2,50 Euro: Apotheken verlangen Spritgebühr | APOTHEKE ADHOC
Botendienst wird kostenpflichtig

2,50 Euro: Apotheken verlangen Spritgebühr

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Berlin -

Energiebeitrag, Spritpauschale oder Krisengebühr – nicht nur die Großhändler versuchen, die sprunghaft gestiegenen Kraftstoffpreise weiterzugeben. Auch einzelne Apotheken führen bereits einen Botendienst-Aufschlag ein. Für die Belieferung von Privatrezepten oder OTC-Präparaten werden zwischen 1,50 und 2,50 Euro fällig. Von den hohen Benzin- und Dieselpreisen sind besonders Landapotheken betroffen, die pandemiebedingt ihren Botendienst ausgebaut haben.

Der Botendienst ist in der Pandemie zu einem wichtigen Serviceangebot der Apotheken geworden. Um diese Leistung zu honorieren, erhalten die Betriebe für die Auslieferung eines zu Lasten der Kassen abgegebenen Arzneimittels 2,50 Euro pro Tag. Doch nicht nur im Rezeptbereich werden Botendienste nachgefragt: Weil sich die Kundschaft vielerorts an den Lieferservice gewöhnt hat und seltener in die Offizin kommt als früher, wird in der Adler Apotheke Zilly von Saskia Geist eine Botendienst-Pauschale fällig.

1 Euro seit Oktober

Seit Oktober verlangt die Apotheke 1 Euro pro Lieferung für OTC-Präparate und Privatrezepte. „Unsere Kunden sind sehr faul geworden und kommen immer weniger in die Apotheken, sondern rufen an und bestellen“, sagt die Chefin. Die Bereitschaft, die Produkte selbst abzuholen, sei gering. Je jünger die Kund:innen, desto bequemer seien sie. Als kleine Landapotheke spiele der Botendienst bei ihr eine zentrale Rolle. Sie versorge im Umkreis von 15 Kilometern etwa 20 Dörfer. Insgesamt kämen pro Jahr rund 15.000 Botendienste zustande.

Seit März verlangt die Apothekerin angesichts der sprunghaft gestiegenen Spritpreise 1,50 Euro pro Lieferung. Insgesamt werde die Gebühr von den Kund:innen akzeptiert. „Ein paar rümpfen die Nase“, sagt Geist. „Doch ehe sie selbst fahren, nehmen sie es in Kauf.“ Anfangs sei der Aufschlag noch angekündigt worden. Jetzt würden noch Neukund:innen auf die 1,50 Euro hingewiesen. Sonst sei die Pauschale auf dem Kassenbon gekennzeichnet.

Auch die Rathaus-Apotheke in Eppstein verlangt einen Energie-Beitrag von ihren Kund:innen, wenn OTC-Produkte oder Privatrezepte ausgeliefert werden. „Die Energie-Pauschale berechne ich nur für die Schätzchen, die zu faul sind herzukommen und OTC geliefert haben wollen, wie einmal Aspirin oder einmal Kamillentee. Lustigerweise rufen die bevorzugt am 1. oder 15. des Monats an und sagen dann ‚Wenn Sie es liefern, sagen Sie dem Boten, dass er die Umschau nicht wieder vergessen soll‘“, sagt Inhaberin Cordula Eichhorn.

Ihre Botenfahrer steuerten drei Ortsteile an und es gebe täglich zwischen 25 und 30 Lieferungen. Der größte Teil entfalle auf Rezepte. „Da berechne ich nichts, weil wir ja zum Glück die Botendienst-Pauschale bekommen, auch wenn diese um die Hälfte gekürzt wurde.“ Bis jetzt seien auch andere Produkte kostenfrei geliefert worden. Doch jetzt reiche es. Denn die Unterhaltung des Autos inklusive Versicherung sowie die Versicherung des Boten müssten auch gezahlt werden.

Mitbewerber zieht mit

Die Reaktion der Kundschaft sei bis jetzt positiv gewesen. „Ich kommuniziere es aber auch so, dass kein Widerspruch geduldet wird.“ Bisher habe nur eine Kundin erwidert, dass sie es dann später selbst abholen werde. „Alle anderen zucken gar nicht.“ Die Idee kommt beim Mitbewerber gut an: „Ich habe meinen nächsten Kollegen angerufen und ihm gesagt, dass ich das jetzt bei OTC aufschlage und er: ‚Super, mache ich mit“, sagt Eichhorn.

Eine Energie-Gebühr wird auch im Team von Apothekerin Gerda Beek aus Niedersachsen besprochen. In einem Umkreis von etwa 30 Kilometern kommen bei ihr mindestens 300 Dienste pro Monat zusammen. Die Inhaberin der Rats-Apotheke Rastede macht auf die Benachteiligung der Landapotheken aufmerksam. „Wir fahren am Tag bis zu 80 Kilometer, die hohen Spritkosten treffen die Landapotheken, die viele Dörfer versorgen.“ Auch E-Autos nützten wegen der hohen Stromkosten wenig, wenn man keine eigene Photovoltaikanlage habe. Und auch ein Fahrrad zur Belieferung komme nur für Stadtapotheken in Frage.

Faire Lösung wünschenswert

„Unsere eigenen Kosten explodieren. Ich rechne damit, dass der Großhandel bald eine Pauschale einführen wird.“ Noch haben wir keine Entscheidung getroffen, wie es weiter geht.“ Im Gespräch seien zwischen 2 und 2,50 Euro zusätzlich für die Belieferung von nicht verschreibungspflichtigen Produkten. Schwierig sei abzuwägen, für wen eine Zusatzgebühr in Frage komme. Denn Beek will eigentlich nicht immobile Senior:innen mit niedriger Rente zusätzlich belasten.

„Ich will keinen Schnellschuss machen“, sagt sie. Wichtig sei, eine faire Lösung zu finden. „Wir Apotheken haben uns jahrelang selbst ausgebeutet und jetzt kommt es plötzlich zurück. Von allen Seiten steigen die Kosten“, sagt sie. Personal werde teurer und auch die Digitalisierung koste Geld, etwa die monatlichen Beiträge für Apps oder die Internetseite.

Apotheken sind nicht die einzigen Betriebe, die die gestiegenen Energiepreise an die Verbraucher weitergeben. Auch eine Bäckereikette in Sachsen-Anhalt erhöht wegen der teuren Spritpreise die Lebensmittelpreise. Kund:innen von Bäcker Lampe zahlen einen zusätzlichen Beitrag von 4 Prozent auf den Verkaufspreis. Die Fahrer seien täglich eine Stunde unterwegs, um die Backwaren an die Filialen auszuliefern, rechtfertigt das Unternehmen den Schritt.

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