Nachtdienstgedanken

Tour de Pharmacie: Oma zu Besuch im Notdienst

, Uhr
Berlin -

Die letzten Kunden sind weg, nun steht der Notdienst an. Ich mache das Licht im HV aus, suche die Schlüssel für die Notdienstklappe heraus und mache mir danach einen Kaffee. Heute bin ich zumindest für paar Stunden nicht alleine in der Offizin, denn ich erwarte einen Ehrengast.

Ich versuche oft mit meiner Oma zu telefonieren, denn alten Menschen gefällt es, wenn man an sie denkt. Und immer wenn ich ihr von meinen Erlebnissen aus der Apotheke berichte, spitzt sie die Ohren. Sie lacht sich kaputt, wenn ich Dialoge nachstelle; manchmal flucht sie auch über die Arroganz und Erwartungshaltung der Menschen. „Damals im Krieg wären wir froh, wenn...“, heißt es danach meistens.

„Bevor sich meine Augen für immer schließen, möchte ich dich einmal in der Apotheke besuchen“, sagt sie immer. Heute ist der Zeitpunkt gekommen, sie hat sich für 19 Uhr angekündigt. Auch Max begrüßt es, dass wir heute einen Gast bekommen: „Omas sind doch die Besten.“ Ich laufe ins Büro. Auf dem Schreibtisch liegen ein paar Retaxationen und weitere Briefe, die ich mir genauer anschauen muss. Oh, Orangensaft im Kühlschrank! Jetzt kann nichts mehr schiefgehen!

Während ich versuche, mit dem Papierberg klar zukommen, blättert Max in seinem Krimi „Tod im Labor“. Heute mal kein Fernsehen? Gleich läuft doch Tatort, wäre doch eine passende Ergänzung. So konzentriert habe ich ihn lange nicht mehr gesehen. Er antwortet mir auch gar nicht. Na gut, die Briefe der Krankenkasse sind ja sowieso viel interessanter.

Ein Kunde unterbricht die kurzzeitige Stille im Nachtdienstzimmer: Dingdong! Ich eile zur Klappe. Da steht nicht nur ein Kunde. Es hat sich schon eine kleine Schlange gebildet: Vorne eine Mutter mit ihrem kleinen Sohn, dahinter ein kräftig gebauter, großer Mann, der die Personen hinter ihm verdeckt. Ein Wintermantel lässt sich hinter diesem noch erkennen, ich kann nicht sehen, wie viele Personen insgesamt warten, vielleicht drei oder vier. Nachdem die ersten beiden versorgt waren, grinst mich Oma an. Sie hatte sich hinter dem Herrn versteckt. „Schön, dass du da bist!“

Ich führe sie durch die Apotheke, aber zuerst soll ich doch in die Küche und in die Tüte schauen. Ich dachte zuerst, sie ist vom Einkaufen gekommen. „Oma, was hast du gemacht?!“, frage ich. Die Tüte entpuppt sich als wahres Nahrungsmittellager. Reis, Kartoffelsalat, sogar Braten hast sie eingepackt. Ganz zu Schweigen vom Obst und Dessert, ein wahrer Gaumenschmaus heute im Notdienst. So einen Riesenhunger habe ich eigentlich gar nicht, denn ich habe kurz nach fünf was Kleines gegessen. „Du bleibst bis in die Morgenstunden hier, du musst was essen.“ Es gibt kein Entkommen, alles muss fertig gegessen werden. Oma klärt alles auf einfache Weise, nach dem Motto: Es gibt keine Probleme, du musst nur mehr essen.

Nachdem ich viel hineinschaufeln musste, weil „ich bald von den Rippen falle“, rolle ich mit Oma kugelrund durch die Offizin. Vorher hat sie eine Apotheke nicht von hinten gesehen, sie ist nur mit der Freiwahl und dem HV vertraut. Ich erzähle ihr die Hintergründe, zeige ihr das Labor. Interessiert hört sie mir zu und stellt Fragen. Zwischenzeitlich hat das Telefon geklingelt, ich musste sie für einen Moment alleine lassen. Folge: In der familieninternen WhatsApp-Gruppe machen nun Fotos vom Braten und der Laborausstattung die Runde. Darunter auch ein Bild vom Sonnenschein unserer Apotheke. Nein, das bin nicht ich, sondern Schwefel.

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