„Sie haben die Wahl!“ | APOTHEKE ADHOC
Notdienstgedanken

„Sie haben die Wahl!“

, Uhr
Berlin -

Sonntagmorgen. Es ist Viertel vor 9 Uhr, als ich in der Apotheke ankomme. Max, meine Fantaschale, schläft noch. Die Straßen sind ruhig und menschenleer, weit und breit nichts außer Wahlplakaten zu sehen. Meine Stimme habe ich schon per Brief abgegeben. Der Notdienst kann beginnen!

Die Arzneimittel, die gestern aus der Schublade zum HV-Tisch gewandert sind, müssen jetzt wieder zurück an Ihren Platz. Eine Kollegin war krank und anscheinend gab es viel Kundschaft. Heute räume ich zur Abwechslung mal „bewusst“ ein und schaue mir die Verpackungen genauer an. Die Hersteller sitzen querbeet in Deutschland – alle Himmelsrichtungen vertreten.

Letztens hatte ich einen Kunden, der wollte unbedingt ein Präparat, das hierzulande hergestellt wurde. Ich habe ihm eine Auswahl an Herstellern angeboten, die irgendwo innerhalb der Grenzen sitzen – laut Aufdruck. Auf meinen Hinweis, dass der deklarierte Sitz des Hersteller nicht zwangsweise dem Produktionsort entspricht, wollte er nicht eingehen. „Ich möchte kein Medikament aus dem Ausland“, betonte der Herr. Er entschied sich für die Marke, von der ich wusste, dass sie in Indien produziert wird. Ich habe nichts weiter gesagt, schließlich hatte er die Wahl.

Die Klingel läutet. Eine Dame, etwa 45 Jahre alt, wartet auf mich. „Sie können doch mal tagsüber die Tür auflassen. Am verkaufsoffenen Sonntag können Kunden ja auch in die Läden herein“, sagt sie in einem unfreundlichen Ton. Ich frage mich immer, warum manche Menschen so negativ sein müssen.

Ihr kühlpflichtiges Arzneimittel habe ich ihr ausgehändigt und sie dazu beraten. „Das nächste Mal bestelle ich online. Sie haben doch keine Ahnung“, meckert sie. Sie habe keine Zeit für viel Palaver, denn sie möchte doch noch wählen gehen. „Ihr Arzneimittel werden sie bei einer Versandapotheke bestimmt nicht an einem Sonntag bekommen“, sage ich nüchtern und gefühllos. Und ob das Medikament dann auch noch kühl ankommt, bezweifle ich.

Der Arzt hatte das verschreibungspflichtige Arzneimittel im Notdienst auf ein Privatrezept verordnet. Eine Einreichung bei der Krankenkasse ist normalerweise kein Problem. „Jetzt darf ich das auch noch privat bezahlen. Danke Merkel!“ Die Frau verlässt schnell die Apotheke. Gratisgeschenke und die Umschau gebe es an einem Sonntag ja schließlich auch nicht. „Es gibt keine Alternative für die Apotheke vor Ort“, rufe ich ihr hinterher.

„Ich bin gespannt, wie die Ergebnisse heute aussehen werden“, sagt Max. Im Sinne der Apotheke? Ich hoffe doch. Wir müssen Farbe bekennen, sowohl für unseren Beruf als auch für unsere Gesellschaft. Die Gesamtheit aller Farben darf zumindest nicht braun sein, sondern ist weiß – so wie unsere Kittel und Fantaschalen auch.

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