Inhaberin gibt Apotheken auf

„Ich weiß nicht, ob ich im März noch meine Mitarbeiter bezahlen kann“

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Berlin -

Die Erhöhung des Kassenabschlags war für Ailika Martina Wölfinger zu viel. Die Inhaberin wird ihre beiden Apotheken in Hessen zum Jahreswechsel schließen. Die Kosten seien unkalkulierbar geworden. „Der Zwangsrabatt gibt mir jetzt den Rest. Ich spüre die 6000 Euro im Jahr“, sagt sie.

Wenn sich Wölfinger an einen ihrer Wünsche im Januar für das neue Jahr zurückerinnert, dann war das etwas mehr Ruhe im Apothekenalltag – doch es kam anders. „Ich kann nicht mehr vernünftig für das nächste Jahr planen“, sagt die 60-Jährige. Die Erhöhung des Kassenabschlags sei nicht zu stemmen. „Mein Steuerberater hat mich schon gefragt, ob ich sicher bin, ob sich das alles noch lohnt.“

Apothekerin kapituliert

Jetzt ist für die Inhaberin eine Situation erreicht, in der sie kapituliert. Als Selbstständige kann sie nicht optimistisch in die Zukunft blicken: „Ich weiß nicht, ob ich im März noch meine Mitarbeiter bezahlen kann.“ Die Energie- und Spritpreise stiegen und der Botendienst werde teurer. „Wir haben hier im ländlichen Bereich pro Tag bis zu 50 Boten.“ Die drei Fahrer, die mehr Lohn erhielten, seien auch nicht nur eine Stunde unterwegs, sondern im Durchschnitt drei bis vier.

Als im Mai eine Betriebsprüfung anstand, bei der sie am Ende erfahren habe, dass sie wegen angeblicher Steuerhinterziehung kontrolliert worden sei, fiel die Entscheidung zur Schließung endgültig. Die Kontrolle sei ohne jegliche Beanstandung verlaufen. Grund für die Aufregung seien die Hochpreiser gewesen. „Ich musste dem Finanzamt erst einmal erklären, was das bedeutet.“

Man wird von allen Richtungen drangsaliert. Ich möchte diesem System nicht mehr dienen, weil es keine Wertschätzung mehr für mich hat und sich meiner nur bedient.

Dazu komme der tägliche „Dokumentationswahnsinn“. „Ich habe den Stress so satt.“ Als gerade noch die Präqualifizierungsstelle angerufen habe und neue Fotos vom Beratungsraum sehen wollte, winkte sie nur ab und verwies auf die Schließung Ende des Jahres. „Man wird von allen Richtungen drangsaliert. Ich möchte diesem System nicht mehr dienen, weil es keine Wertschätzung mehr für mich hat und sich meiner nur bedient.“

Zwischenzeitlich sei der Gedanke gekommen, doch noch mit der Entscheidung zu warten, vielleicht werde es ja nicht so schlimm. „Aber am Ende verliere ich noch mein schönes Haus, weil ich selbst haften muss.“ Auch der zum Jahresende auslaufende Mietvertrag und das Gefühl beim Ausblick auf eine weitere Bindung, seien entscheidend gewesen: „Ich schaffe das keine fünf Jahre mehr.“ Eigentlich wollte sie noch zwei Jahre arbeiten – doch jetzt wechselt sie früher ins Angestelltenverhältnis. „Von 100 auf null geht ja auch nicht.“ Die Mitarbeiter:innen seien alle gut versorgt. „Mir war wichtig, dass alles gut abgeschlossen ist.“ Ein Verkauf sei für einen Standort keine Option gewesen. Der andere Standort habe bei Kollegen im Umkreis kein Interesse geweckt.

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