Nachtdienstgedanken

Wer schön sein will, muss leiden?

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Berlin -

Ein rotes Kreuz im Kalender – für Sarah Sonntag bedeutet das: Notdienst. Manchmal wundert sich die Apothekerin über die Leichtfertigkeit, mit der teilweise offensichtlich schwerwiegende Beschwerden von den Kunden abgetan werden. Auch in der heutigen Nacht hat sie es mit einer solchen Kandidatin zu tun.

Notdienste sind immer ein bisschen wie eine Wundertüte – oder wie Forrest Gump sagen würde: „Das Leben ist wie eine Schachtel Pralinen – man weiß nie, was man kriegt.“ So ähnlich verhält es sich auch mit den Diensten. Manche sind so ruhig, dass man Zeitschriften lesen und Netflix schauen kann, an anderen Tagen bekommt man kaum Zeit, ins Brot zu beißen oder am Kaffee zu nippen.

Auch die Menschen vor der Klappe sind total unterschiedlich: Während manche wegen dem kleinsten Wehwehchen kommen, haben andere scheinbar kein Gefühl für ernsthafte Beschwerden, die eigentlich in die Hände eines Arztes gehören. Sarah hat diesbezüglich schon einiges gesehen: Extreme Verbrennungen, fortgeschrittene Gürtelrose oder stark blutende Wunden sind nur einige Beispiele.

In vielen Fällen neigen vor allem die männlichen Kunden dazu, ihre Beschwerden zu verharmlosen – schließlich will man vor der Apothekerin ja nicht wie ein „Weichei“ da stehen: Sarah hatte bereits einen Bauarbeiter in der Apotheke, der eine regelrechte Blutspur hinter sich her zog, weil er sich mit einem Arbeitsgerät tief in den Finger geschnitten hatte. Während ihre Kolleginnen entsetzt das Weite suchten, verarztete die Apothekerin den jungen Mann, der eigentlich nur ein Pflaster kaufen wollte. Nachdem die Wunde erstversorgt war und Sarah ihm dringend geraten hatte, ins Krankenhaus zu fahren, drehte er sich jedoch um und ging zurück zur Baustelle auf der gegenüberliegenden Straßenseite. „Ach das geht schon, danke!“, hatte er gesagt.

Im heutigen Notdienst wird Sarah jedoch erneut überrascht. Als es klingelt, steht eine junge Frau etwa Anfang 20 vor ihr: Sie hat provisorisch ein Pflaster über das linke Auge geklebt, doch auch das rechte Auge sieht alles andere als gut aus. „Ich bräuchte ein paar Augentropfen“, meint sie. Sarah will es natürlich genauer wissen. „Welche Beschwerden haben Sie denn genau? Das sieht wirklich nicht gut aus“, meint sie. Doch auf die Frage wird nicht eingegangen. „Ich hatte da mal welche gegen Bindehautentzündung oder so“, antwortet die Kundin.

Sarah fragt erneut nach den Beschwerden. Die Kundin lässt einen tiefen Seufzer los und nimmt zögerlich das Pflaster ab. Als Sarah das Auge sieht, ist sie geschockt: Es ist blutunterlaufen und stark gerötet – außerdem hat sich Eiter gebildet. „Wie ist das denn passiert?“, fragt sie entsetzt. Die Kundin scheint peinlich berührt. Schließlich rückt sie jedoch mit der Geschichte heraus. „Ich wollte mir für eine Hochzeit nächste Woche künstliche Wimpern kleben lassen“, erklärt sie.

In den Kosmetikstudios sei das jedoch so teuer, dass sie es sich nicht leisten könne. Im Internet sei sie auf eine Frau gestoßen, die es wesentlich günstiger anbiete und sogar nach Hause komme – immerhin hat sie nur die Hälfte der Summe zahlen müssen. Schon kurze Zeit nach der Behandlung hätten jedoch ihre Augen gejuckt und getränt. Auf jegliche Versuche, die Dame zu kontaktieren, habe diese nicht reagiert. „Ich habe mir dann versucht, die Wimpern selbst wieder abzumachen, weil ich es einfach nicht ausgehalten habe“, erläutert die Kundin weiter. Offenbar hatte die Dame minderwertige Produkte verwendet und unsauber gearbeitet.

Sarah rät ihrer Kundin dringend zu einem Besuch beim augenärztlichen Notdienst. „Gerade wenn es um das Augenlicht geht, sollte man nicht zu lange warten“, erklärt sie. Die junge Frau zögert jedoch noch immer. „Können Sie mir nicht einfach ein paar Tropfen mitgeben oder so? Eigentlich habe ich keine Zeit ins Krankenhaus zu fahren.“

Nach weiteren Erklärungen ist sie schließlich jedoch einsichtig. „Vielleicht haben Sie doch Recht, das muss ja bis nächste Woche wieder weg sein“, meint sie. Eins steht für sie jedoch fest: Auf künstliche Wimpern verzichtet sie ab sofort lieber, oder lässt es vom Profi machen.

Einige Zeit später steht sie erneut von der Notdienstklappe – diesmal mit einem Rezept. „Danke nochmal für ihre Hinweise und Erklärungen – ohne Sie wäre ich sicherlich nicht zum Arzt gegangen. Wer weiß, wie es dann ausgegangen wäre.“ Sarah ist froh über die Einsicht und natürlich auch froh über das Dankeschön. Manchmal sind Apotheken eben nicht nur da, um Patienten zu versorgen – sondern auch dafür, das Bewusstsein für die Grenzen der Selbstmedikation zu schärfen.

 

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