Kommentar

Fiebersaft vom Flohmarkt – Ärztepräsident sieht Rot

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Berlin -

Während die Apotheken mitten in Vorweihnachtsgeschäft und Infektionswelle täglich nach neuen Lösungen für die massiven Engpässe suchen, übertrumpfen sich Politiker und Experten mit vermeintlich klugen Vorschlägen, wie das Problem gelöst werden sollte. Die Einlassungen werden immer bescheuerter, den Vogel abgeschossen hat aber ausgerechnet der Präsident der Bundesärztekammer. Seine Aufforderung, selbst abgelaufene Medikamente auf Flohmärkten zu verscherbeln, ist an Peinlichkeit und Ahnungslosigkeit nicht zu überbieten.

Wer dachte, dass nach den Einlassungen zu angeblichen Hamsterbestellungen von Apotheken nichts Blödsinnigeres mehr kommen könnte, wurde am heutigen Adventssonntag eines Besseren belehrt: In einem Interview mit dem Tagesspiegel rief Ärztepräsident Dr. Klaus Reinhardt die Bevölkerung dazu auf, sich wegen der Engpässe gegenseitig mit Medikamenten aus der Hausapotheke auszuhelfen: „Jetzt hilft nur Solidarität. Wer gesund ist, muss vorrätige Arznei an Kranke abgeben“, sagte er. „Wir brauchen so was wie Flohmärkte für Medikamente in der Nachbarschaft.“ Und damit nicht genug: Auch Arzneimittel, deren Haltbarkeitsdatum bereits einige Monate abgelaufen sei, könnten noch gefahrlos verwendet werden.

Mit diesen wirren Aussagen hat es Deutschlands oberster Ärztefunktionär nicht nur in den Tagesspiegel, sondern auch in zahlreiche andere Medien bis hin zur Tagesschau geschafft. Kritisch hinterfragt wurde der Vorschlag nirgends. Die gute Nachricht: Ernst nehmen wird ihn wohl niemand – schon unter rein praktischen Gesichtspunkten ist die Idee absoluter Blödsinn: Wer bitte hat noch Fiebersäfte oder Antibiotika rumstehen, auf die er verzichten kann? Wieso sollte ein Angebot der Solidartät entstehen, wenn die Nachfrage in den Apotheken derzeit ohnehin schon in den Bereich der besorgten Bevorratung (vulgo: Hamsterkäufe) tendiert? Und wo bitte gibt es kurz vor Weihnachten noch Flohmärkte?

Man könnte also Reinhardts Auftritt spöttisch weglächeln und sich lieber auf den erneuten Ansturm verzweifelter Eltern in der letzten Woche vor Weihnachten vorbereiten. Doch als Apothekerin und Apotheker, als PTA und Pharmazieingenieur, als PKA und Apothekenbote ärgert man sich – zurecht. Denn schlimmer als ausgerechnet durch den Ärztepräsidenten lassen sich Arzneimittel nicht bagatellisieren. Wenn noch irgendwo was rumliegt, rein damit! Wird schon nicht schaden. Oder in Kartons verpacken und bei der jungen Familie nebenan abgeben. Die Eltern werden schon eine Verwendung haben.

Umstellung auf Schattenwirtschaft

Als ob die Versorgungslage im Jahr 2022 in Deutschland nicht per se schlimm genug wäre: Der wichtigste Ärztevertreter des Landes erklärt sie gewissermaßen zur Normalität, indem er mit seiner Idee die Grundsätze des sicheren Arzneimittelverkehrs über Bord wirft. Die Umstellung auf Schattenwirtschaft wäre ein Offenbarungseid. Was müssen besorgte Eltern denken, die seine Vorschläge vielleicht nicht ernst, aber wenigstens zur Kenntnis nehmen? Na klar: Wo kann ich noch was beschaffen, wo bekomme ich noch schnell Reserven her?

Ob Reinhardt nach derselben Logik auch Ärzte ersetzen würde? An denen mangelt es bekanntlich ja ebenfalls. Warum nicht Grundschullehrer, Klempner oder Pfarrer mit der Rezeptausstellung betrauen und so die Praxen entlasten? Oder einfach mal den Nachbarn fragen. Ein gewisses Grundverständnis von Arzneimitteln bringt ja wohl jeder mit. Oder zumindest so viel, wie es der Präsident der Bundesärztekammer offenbar hat.

Reinhardts Kauderwelsch sollte man im Hinterkopf haben, wenn er das nächste Mal gegen Impfungen in Apotheken oder pharmazeutische Dienstleistungen wettert. Wenn er davon fabuliert, dass die Beratung in der Apotheke die ärztliche Therapieempfehlung nicht ansatzweise ersetzen kann. Dann wird es Zeit, den Ärztepräsidenten an seine eigene Fehlvorstellung zu erinnern, was den sicheren Umgang mit Arzneimitteln angeht.

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