Jonas Salk

„Könnte man die Sonne patentieren?“

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New York/Berlin -

Aus ärmlichen Verhältnissen arbeitete sich Jonas Salk zu einem der erfolgreichsten Forscher der USA hoch. Er entwickelte den ersten Impfstoff, der massiv zur Polio-Eindämmung beitrug. Aber bei Kollegen war Salk, der heute 100 Jahre alt geworden wäre, nie beliebt.

Sein Kampf gegen die Kinderlähmung war auch ein Kampf gegen die Angst. „Frei von Angst zu sein ist die stärkste aller Emotionen“, sagte Salk einmal der Los Angeles Times. „Ich habe gelernt, wie wichtig es ist, die Menschen von ihrer Angst zu befreien.“ Die Kinderlähmung, die seit Ende des 19. Jahrhunderts weltweit tausende Menschen befiel und zum Tod oder bleibenden Lähmungen führte, war lange ein immenser Quell der Angst.

Jahrzehntelang forschte der 1995 gestorbene Immunologe, bis er 1955 tatsächlich den ersten Impfstoff gegen die Krankheit gefunden hatte. Innerhalb kürzester Zeit war die Kinderlähmung daraufhin eingedämmt. Bis heute gelten die meisten Industrieländer laut Weltgesundheitsorganisation WHO als poliofrei. Salk wurde nach der Entdeckung in seiner Heimat zum gefeierten Star – zumindest bei Patienten. Bei Kollegen sollte der Wissenschaftler immer extrem unbeliebt bleiben.

Bedeutende Auszeichnungen wie den Nobelpreis erhielt er nie und selbst in die National Academy of Science der USA wurde Salk nie gewählt. Nur dem ebenfalls äußerst renommierten Salk-Forschungsinstitut in Kalifornien gehörte der Wissenschaftler an – aber das war auch sein eigenes. „Ich wäre nie Mitglied dieses Institutes geworden, wenn ich es nicht selbst gegründet hätte“, sagte Salk einmal in einem seiner seltenen Interviews.

Eitel und unkollegial sei er gewesen und habe die Beiträge anderer Wissenschaftler zu seinen Forschungen vernachlässigt oder verheimlicht, warfen ihm Kollegen öffentlich vor. Besonders heftig stritt sich Salk mit Albert Sabin, der kurz nach Salks Entdeckung eine Schluckimpfung gegen Polio entwickelte, die ebenfalls entscheidend zur Eindämmung der Krankheit beitrug. Aber anstatt zusammenzuarbeiten, gifteten die beiden sich öffentlich an. „Pure Küchen-Chemie“ sei Salks Erfindung, beschwerte sich Sabin. „Er hat gar nichts entdeckt.“

Aber Salk ließ sich von seinem Weg nicht abbringen. „Ich folge meinen eigenen Regeln.“ 1914 in New York geboren, stammte Salk aus ärmlichen Verhältnissen, sein jüdischer Vater war Schneider. Salk brillierte in der Schule, studierte Medizin und wandte sich an Universitäten in Michigan und Pennsylvania bald der Forschung zu – teils mit ungewöhnlichen Methoden. Den Polio-Impfstoff testete er beispielsweise zuerst an seinen drei Söhnen.

Nach seiner großen Entdeckung forschte Salk weiter und machte sich besonders in den 1980er Jahren mit immensem Einsatz auf die Suche nach einem Impfstoff gegen HIV. Da lebte er schon seit längerem im kalifornischen La Jolla, wo er seine „Wissenschaftskathedrale“, wie er sie nannte, gegründet hatte und in zweiter Ehe mit der früheren Gefährtin des Künstlers Pablo Picasso, Françoise Gilot, verheiratet war.

Ein Erfolg im Kampf gegen HIV sollte ihm jedoch nicht mehr beschieden sein. Am 23. Juni 1995 starb Salk im Alter von 80 Jahren an Herzversagen. Nach seinem Tod äußerten sich dann sogar seine Kollegen freundlich. „Er war einer der ganz Großen in der amerikanischen Medizin, wenn es um Impfstoffe geht“, sagte der Aids-Forscher Anthony Fauci damals.

Reich geworden war Salk mit seiner Erfindung jedoch nie – er ließ sie noch nicht einmal patentieren. Wenn überhaupt gehöre das Patent den Menschen, sagte er kurz nach der Freigabe des Impfstoffs am 12. April 1955 in einem Interview. „Es gibt kein Patent. Könnte man die Sonne patentieren?“

Kinderlähmung ist eine hoch ansteckende Krankheit. Sie trifft nach Angaben der WHO vor allem Kinder unter fünf Jahren. Eine von 200 Infektionen mit dem Poliovirus führt zu dauerhaften Lähmungen. Etwa 5 bis 10 Prozent der Gelähmten sterben, weil ihre Atemmuskeln unbeweglich werden. Die Krankheit ist unheilbar. Einer Ansteckung kann aber mit Impfungen vorgebeugt werden.

1988 startete die WHO ein globales Programm zur Ausrottung der Kinderlähmung. Die Zahl der Infektionen ist seither um weit mehr als 99 Prozent zurückgegangen – von geschätzt 350.000 im Jahr 1988 auf 406 im Jahr 2013. In diesem Jahr trat die Krankheit nur noch in drei Ländern gehäuft auf: Afghanistan, Nigeria und Pakistan. 1988 waren noch 125 Länder betroffen.

In Deutschland gab es 1992 die letzten Polio-Fälle. Zum heutigen Welt-Polio-Tag weisen Organisationen darauf hin, dass die Zahl der Polio-Infektionen wieder zunehmen könnte.

Registriert wurden zwischenzeitlich etwa 40 Polio-Fälle in Syrien, wo aufgrund des Bürgerkriegs die Impfquoten stark gesunken waren. Ein Impfprogramm von WHO und Unicef bei mehr als 22 Millionen Kindern konnte die Viruszirkulation bis April 2014 jedoch wieder eindämmen.

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