Grippemedikament

Österreich bunkert Tamiflu

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Berlin -

Zwölf Jahre nach Ausbruch von Schweine- und Vogelgrippe lagern noch immer 630.000 Kapseln Tamiflu (Oseltamivir) an einem geheimen Ort in Kärnten. Nur eine Handvoll Menschen wisse, wo die zwar abgelaufenen, aber immer noch wirksamen Medikamente zu finden seien, berichtet der ORF.

Auf Anraten der Weltgesundheitsorganisation (WHO) habe auch Österreich große Mengen von Grippemedikamenten eingelagert, so der Sender. Allein das Bundesland Kärnten gab damals drei Millionen Euro für das Roche-Präparat Tamiflu aus. Die Pläne für den Fall einer Grippepandemie seien seit damals nie überarbeitet worden. Um eine schnelle Verteilung im Ernstfall zu gewährleisten, lagern die Tabletten in Fässern.

Doch gedacht seien die Medikamente nicht für Patienten, sondern für etwa 65.000 „Schlüsselkräfte“. Dazu zählen Ärzte, Krankenschwester oder Rettungsfahrer, die direkt mit Erkrankten zu tun haben. Aber auch Menschen, die für den Erhalt des Gesundheitssystems notwendig seien, würden bevorzugt versorgt. Darunter fielen „Nahversorger, Lebensmittelketten-Betreiber, Blaulichtorganisationen, Bundesheer, Polizei“, sagt Elisabeth Oberleitner, Leiterin der Kärntner Landessanitätsdirektion gegenüber dem ORF. Bei einer Pandemie würden die Medikamente über Apotheken ausgegeben.

Bewusst habe man sich dafür entschieden, den Standort geheim zu halten, weil „seinerzeit allgemein bekannt war, dass es für Medikamente hohe Schwarzmarktpreise gibt und weil wir sicherstellen mussten, dass im Anlassfall die Abgabe dieser Medikamente an die Personen ruhig und ohne Panik verläuft“, begründet Oberleitner. „Wir mussten natürlich auch die Lagerstätte vor Plünderungen schützen.“

Schon 2011 sei das gekaufte Tamiflu abgelaufen. Das österreichische Bundesamt für Sicherheit im Gesundheitswesen (BASG) untersuche jedes Jahr, ob der Wirkstoff noch eine erfolgreiche Behandlung gewährleiste. „Das wurde voriges Jahr wieder für ein Jahr verlängert, 2018 sind die Medikamente noch haltbar“, sagt Oberleitner. Sollte die Wirkung nicht mehr ausreichend sein, müssten die Hunderttausende von Kapseln als Sondermüll entsorgt werden.

Außer den Arzneimitteln lagern noch Abertausende Mundschutzmasken, Schutzanzüge und Schutzbrillen im Geheimdepot. Auch sie wurden nach Bericht vor mehr als zehn Jahren für weitere zwei Millionen Euro angeschafft.

Der Schweizer Pharmakonzern Roche schreibt erst seit 2003 schwarze Zahlen mit Tamiflu. Damals wurde in Hongkong das Vogelgrippevirus entdeckt. Auf Empfehlung der WHO investierten die Staaten in die Pandemie-Vorsorge und legten Notvorräte an. Zudem sorgte die globale Ausbreitung des sogenannten Schweinegrippe-Virus (H1N1) im Jahr 2009 für einen starken Umsatz. Alleine in den USA wurden demnach 1,3 Milliarden US-Dollar ausgegeben, in Großbritannien 424 Millionen Pfund. Auch Deutschland bevorratet das Präparat: 2014 verwies das Bundesgesundheitsministerium (BMG) darauf, dass es bislang keine überlegenen alternativen Therapien für den Fall einer schwerwiegenden Pandemie gebe.

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