Engpässe wegen Verteilungsproblem

Wo sind die angeblichen Überbestände?

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Berlin -

Woher kommt die Mär vom Verteilungsproblem bei Fiebersäften, die gebetsmühlenartig von Politik und Verwaltung wiedergekäut werden? Zahlen von Insight Health zeigen, dass es keine geheimen Vorräte geben dürfte – weil sogar mehr Packungen von den Apotheken abgegeben als eingekauft wurden.

Laut Beirat zu Liefer- und Versorgungsengpässen am Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) haben „stark gestiegenen Einkäufe zu regionaler Ungleichverteilung und Bevorratung mit den verfügbaren Beständen“ geführt. Tatsächlich mögen zwar einige Apotheken einen besonders guten Draht zum Großhandel haben und dem einen oder anderen Kollegen sogar der Bezug größerer Mengen gelungen sein. Aber gibt es wirklich Hamsterbestände?

Von Januar bis November haben die Apotheken laut Insight Health insgesamt knapp 10,8 Millionen Packungen an Fiebersäften mit Paracetamol und Ibuprofen eingekauft. Damit liegt die Nachfrage knapp 70 Prozent über Vorjahresniveau – und auch 19 Prozent über dem Vergleichszeitrum 2019, also Vor-Corona-Niveau. Insbesondere die Bevorratung bei den Herstellern war in Folge der Pandemie regelrecht eingebrochen:

  • 2019 (Januar bis November): 6,9 Millionen Packungen Großhandel, 2,1 Millionen Packungen direkt
  • 2020 (Januar bis November): 5,8 Millionen Packungen Großhandel, 2 Millionen Packungen direkt
  • 2021 (Januar bis November): 5,3 Millionen Packungen Großhandel, 1,1 Millionen Packungen direkt
  • 2022 (Januar bis November): 8,8 Millionen Packungen Großhandel, 2 Millionen Packungen direkt

Nachfrage auf hohem Niveau

Allerdings fällt auf, dass die Nachfrage beim Großhandel 2021 erst ab Mai kontinuierlich anzog, während sie in diesem Jahr nach einem Peak im März auf hohem Niveau über längere Zeit stabil war mit rund 700.000 bis 800.000 Packungen pro Monat. Im September und Oktober brachen die Bestellungen – vermutlich aufgrund fehlender Ware – dann ein, um im November mit 1,3 Millionen Packungen einen neuen Höchstwert zu erreichen.

    600.000 Packungen pro Woche

    Die Abverkäufe lagen dagegen bis Ende Oktober bei 200.000 bis 300.000 Packungen pro Woche. In KW 46 zog die Nachfrage massiv an, auf jeweils rund 600.000 Packungen in KW 48 und 49.

    Im gesamten Jahresverlauf wurden damit bislang 11,6 Millionen Packungen abgegeben, also rund 800.000 oder 8 Prozent mehr, als im selben Zeitraum eingekauft wurden. Möglicherweise konnten noch größere Restbestände aus dem Vorjahr abverkauft werden. Der Effekt ist jedenfalls nicht ungewöhnlich, 2021 lag die Differenz sogar bei knapp 970.000 Packungen.

    Ibuflam vor Nurofen vor Ratiopharm

    Mit 5 Millionen Packungen und einem Marktanteil von 43 Prozent liegt Ibuflam (Zentiva) mit Abstand vorn, gefolgt von Nurofen (Reckitt) mit 3,3 Millionen Packungen und 29 Prozent Marktanteil. Ratiopharm bringt es mit Paracetamol- und Ibuprofen-Saft auf 2,3 Millionen Packungen und 20 Prozent.

    Abfragen bei Überwachung

    Und woher kommt nun die Information, dass es irgendwo noch Überbestände geben müsste? Der Beirat hat offenbar Zahlen von Iqvia ausgewertet, jedenfalls sind auf der Website jetzt Kurven zu Ein- und Verkäufen der Apotheken veröffentlicht. Diese enden allerdings im Oktober, sagen also wenig über den Status quo aus.

    Möglicherweise hat es auch Abfragen gegeben. Das Sozialministerium in Hessen verweist auf das Regierungspräsidium Darmstadt, demzufolge die Versorgungslage für die derzeit im Fokus stehenden Fiebersäfte sehr ungleichmäßig sei. „Die Liefersituation ist stellenweise kritisch. Bei einzelnen Arzneimitteln und Apotheken ist die Lieferfähigkeit nicht mehr ausreichend gegeben. Dagegen gibt es weiterhin Großhändler und Apotheken, die nach eigener Angabe über genügend Vorrat verfügen. Zu einem kompletten Lieferabriss kam es jedoch nie.“

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