ADHS im Erwachsenenalter

Angriff auf Medikinet: Elvanse kommt Adult

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Berlin -

Der irische Hersteller Shire, mittlerweile von Takeda übernommen, hat mit Elvanse Adult ein Arzneimittel für Erwachsene mit ADHS auf den deutschen Markt gebracht. Bei Medice, dem Hersteller von Medikinet adult, gibt man sich gelassen: Medikinet sei der unangefochtene Goldstandard in der ADHS-Therapie.

Der enthaltene Wirkstoff ist das Prodrug Lisdexamfetamin: Nach der Einnahme wird es im Magen-Darm-Trakt resorbiert und von den Erythrozyten zum eigentlichen Wirkstoff Dexamfetamin hydrolysiert. Die kovalent gebundene Aminosäure Lysin wird im Blut langsam abgespalten; der aktive Metabolit selbst hat eine Halbwertszeit von zehn Stunden. Durch die schrittweise Umwandlung entsteht eine längere Wirkdauer als bei Methylphenidat.

Der genaue Wirkmechanismus des Amphetamins bei ADHS ist nicht vollständig aufgeklärt: Es wird jedoch angenommen, dass die Wirkung, ähnlich wie bei Methylphenidat, auf eine Blockade der Wiederaufnahme von Noradrenalin und Dopamin zurückzuführen ist. Zusätzlich kommt es zu einer vermehrten Freisetzung von Dopamin in den extraneuronalen Raum. Durch das enthaltene Prodrug wird laut Herstellerangaben eine besonders lange Wirkdauer von etwa 14 Stunden erreicht, sodass eine einmalige Einnahme ausreicht.

Medikinet adult wurde bereits 2011 auf dem deutschen Markt eingeführt. Beim enthaltenen Wirkstoff Methylphenidat handelt es sich um ein indirektes Sympathomimetikum: Es hemmt die Wiederaufnahme der Neurotranmitter und führt so zu einer Stimulation des Sympathikus. Medikinet adult ist in sieben verschiedenen Wirkstärken auf dem Markt und wird zweimal täglich eingenommen. Dadurch ist laut Hersteller Medice eine individuelle Symptomkontrolle von bis zu 16 Stunden möglich.

Das neue Elvanse Adult ist drei Stärken von 30, 50 und 70 mg auf dem Markt. Die Packungsgröße beträgt jeweils 30 Kapseln. Bei Medikinet adult sind die Stärken 5, 10, 20, 30, 40, 50 und 60 mg und Packungsgrößen zu je 26, 52 oder 78 Hartkapseln verfügbar. Die Nebenwirkungen von Elvanse und Medikinet sind ähnlich: Appetitmangel und Gewichtsverlust sowie Mundtrockenheit und gastrointestinale Beschwerden wie Übelkeit, Bauchschmerzen und Erbrechen können auftreten. Auch Schwindel, Kopfschmerzen und Schlaflosigkeit zählen zu den unerwünschten Wirkungen.

Bei Medice gibt man sich gelassen: Medikinet sei der unangefochtene Goldstandard in der ADHS-Therapie und habe einen konstant hohen Marktanteil von stabil über 80 Prozent. Die neuen S3-Leitlinien empfehlen aufgrund der vielfältigen Einsatzmöglichkeiten auch bei Komorbiditäten schon bei milder Ausprägung den Einsatz von Methylphenidat. Seit der Zulassung habe man zudem viel Aufbauarbeit für ADHS im Erwachsenenalter geleistet: Zahlreiche Fortbildungskonzepte für Fachärzte und therapieunterstützende Tools seien gemeinsam mit führenden ADHS-Experten entwickelt worden.

Die 30er-Packungen Elvanse Adult kommen mit einem Preis von 110 bis 120 Euro daher. Bei Medikinet adult liegen die Preise je nach Stärke zwischen 14 und 92 Euro. Umgerechnet auf die unterschiedliche Einnahmehäufigkeit ist Shire mit Elvanse Adult deutlich teurer.

Das seit 2013 erhältliche Elvanse ist bei Kindern ab einem Alter von sechs Jahren indiziert, wenn das Ansprechen auf eine zuvor erhaltene Behandlung mit Methylphenidat als klinisch unzureichend angesehen wird. Der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) konnte keinen Zusatznutzen gegenüber Atomoxetin finden.

Methylphenidat kommt laut Arzneiverordnungsreport insgesamt auf 51,2 Millionen Tagestherapiedosen (DDD), Medikinet hat mit 19 Millionen DDD die Nase vorn, gefolgt von Medikinet adult. Weitere Marken sind Ritalin (5,8 Millionen DDD), Concerta (4,5), Equasym (3,7), Methylphenidat Neuraxpharm (3,4) und Ritalin adult (2,4). Lisdexamfetamin kommt auf 9,2 Millionen DDD, Atomoxetin (enthalten in Strattera) auf 2,2 Millionen DDD. Intuniv (Guanfacin) und Attentin (Dexamfetamin) liegen mit einer Million beziehungsweise einer knappen halben Million DDD weit hinten.

Laut einer Studie beträgt die Prävalenz von ADHS im Erwachsenenalter 4,7 Prozent, neben Methylphenidat ist unter bestimmten Voraussetzungen auch Atomoxetin zugelassen. Die Verordungszahlen sind in den vergangenen Jahren in diesem Bereich angestiegen.

Eine aktuelle Studie untersuchte die Wirksamkeit und Verträglichkeit von Methylphenidat bei Erwachsenen unter Routinebedingungen. Es gibt Hinweise darauf, dass die Dosistitration in Deutschland zu früh beendet wird. Dadurch werden im Praxisalltag häufig nur suboptimale Tagesdosen von Methylphenidat erreicht. Das therapeutische Potential des Wirkstoffes werde somit nicht komplett ausgeschöpft. Eine noch sorgfältigere Titration könnte demnach den auch mit niedriger Dosierung bereits nachgewiesenen hohen Nutzen von Methylphenidat im Praxisalltag weiter erhöhen.

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