Deutsche Medz

Fußballprofis spielen Arzt-Apotheker

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Berlin -

Das Tandem aus Teleclinic und DocMorris hat die Politik aufgeschreckt – doch es gibt weitere Anbieter, bei denen die Trennung von Verordnung und Verkauf ausgehebelt ist. Ein Beispiel, das in der Öffentlichkeit immer sichtbarer wird, ist Deutsche Medz. Das hinter dem Angebot stehende Unternehmen aus Nottingham hat große Pläne – und prominente Investoren.

In sechs Kategorien – Männergesundheit, Frauengesundheit, chronische Erkrankungen, Allgemeinmedizin, sexuelle Gesundheit und Reisegesundheit ­– bietet Deutsche Medz frei verkäufliche und verschreibungspflichtige Arzneimittel ohne Arztbesuch an. Der Kunde kann sich das gesamte Sortiment anzeigen lassen, die Medikamente erscheinen mit Abbildung. Die Auflistung kann anpasst werden – alle Medikamente, nur Rx, nur OTC, alphabetisch sortiert oder im Preis aufsteigend.

Nach dem Kauf wird das „Formular“ von einem Arzt und einem Apotheker geprüft – nach Unternehmensangaben reicht das in den meisten Fällen aus, um eine Entscheidung zu treffen. Auch das Notfallkontrazeptivum EllaOne oder eine Präexpositionsprophylaxe (PrEP) kann man ohne einen Rückruf erhalten. Das Medikament wird dem Kunden direkt und diskret – auf dem Karton soll sich kein Hinweis auf Arzneimittel finden – zugeschickt, laut Unternehmen innerhalb von 24 Stunden. Deutsche Medz versichert, dass ausschließlich zugelassene Medikamente, die aus Deutschland bezogen werden, versendet werden.

Hinter Deutsche Medz steht das Unternehmen „UK Meds Direct“ mit Sitz in Nottingham. 2016 durch Joe und Mason Soiza gegründet, peilt das Unternehmen mit 20 Mitarbeitern für dieses Jahr einen Umsatz von 15 Millionen Britischen Pfund an. Nach eigenen Angaben hat die Firma 200.000 Kunden. Verschickt wird in Großbritannien und nach Deutschland.

Um das weitere Wachstum zu ermöglichen, haben Vater und Sohn weitere Investoren an Bord genommen. Mit dabei sind Ex-Fußballprofi Dexter Blackstock sowie seine noch aktiven Kollegen Henri Lansbury (Aston Villa) und David McGoldrick (Sheffield). Letzter Partner im Bunde ist Chris Trew, Gründer der Blockchain-Firma Stratis.

Noch vor einem Jahr wollte UK Meds Direct gemeinsam mit dem von Blackstock geleiteten Projekt Mediconnect die Art und Weise, wie Arzneimittel verkauft werden, grundlegend reformieren: „Wir hoffen, ein seit Jahren bestehendes System ändern zu können. Mit zunehmender Verbreitung von Online-Apotheken bieten wir eine Plattform, um alle an der Bereitstellung und Verwendung von Medikamenten Beteiligten zu schützen“, hieß es zum Projekt.

Kunden sollen sich sicher fühlen, dass alle auf der Plattform verkauften Medikamente echt sind. Mittels Blockchain-Technologie soll ein Fälschungsschutz garantiert werden, auch eine lückenlose Nachverfolgbarkeit soll möglich sein. Zur Finanzierung des Projekt wurden vor einem Jahr Spender gesucht, die als Gegenleistung im entsprechenden Umfang Kryptowährung erhielten, die sie später für Online-Einkäufe verwenden können. Knapp 850.000 US-Dollar sollen beim sogenannten Initial Coin Offering (ICO) zusammengekommen sein.

„Langfristiges Ziel ist es, MediConnect zum Goldstandard in Großbritannien zu machen, sodass jede Apotheke die Plattform nutzen muss.“ Man befinde sich im Austausch mit den staatlichen Gesundheitsdienst NHS, fokussiere aber vorerst auf den Online-Versand, hieß es weiter. Partner der ersten Phase war „UK Meds Direct“. Die Geschäftsbeziehung endete dann allerdings.

Stattdessen setzte die Versandapotheke auf eigene Partnerschaften: Um den Kunden bei dem ungewohnten Angebot etwas Sicherheit zu geben, kooperiert die Firma mit Onfido - der Technologieanbieter hilft anderen Unternehmen dabei, die Identität von Personen mithilfe verschiedener Prozesse zu überprüfen, darunter Gesichtserkennung. In Großbritannien wirbt „UK Meds Direct“ auf den Trikots von Fußballvereinen wie Nottingham Forest, hierzulande werden Verbraucher im Netz abgefangen.

Per Klick kann man sich für ein Präparat entscheiden. Im neuen Fenster wird die gewünschte Dosierung ausgewählt. Der Kunde darf auch entscheiden, ob er das Original oder ein preisgünstigeres Generikum erhalten möchte. Im Fall von Viagra steht die Vorauswahl auf Generikum. Beworben wird das Produkt mit „beliebte Behandlung bei erektiler Dysfunktion“.

Entschließt sich der Kunde zum Kauf, erscheint ein Fragebogen. Neben Begleiterkrankungen werden auch Fragen zu Allergien gestellt. Auch ob das Medikament bereits bekannt ist, wird erfragt. Um den Kauf abzuwickeln, muss der Kunde bestätigen, dass er den gesamten Beipackzettel lesen wird und alle Fragen ehrlich beantwortet wurden.

In der Kategorie „chronische Erkrankungen“ können Patienten mit folgenden Leiden versorgt werden: Asthma/COPD, Hypertonie, Diabetes, erhöhtes Cholesterin, Inkontinenz, Akne, Rosacea, Exzeme/Psoriasis, Heuschnupfen/Allergie und situative Angststörungen. Wird eine Belieferung vom prüfenden EU-Arzt abgelehnt, so erhält der Kunde umgehend eine begründete Absage. Neben Medikamenten bietet das Portal auch die Belieferung mit Schutzkleidung und Hygieneartikel an.

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