innen werden Kliniker früher oder später auf Menschen stoßen, die diese Mittel außerhalb regulierter Verschreibungswege erhalten. Ihre Forderung lautet daher, sich mit den Erfahrungen dieser Gruppe vertraut zu machen.
Mehr noch: Eine systematische Analyse von Erfahrungsberichten in sozialen Medien könnte die traditionelle Pharmakovigilanz ergänzen, indem Schilderungen berücksichtigt würden, die in Systemen zur spontanen Meldung von Nebenwirkungen möglicherweise unterrepräsentiert seien.
Dies sei im Fall von Retatrutid besonders relevant, da die Zahl der Teilnehmenden in den bisher veröffentlichten Studien begrenzt sei und das Präparat möglicherweise über unregulierte Kanäle außerhalb der konventionellen Überwachungsstrukturen bezogen und angewendet werde. „Die große Menge und die Unmittelbarkeit nutzergenerierter Inhalte können zudem dazu beitragen, neu auftretende Sicherheitssignale früher zu erkennen.“
Die Forschenden hatten knapp 149.000 Berichte auf der Plattform Reddit ausgewertet, die zwischen Mai 2021 und Dezember 2025 von insgesamt 39.000 Nutzerinnen und Nutzern veröffentlicht wurden. Bereits in der Vergangenheit sei das weltweite Forum immer wieder genutzt worden, um sensible gesundheitsbezogene Äußerungen zu untersuchen.
Unter den Userinnen und Usern, die über die Verwendung von Retatrutid berichteten, waren gastrointestinale Symptome häufig, aber nicht dominant – abweichend von den Studien zum Wirkstoff und anderen zugelassenen GLP-1-Agonisten. Stattdessen gehörten Appetitzunahme, Müdigkeit, erhöhte Energie, Schlaflosigkeit, Herzfrequenzveränderungen und muskelbedingte Symptome zu den am häufigsten berichteten unerwünschten Ereignissen.
„Diese einzigartigen unerwünschten Ereignisse können auf die Glucagon-Rezeptor-Aktivität von Retatrutid als einzigem Tri-Agonisten in seiner Klasse zurückzuführen sein“, so die Wissenschaftler. Andererseits könnten auch Unterschiede in der Kohorte eine Ursache sein. Als Beispiele nennen die Forschenden etwa die besondere Verbreitung bei Gewichthebern.
„Diese Ergebnisse sollten als hypothesengenerierend betrachtet werden. Die hier untersuchten Social-Media-Nutzer stellen möglicherweise nicht alle Retatrutid-Nutzer dar, und unerwünschte Ereignisse können bevorzugt gemeldet werden.“ Benutzer, die Retatrutid über solche Kanäle erhielten, könnten sich von der klinischen Studienpopulation unterscheiden, wodurch direkte Vergleiche begrenzt seien. Andererseits könnten sie Sicherheitsaspekte aufdecken, die für eine unregulierte Verwendung spezifisch seien. „Produktidentität, Reinheit, Dosis, Weg, Behandlungsdauer, Begleitmedikamente und Krankengeschichte können nicht nachgewiesen werden. Dementsprechend kann diese Analyse die Inzidenz, die Kausalität, die Dosisantwort oder die vergleichende Sicherheit gegenüber zugelassenen GLP-1-Rezeptoragonisten nicht beurteilen.“
Dennoch seien die Schilderungen aus den sozialen Medien wichtig, um potenzielle Sicherheitssignale zu identifizieren, die eine formelle pharmakovigilante Prüfung erforderten. Ein wertungsfreies Screening der Anwendung nicht zugelassener Präparate und die Meldung unerwünschter Ereignisse könnten die Überwachung und die Patientensicherheit verbessern – trotz verbleibender Ungewissheiten über die Produktqualität und des Fehlens von Sicherheitsdaten in dieser Personengruppe. „Es sind prospektive Studien erforderlich, um zu klären, ob es sich bei diesen Signalen tatsächlich um pharmakologische Effekte handelt – und bei welchen Dosierungen und Anwendungsdauern diese auftreten.“
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