Antibiotika

Der Resistenz-GAU

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Berlin -

In den USA ist eine Frau an einer Infektion ihres Oberschenkel durch einen multiresistenten Erreger verstorben. Der Keim vom Typ Klebsiella pneumoniae war unanfällig gegenüber 26 getesteten Antibiotika. Die Fachkreise sind alarmiert und fordern erneut verbesserte Hygienemaßnahmen sowie einen sorgsameren Umgang mit den Antiinfektiva.

Klebsiella pneumoniae ist ein fakultativ anaerobes und gramnegatives Stäbchen, das in der normalen Magen-Darm-Flora sowie im Mund vorkommt. Normalerweise ist es ungefährlich, kann jedoch bei immungeschwächten Patienten Komplikationen hervorrufen. So geschah es bei einer Patientin im US-Bundestaat Nevada: Die Rentnerin starb an einer nicht therapierbaren Infektion ihres Oberschenkels, die sie sich bei einem längeren Indien-Aufenthalt zugezogen hatte.

Die meistverwendeten Antibiotika in den USA sind – nach Häufigkeit geordnet: Azithromycin, Ciprofloxacin, Amoxicillin, Cotrimoxazol, Cephalexin, Levofloxacin, Amoxicillin-Clavulansäure, Doxycyclin, Nitrofurantoin und Mupirocin. Wirken die Standardtherapien nicht mehr, muss auf Reserveantibiotika wie Carbapeneme ausgewichen werden. Vertreter dieser Beta-Laktam-Antibiotika mit sehr weitem Wirkspektrum sind Imipenem, Ertapenem und Meropenem. Sie sind schwierigen Fälle, weil sie ein ungünstiges Nebenwirkungsprofil besitzen. Imipenem ist zum Beispiel stark nephrotoxisch.

Keime, die gegen Carbapeneme resistent sind, nennt man CRE: Carbapenem-resistente Enterobakterien. Die Center for Disease Control and Prevention (CDC) berichteten 2013, dass der Anteil der Kliniken, in denen mindestens einmal jährlich ein entsprechender Keim auftritt, von 1 Prozent im Jahr 2001 auf 4 Prozent im Jahr 2012 gestiegen sei.

Die Gattung Klebsiella macht den Großteil der CRE aus, welche zu Komplikationen führen. Sie besitzen „New-Delhi-Metalloproteinasen“, welche das Antibiotikum spalten und so unwirksam machen, erklärt der Direktor der Apotheke des Universitätsklikums Freiburg, Dr. Martin J. Hug. Wie der Name schon verrät, findet man diese Resistenz-Enzyme vorwiegend in Bakterien aus Südostasien oder Indien. Von dort gelangen die Erreger auch in amerikanische oder deutsche Krankenhäuser. Dies seien jedoch Einzelfälle, so Hug. Dramatische Ausmaße wie im Falle der Rentnerin aus Nevada seien sehr selten.

Weitere Reserveantibiotika sind die Lipopeptide (Daptomycin), Glycylcycline (Tigecyclin), Linezolid sowie die Kombination aus Piperacillin und Tazobactam. Letztere wird jedoch – ebenso wie Carbapeneme – mittlerweile relativ breit eingesetzt und droht daher ihre Reservestellung einzubüßen.

Daptomycin ist der momentan stärkste bakterizide Wirkstoff auf dem Markt. Es wird in die grampositive Bakterienzelle eingeschleust und bewirkt die Bildung von Membranporen, durch die Kalium-Ionen aus dem Zellinneren in den Zellzwischenraum strömen. Außerdem behindert der Wirkstoff die DNA-, RNA- und Proteinsynthese.

Dass Bakterien überhaupt eine Resistenz entwickeln, hat viele Gründe. So gibt es Keime, die schon immer entsprechende Resistenzmechanismen in sich tragen. In einer Höhle aus der Steinzeit wurden Bakterien gefunden, die Resistenzmechanismen besaßen, obwohl sie nie mit Antibiotika in Berührung gekommen sein können.

Zusätzlich übt der vermehrte Einsatz von Antibiotika einen Selektionsdruck auf die Bakterien aus. Es überleben nur Keime, die sich zu wehren wissen. Mutationen verschaffen so einigen wenigen Mikroben einen Überlebensvorteil, woraufhin diese eine neue Generation begründen können. Durch den sparsamen Einsatz von Antibiotika kann dieser Selektionsdruck verringert werden. Vor allem der Einsatz von Antibiotika bei viral-bedingten Erkältungskrankheiten ist hier kritisch zu sehen.

Die Resistenz sei dabei nicht unbedingt von Vorteil für ein Bakterium, erklärt Hug: Resistenzmechanismen könnten auf Kosten von Stoffwechselprozessen entstehen oder diese behindern. Die Erreger würden so weniger aggressiv, da sie sich nicht so schnell ausbreiten könnten. Außerdem sei das körpereigene Immunsystem eine sehr effektive Waffe gegen die Keime, weshalb selbst eine Infektion mit multiresistenten Mikroben nicht automatisch zum Tod führe, so Hug.

Sollte der seltene Fall eintreten, dass wirklich kein Antibiotikum ausreichende Wirksamkeit zeigt, ist es immer noch möglich, verschiedene Antibiotika zu kombinieren. Die synergistischen Effekte in Zusammenhang mit der körpereigenen Immunabwehr besiegen die Superbakterien dann meist doch noch.

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