Nebenjob finanziert Miete

Poetry Slam: Pharmaziestudentin erobert Bühnen

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Berlin -

Sie studiert Pharmazie an der Uni Saarbrücken und hat ein ungewöhnliches Hobby: Andrea Maria Fahrenkampf ist erfolgreiche Poetry Slammerin. Geplant hat sie das nicht – mittlerweile finanziert das Dichten ihre Miete.

2017 gewann die 24-Jährige die saarländischen Meisterschaften im Poetry Slam. Seitdem geht es aufwärts, sie wird mittlerweile für Veranstaltungen gebucht und nimmt bundesweit an Wettbewerben teil. Viele träumen vom Erfolg auf der Bühne, aber es reicht nicht, lieblos abgehackte Gedichtfetzen vorzutragen. Poetry Slam ist mehr: Gut gemacht sind es Gedichte mit Sinn, Hintersinn und im Idealfall auch Humor. Ihre Liebe zur Materie begann mit einem Seminar, das ihre Lieblingslehrerin veranstaltete. An der Uni machte sie schließlich bei einer Veranstaltung mit. „Und dann ist es ein Selbstläufer geworden.“

Derzeit ist Fahrenkampf im 7. Semester. „Im Mai 2021 will ich mit dem Studium fertig sein.“ Danach könnte sie sich vorstellen, als Stationsapothekerin zu arbeiten. „Oder ich hänge noch ein Medizinstudium dran“, sagt sie. „Beim Beruf des Stationsapothekers finde ich die Interdisziplinarität interessant. Ich finde die Idee schön, das Wissen der beiden Berufe Apotheker und Arzt zu ergänzen und zusammenzuarbeiten. Für die Patienten bringt es viele Vorteile, wenn zwei die bestmögliche Therapie herausfinden.“

Die Bühne kann ein Ausgleich zum stressigen Pharmazeuten-Alltag sein. Am lustigsten ist es natürlich, wenn man über Schwächen der anderen lachen kann. Umso besser, wenn der Poetry Slammer seine eigenen Erlebnisse verarbeitet. Fahrenkampf ist 1,50 Meter groß, das bietet sich natürlich an.

 

Selbstbewusst verkündet sie in ihrer „Ballade über das Kleinsein“: „Wenn es regnet, werde ich später nass“ und erzählt von ihren Erlebnissen. Etwa, wie sie auf ein Konzert ging und der Typ neben ihr fragte, ob sie in einem Loch stehe. „Das ist ein Thema, das mich ein Leben lang begleitet“, sagt sie. „Wenn jemand einen Witz darüber macht und ich ihn lustig finde, schreibe ich ihn auf.“ Daraus entsteht dann, in Kombination mit anderen Ideen, in monatelanger Kleinarbeit der Stoff für ihre Auftritte. „Ich bin kleiner als ihr, aber ich hab‘ innere Größe!“ oder „Ich bin nicht klein, ich bin nur stark konzentriert!“, ruft sie ihrem Publikum von der Bühne aus zu. Sie hat gelernt: „Krampfhaft witzig zu sein, funktioniert nicht. Auch übertriebene Anekdoten nicht. Man muss die Menschen erreichen können, eine Message oder Geschichte haben, die sie interessiert, womit sie im Leben Kontakt haben.“ Dann alles in eine „angenehme Form gepackt“ und fertig ist der Text eines Poetry Slammers.

Kenner der Szene schätzen, dass es bundesweit rund 300 Menschen gibt, die mit Poetry Slamming ihr Geld verdienen. „Ich verdiene damit meine Miete“, sagt die Pharmaziestudentin. Mit jedem Auftritt steigt ihr Ruhm, das Studium möchte sie jedoch nicht vernachlässigen. „Die letzten zwei Semester waren sehr hart. Ich bin froh, dass ich in Saarbrücken studiere, das ist eine kleine Uni mit nur rund 200 Pharmaziestudenten. Man kann mit dem Professoren reden.“ Die meisten haben Verständnis für ihr Hobby, das sehr zeitintensiv ist. „Die meiste Zeit geht fürs Reisen und die Organisation der Auftritte drauf.“ Größere Veranstalter zahlen eine kleine Gage, das Hotel und die Fahrkosten. „Und wenn ich als Rahmenprogramm gebucht werde, erhalte ich ganz normale Gagenzahlungen.“

Horrorauftritte, bei denen etwas schieflief, hat die Pharmaziestudentin bisher nicht erlebt. Vieles, das sie im Alltag erlebt und das ihr ulkig oder interessant erscheint, schreibt sie in ein Notizbuch oder tippt Infos ins Smartphone. „Manchmal dauert es lange, bis etwas daraus wird. Derzeit habe ich fünf angefangene Texte. Manchmal fehlt die Inspiration oder die Zeit.“ Auch Vergnügliches aus der Offizin soll einfließen. „Einmal erschien ein Mann in der Apotheke und legte einen roten Schnellhefter auf den HV-Tisch. Er teilte uns mit, dass er Bäcker sei und eine Umschulung zum Apotheker machen wolle. Er dachte, das wäre in einem Jahr ohne Studium möglich.“ Männer sind sowieso ergiebig für Poetry-Themen. In einem Text, in dem es um Tinder geht, macht Fahrenkampf sich um einen Mann lustig, der Dic Pics, also partielle Nacktfotos von sich, verschickt. Auf Youtube kann man ihre Auftritte sehen. Das Lachen der Frauen im Publikum verrät, dass wohl schon einige unerwünschte Nacktfotos erhalten haben.

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