Wie in DDR-Zeiten: Defekte ohne Ende | APOTHEKE ADHOC
„Das wird ein schlimmer Winter“

Wie in DDR-Zeiten: Defekte ohne Ende

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Berlin -

Die Lieferengpässe werden aus Sicht von Apotheker:innen immer schlimmer. Auch wenn Defekte schon immer zum Tagesgeschäft dazugehörten, verschärfte sich zuletzt die Lage. In vielen Betrieben gibt es lange Wartelisten für sonst gängige Arzneimittel. „Das wird ein schlimmer Winter“, prognostiziert Apothekerin Cordula Eichhorn. Im Notdienst am Samstag listete sie 126 fehlende Präparate – und hängte die lange Liste jetzt zur Information in die Eingangstür. Eine Kollegin adaptierte die Idee bereits.

Als Eichhorn im Notdienst am Wochenende die Defektliste aufrief, wurde es ihr zu viel. Insgesamt zeigte das System 126 verschiedene Posten, darunter gängige OTC-Arzneimittel und Antibiotika. Die Schubladen würden immer leerer und kein Nachschub komme. „Ich dachte mir, ich bastel das jetzt zusammen.“ Die Inhaberin der Rathaus-Apotheke in Eppstein druckte die Liste aus und hing sie in die Eingangstür.

Kunden sollen aufgeklärt werden

Dazu verfasste sie ein Aufklärungsschreiben für die Kund:innen. „Leider können wir sie nicht in der gewohnten Weise versorgen“, heißt es in darin in roten Großbuchstaben. Der Ausdruck hängt direkt über der langen Defekteliste. Viele Medikamente seien aktuell nicht lieferbar. „Das tut uns sehr leid und wir bitten sie, sich diesbezüglich beim Gesundheitsministerium in Berlin zu beschweren.“ Die Apothekerin packte die Adresse des Hauses von Karl Lauterbach dazu und verwies auch auf den Bundesgesundheitsminister als Ansprechpartner.

Die Kundschaft reagierte bereits auf den Aushang: „Eine Kundin sagte mir, dass man da ja richtig Angst bekommen kann. Ich habe ihr nur zugestimmt“, sagt Eichhorn. Gerade mit Blick auf OTC-Präparate wie Aspirin Complex, Prospan oder Wick MediNait könne man kaum glauben, dass die Arzneimittel nicht zu bekommen seien.

Neue Form der Lieferunfähigkeit

Eichhorn vergleicht die Situation mit der Mangelwirtschaft in der früheren DDR. Sie habe dort ihre Ausbildung als Apothekenfacharbeiterin getätigt und wisse nur zu gut, wie ihr Vater als Apotheker von Betrieb zu Betrieb gefahren sei, um nicht verfügbare Arzneimittel zu ergattern. Leider sei es damals vorgekommen, dass die Hilfe auch zu spät ankam. Ein Asthmapatient sei beispielsweise verstorben, weil er sein Medikament nicht mehr rechtzeitig erhalten habe. „Da kommen wir wieder hin“, warnt sie.

Ihre Kollegin Daniela Hänel nahm die Aktion bereits auf und druckte ebenfalls ihre Defektliste aus. Bei ihr werden insgesamt 162 Präparate als nicht lieferbar angezeigt. Von A wie ACC akut 600 bis Z wie Zovirax (Saft) oder die Herpescreme Zovirax duo sei alles dabei. Außerdem seien diverse Nasensprays, Ibuprofen- und Paracetamolsäfte sowie Zäpfchen, Isla Moos, Pantoprazol 40 mg N3 diverser Hersteller, Rosuvastatin (alle Stärken), Atorvastatin (diverse Stärken von bestimmten Herstellern), Insuline wie Humalog 100 von Lilly für die Insulinpumpenpatient:innen, Ergenyl chrono Stärke 300 oder 500 zur Behandlung von Epilepsie, Valsartan von bestimmten Herstellern, Zolmitriptan, Metformin von Zentiva und diverse Aspirine nicht erhältlich.

„Es ist einfach eine Katastrophe, weil wir nur noch improvisieren und jedes Rezept nacharbeiten und begründen müssen. Die Organisation der Arzneimittel ist inzwischen so aufwendig und zeitintensiv geworden zuzüglich der Nachbearbeitung der Rezepte, dass wir unsere Arbeit nicht mehr schaffen", sagt Hänel, die sich als Vorsitzende der Freien Apothekerschaft für mehr Aufklärung engagiert. Dazu komme der Personalmangel.

Die Inhaberin der Linda Apotheke in der Nordvorstadt Zwickau hing die Liste samt Plakat wie Eichhorn, die zweite Vorsitzende der Freien Apothekerschaft ist, in jedes Schaufenster. Sie verwies als Kontaktpersonen auch auf mehrere Parlamentarische Staatssekretär:innen. Neu an der Situation sei, dass Arzneimittel fehlten, die eigentlich in der Apotheke immer zur Verfügung gewesen seien. „Es ist im Moment unheimlich anstrengend und sehr zeitintensiv die gewünschten Arzneimittel für Patienten und Kunden zu bekommen“, sagt sie. „Die Idee von Frau Eichhorn sollten noch mehr Kolleginnen und Kollegen umsetzen.“

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