Gera

Viele Höhen und Tiefen in der eigenen Apotheke

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Berlin -

Selbstständigkeit macht Freude, bringt aber viel Arbeit und Stress mit sich. Christina Steffen, die neue Besitzerin der Ferber-Apotheke in Gera, durchlebt gerade alle denkbaren Höhen und Tiefen. Doch Apothekerin bleibe ihr Traumberuf, bekundet die Thüringerin.

Seit 15 Jahren arbeitet die studierte Pharmazeutin in Apotheken. Gera blieb sie dabei treu. Erst war sie neun Jahre in der Platanen-Apotheke, die vergangenen sechs Jahre in der Berg-Apotheke tätig. „In der Ferber-Apotheke hatte ich mein halbjähriges Studienpraktikum absolviert, daher kannte ich die Betreiberin gut.“ Ingrid Kocker residierte hier seit November 1993. Ihren Ruhestand bereitete sie schon ein Jahr im Voraus vor. „Das ist empfehlenswert, denn potenzielle Nachfolger müssen ja die Finanzierung regeln und viel planen“, sagt Christina Steffen.

Schon seit langem träumte sie von einem eigenen Betrieb. „So manche Apotheke am Ort wird in den nächsten Jahren frei. Ich hab mich gefragt, warum ich noch länger warten soll. Meine drei Kinder sind jetzt größer. Die Lage ist für mich ideal, ich habe es von hier aus nicht weit nach Hause.“ Im letzten Jahr wurden sich die beiden Apothekerinnen einig.

Dann galt es für die Selbstständige in spe, viel Bürokratie zu bewältigen: „Allein das Genehmigungsverfahren kostete schon viel Zeit und Geld. Ich musste dicke Ordner an Papieren zusammentragen, damit ich meine Betriebserlaubnis beantragen konnte“, erzählt sie. „Der eine will dieses Schriftstück, aber das gibt es nicht ohne ein Formular von einer anderen Stelle. Ich musste ein Qualitätsmanagementsystem entwickeln und eine Präqualifizierung vorweisen, damit ich zum Beispiel Nadeln für Insulinpens verkaufen darf. Und das alles für eine Apotheke, die ich noch nicht einmal besaß.“

Auch die Ferber-Apotheke selbst sei kein Selbstläufer gewesen. 24 Jahre lang habe ihre Vorgängerin nichts verändert, Steffen brachte frischen Wind in die Räumlichkeiten. „Der hintere Arbeitsbereich mit Rezeptur und Büro war viel zu klein, dafür die Offizin riesig, das brauchten wir gar nicht. Da mussten wir ein besseres Gleichgewicht schaffen.“ Die Einrichtung wurde behutsam der Jetztzeit angepasst. Ein eigener Beratungsraum wurde geschaffen, der diskrete Gespräche auch bei heiklen Anliegen sicherstellt.

Doch auf grundlegende technische Neuerungen verzichtete Steffen bewusst. „Einen Kommissionierautomaten brauche ich nicht, das Generalalphabet meiner Vorgängerin ist noch gut erhalten. Eine virtuelle Sichtwahl würde meine älteren Stammkunden komplett überfordern. Ich habe darauf geachtet, viele vertraute Elemente beizubehalten.“

Der Umbau sei stressig gewesen, räumt Steffen ein. „Wir hatten die ganze Zeit über weiter geöffnet. Da war es gut, dass die Apotheke einen zweiten Eingang besitzt. Die Handwerker haben im vorderen Teil gearbeitet und wir an einem Nottisch im hinteren Teil verkauft. Oder umgekehrt.“ Die Strapazen hätten sich gelohnt: „Die Apotheke sieht jetzt genau so aus, wie ich mir meine eigene Apotheke immer vorgestellt habe.“

Zum 1. August hat Steffen offiziell die Geschäfte übernommen. Die Selbstständigkeit sei alles andere als einfach, die tägliche Praxis sorge für immer neue Herausforderungen: „Zuvor war ich 15 Jahre angestellt, jetzt muss ich von jetzt auf gleich auch alle kaufmännischen Dinge erledigen. Das kann einem schon Angst machen. Aber ich lerne, mich zurechtzufinden.“ Ihr Mann kümmere sich um die Kinder, sonst wären die vielen Überstunden nicht zu bewältigen. „Noch hat meine Arbeitswoche mindestens 70 Stunden, wenn ein Notdienst ansteht, auch schon mal 84 Stunden.“

Die Büroarbeit müsse sie vorwiegend außerhalb der Geschäftszeiten erledigen, denn schließlich wollten die Patienten ihre neue Apothekerin gerne kennenlernen. Doch ihre Ermutigungen wiegen die Überstunden auf: „Die Stammkunden haben mich sehr gut, fast liebevoll angenommen, bis hin zum Händchenhalten oder über den Kopf streicheln.“

Auch Neuerungen fänden Anklang. „Der neue Schwerpunkt auf die Versorgung von Mutter und Kind spricht sehr viele junge Leute an. Sie freuen sich auch, dass sie mal eben kurz vor der Apotheke mit dem Auto halten können, um ihre Medikamente zu besorgen.“ Bei den Ärzten in der Gegend fände sie offene Ohren für ihre Vorstellungen von einem Medikationsmanagement, das die gesamte Arzneimittelpalette eines Patienten und eventuelle Wechselwirkungen im Auge behalten soll.

Ob sich das Wagnis gelohnt habe, werde sie wohl erst in ein paar Monaten sagen können: „Ich habe schon viele Höhen und Tiefen erlebt. In manchen Momenten frage ich mich, was ich da angerichtet habe. Da übermannt mich manchmal die Existenzangst. Aber mein sehr gutes Team baut mich auf."

Auch der gute Kontakt zu den benachbarten Arztpraxen und Geschäften tue gut. „Die Nachbarn bringen schon mal Kuchen vorbei und unterstützen mich mit guten Worten. Ein Zahnarzt sagte mir, ‚Sie müssen sich keine Sorgen machen, in einem halben Jahr werden sie als Selbstständiger ruhiger‘.“

Sorgen mache ihr die kommende Bundestagswahl, bekundet Steffen. „Wenn eine neue Regierung das Fremdbesitzverbot aufhebt, so wie sich das die Krankenkassen gerne wünschen, dann werden auch alteingesessene Apotheken Schwierigkeiten bekommen.“

Auch im Wettbewerb gegen die Konkurrenz aus dem Versandhandel gelte es in die Offensive zu gehen: „Wir dürfen nicht den Kopf in den Sand stecken. Eine Preisschlacht bringt nichts, sonst werden die Apotheken nicht rentabel. Wir können mit unserer Kompetenz und mit Freundlichkeit punkten.“

Die Pharmazeuten und ihre Angestellten vor Ort erfüllten eine wichtige soziale Funktion: „Ich glaube, dass die Apotheke eine Zukunft hat. Wenn die Leute uns nicht mehr hätten, dann wäre das ganz schön traurig. Viele ältere Menschen sind einsam und kommen gerne in die Apotheke. Sie freuen sich, wenn man sich Zeit nimmt und ein gutes Wort hat.“

Trotz aller Beschwernisse bleibe Apothekerin ihr absoluter Traumberuf. „Ich liebe den Kontakt mit Menschen. Gerne übersetze ich mein Wissen in eine patientengerechte Sprache. Wenn mir meine Kunden sagen, ‚das hat mir so noch keiner erklärt, vielen Dank für die Beratung, ich komme gerne wieder‘, dann ist das für mich das schönste Kompliment.“

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