Kierspe

PTA macht mit Apotheke Schluss

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Berlin -

35 Jahre – dann hatte sie genug: Martina Schnerr-Bille aus dem Sauerland gab den Beruf der PTA auf und widmete sich ihrer Leidenschaft: dem Theater. Ihr langjähriges Engagement auf und hinter der Bühne hat sich ausgezahlt. Vor Kurzem hat die 58-Jährige die Leitung der Volkshochschule (VHS) in der nordrhein-westfälischen Stadt Kierspe übernommen. Ein Comeback in die Apotheke ist für die ehemalige PTA heute unvorstellbar: „Wir vorne in der Offizin kriegen doch die meiste Dresche!“

Bille wollte nicht mehr der „Büttel der Pharmaindustrie“ sein. Besonders anstrengend fand sie die Zeit, als es noch die 10-Euro-Praxisgebühr gab. „Weil viele Patienten das Geld nicht in der Praxis ausgeben wollten, kamen sie für einen Ratschlag zu uns in die Apotheke. Wir PTA waren sozusagen die ersten Diagnostiker“, sagt Bille.

In der Gesellschaft seien PTA leider nicht so anerkannt wie zum Beispiel eine Arzthelferin. „So bleiben PTA in vielen Augen einfache Schubladenzieher“, sagt Bille. Die Arbeit in der Apotheke habe ihr irgendwann keinen Spaß mehr gemacht. Der Aufwand sei mit den Jahren immer mehr geworden. Hinzu kamen neue Regularien und Rabattverträge.

Doch manchmal vermisst Bille die Apotheke: „Mir fehlt schon der tägliche Kontakt mit Menschen. Schließlich ist die Offizin auch eine kleine Bühne“, sagt sie. Das schönste Lob in der Apotheke komme von den Kunden: „Sie haben mir sehr geholfen!“ Da Bille fast ihr ganzes Leben in Kierspe verbracht hat, kannte sie viele Patienten.

Einige von ihnen trifft sie heute immer noch: als Leiterin der VHS in den Theaterkursen. Seit mehr als 20 Jahren ist sie in der Einrichtung aktiv und wird 2017 ihr zehnjähriges Jubiläum als Seminarleiterin der Theatergruppe feiern: „Die Leute aus der Volkshochschule kamen einfach auf mich zu. Sie wussten, dass ich selbst Theater spielte. Und so entstand dann das allererste Theaterseminar an der Volkshochschule“, so Bille.

Bille gibt zu, dass sie sich erst im Nachhinein die „Existenzberechtigung“ für diese Position holte. An der Akademie Remscheid für kulturelle Bildung belegte sie mehrere Kurse wie Tanztheater und Improvisation und machte eine Ausbildung zur Theaterpädagogin.

Seitdem hat sie mehrere Projekte auf die Beine gestellt. In modernen und klassischen Stücken arbeitete Bille mit Senioren, Jugendlichen und Kindern zusammen. Shakespeares „Was ihr wollt“, „Mackie Messer“ aus Brechts „Dreigroschenoper“ und eine selbst geschriebene Fassung von „Die Bürgschaft“ von Schiller wurden bereits auf die Bretter gebracht.

Die Inszenierungen finden in umliegenden Gemeinden statt. „Man könnte uns schon als Tournee-Theater bezeichnen”, sagt Bille. Die Truppe wandert mit einer mobilen Bühne – alles, was in den PKW passt – von Ort zu Ort. „Die Ideen für die Stücke entwickeln wir gemeinsam. Wir stecken die Köpfe zusammen und dann startet schnell das Brainstorming.“ Vor allem Kinder hätten die erstaunlichsten und kreativsten Ideen für Geschichten, sagt sie.

Neben der Theatergruppe leitet Bill noch zwei weitere Kurse, einem Workshop für Jugendliche und den Kurs „Gut vorlesen“: „Nicht jeder, der gut schreiben kann, kann auch gut lesen oder vorlesen.“ Bille gibt zu: „Ich bin ja selber ein Schnellsprecher und verwuschle manchmal das Wort.“ Die Leidenschaft für das geschriebene Wort kommt in einer Autorengruppe zutage, der Bille seit Jahren angehört.

An der VHS verwaltet Bille den organisatorischen Rahmen, kümmert sich um Räumlichkeiten und die Finanzen. Sie behält den Überblick, wenn sich neue Teilnehmer für die angebotenen Zumba-, Thai Chi- und zahlreichen Sprach- und Integrationskurse anmelden. „Es ist auch viel Bürokratie, keine besonders kreative Tätigkeit“, sagt Bille, „es gehört aber dazu und macht Spaß.”

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