Paracetamol in der Schwangerschaft – nicht so sicher wie gedacht? | APOTHEKE ADHOC
Diskussionen um Analgetikum

Paracetamol in der Schwangerschaft – nicht so sicher wie gedacht?

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Berlin -

Bei Schmerzen in der Schwangerschaft greifen Frauen häufig zum Wirkstoff Paracetamol. Schließlich wird er von der Europäischen Arzneimittel-Agentur (EMA) und auch der US-Arzneimittelbehörde FDA in allen Stadien der Schwangerschaft empfohlen. Eine Expertengruppe machte kürzlich jedoch auf mögliche Entwicklungsstörungen aufmerksam und forderte sogar neue Leitlinien und Sicherheitshinweise. Die Datenlage der vorgelegten Studien ist jedoch dünn und erntet viel Kritik.

Die Behandlung von Schwangeren kann unter Umständen schwierig sein, da es zahlreiche kontraindizierte Wirkstoffe gibt. Bei Schmerzmitteln ist es in der Regel jedoch einfach: Denn Paracetamol kann während der gesamten Schwangerschaft bei leichten bis mittelstarken Schmerzen eingesetzt werden. Auch wenn der Wirkstoff plazentagängig ist, ist dem Großteil der Expert:innen zufolge keine Fehlbildung beim Ungeborenen zu erwarten.

Paracetamol mit Risiken?

Dennoch gab es kürzlich Kritik von einer Expertengruppe, welche sich aus 91 Wissenschaftler:innen, Kliniker:innen und Gesundheitsexpert:innen zusammengeschlossen hat. Das Team veröffentlichte ein Konsensus-Papier im Fachjournal „Nature Reviews Endocrinology“, in dem es auf ein erhöhtes Risiko für neurologische, reproduktive und urogenitale Störungen bei pränataler Paracetamol-Exposition hinweist. Für die Untersuchung wurden epidemiologische und experimentelle Studien zusammengefasst und beurteilt.

So wird von der Gruppe unter anderem beschrieben, dass es durch metabolische Veränderungen zu einer erhöhten Toxizität von Paracetamol für Mutter und Kind kommen kann. Außerdem könne die Hemmung der Prostaglandin-Signalwege möglicherweise zu einer Verengung des „Ductus arteriosus“ und damit zu einem lebensbedrohlichen Herzversagen des Kindes führen. In der Studie werden zudem weitere Effekte des Analgetikums auf Serotonin-, Opioid- und Cannabinoid-Rezeptoren diskutiert, welche das Immunsystem und das Hormongleichgewicht stören sollen.

Dadurch seien neuronale Störungen und Fortpflanzungsprobleme denkbar: Eine Studie zeige beispielsweise einen möglichen Zusammenhang zu früher weiblicher Pubertät, eine andere soll auf ein erhöhtes Risiko für Hodenhochstand hindeuten. Auch das Risiko für ADHS, Autismus-Spektrum-Störungen, verminderten IQ und Sprachverzögerung sei mit der Einnahme von Paracetamol in der Schwangerschaft assoziiert. Vor allem bei einer Einnahme im zweiten und dritten Trimenon sei das höchste Risiko zu erwarten. Es sei zudem abhängig von der Dosis und der Expositionsdauer.

Neue Leitlinien und Sicherheitshinweise gefordert

Die Expertengruppe fordert einen umsichtigeren Einsatz von Paracetamol in der Schwangerschaft. Außerdem solle das Bewusstsein der Patientinnen für das potenzielle Risiko erhöht werden. Sie fordert zudem, dass die Anwendung nur bei strenger medizinischer Indikation erfolgt – hier sollen im Zweifelsfall Ärzt:innen oder Apotheker:innen zurate gezogen werden. Außerdem solle Paracetamol nur in der geringsten wirksamen Dosis und über einen möglichst kurzen Zeitraum eingenommen werden.

Um die zuvor genannten Punkte zu sichern, fordert die Expertengruppe, dass EMA, FDA und die zuständigen Fachgesellschaften die Sicherheitsinformationen zu Paracetamol und gynäkologische und geburtshilfliche Leitlinien aktualisieren. Außerdem sollen Empfehlungen und Warnhinweise in die Produktinformationen aufgenommen werden.

Studiendaten schwach, Auswertung fehlerhaft

Das „European Network of Teratology Information Services“ (ENTIS) hat sich bereits mit der Konsens-Studie beschäftigt und eine Stellungnahme veröffentlicht. Darin macht das Expertennetzwerk deutlich, dass es die Auffassung nicht teilt. Die vorgelegten Studiendaten seien schwach und uneinheitlich – teilweise sogar fehlerhaft.

So seien beispielsweise kausale Zusammenhänge abgeleitet worden, die aus den Daten gar nicht ersichtlich sind. Verschiedene Einflussfaktoren seien nicht berücksichtigt worden und auch die Meldungen vieler Berichte seien nicht durch eine ärztlich gesicherte Diagnose, sondern lediglich durch Vermutungen von Eltern oder Lehrpersonen getätigt worden. Hinzu komme, dass die genannten Quellen die These der Autoren nicht immer stützen. Das Netzwerk kritisierte zudem die Nutzung präklinischer Studien zur Entscheidungsfindung.

Netzwerk warnt vor Verunsicherung

Paracetamol solle – wie jedes andere Arzneimittel auch– sowohl in der Schwangerschaft wie außerhalb nur bei medizinischer Indikation und nur so lange wie nötig genutzt werden. Das gelte jedoch im Allgemeinen für Medikamente. ENTIS sorgt sich, dass die Verbreitung der Studie schwangere Frauen verunsichern könnte und im schlimmsten Fall sogar weniger sichere Alternativen genutzt werden.

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