Protestbrief: Schluss mit Gratisleistungen aus Apotheke | APOTHEKE ADHOC
Lauterbach riskiert Versorgungsnetz

Protestbrief: Schluss mit Gratisleistungen aus Apotheke

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Berlin -

Auch der Apothekerverband Schleswig-Holstein hat einen Brandbrief an Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) formuliert und seine Mitglieder um Unterschriften gebeten. Die Frist zur Zeichnung endet am Montag – möglichst viele Apothekenteams sollen mitmachen.

„Es reicht!“, schrieb der Apothekerverband in dieser Woche an seine Mitglieder. Die geplante Anhebung des Kassenabschlag sei „nicht hinnehmbar“, so der Vorsitzende Hans-Günter Lund und Geschäftsführer Georg Zwenke. „Seit 19 (!) Jahren gab es zum 1. Januar 2013 nur einmal eine Erhöhung der Beratungspauschale auf 8,35 Euro und damit eine Steigerung um 3 Prozent.“ Jetzt solle von dieser Pauschale der Kostenträger zu gewährende „Großkundenrabatt“ auf 24 Prozent erhöht werden. „Uns ist kein Wirtschaftszweig bekannt, der auf die derzeitigen unabweisbaren, enormen Kostensteigerungen mit Rabattsteigerungen und Preisnachlässen reagiert.“

Der prozentuale Logistikaufschlag sei ebenfalls seit 19 Jahren kostant, heißt es im Protestbrief weiter. „Steigerungen durch gestiegene Arzneimittelpreise werden durch stark verschlechterte Einkaufskonditionen und hohe Vorfinanzierungskosten überkompensiert. Großhandlungen lassen sich von Apotheken jede Lieferung gesondert bezahlen und verlangen für kühlpflichtige Arzneimittel Sondergebühren von Apotheken. Diese Kosten können nicht an Krankenkassen und sonstige Kostenträger weitereicht werden.“

Viele Gratisleistungen

Sämtliche Kostensteigerungen – „insbesondere dringend notwendige Gehaltserhöhungen für Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und erhöhte Lizenzgebühren für eine leistungsfähige Warenwirtschaftssoftware“ – hätten die Apotheken alleine getragen. Und mehr noch: „Zusätzlich müssen Apotheken auf Anordnung des Gesetzgebers Leistungen erbringen, die ihnen niemand vergütet.“ Als Beispiele werden das Inkasso des Herstellerabschlags, die immer umfangreicheren Abrechnungsunterlagen und der Aufwand bei Lieferengpässen genannt. „Es gibt wohl kaum einen Wirtschaftszweig, der derartig viele nicht vergütete Leistungen erbringen muss.“

Die Vergütung für die pharmazeutischen Dienstleistungen sei ebenfalls allenfalls kostendeckend. „Ein Unternehmerlohn lässt sich für die typische öffentliche Apotheke hieraus nicht erwirtschaften.“ Und Gewinne, die im vergangenen Jahr im Zusammenhang mit der Ausstellung von Zertifikaten und der Abgabe von Masken erzielt wurden, müssten in diesem Jahr in neue EDV-Produkte investiert werden, um die Umstellung auf das E-Rezept umsetzen zu können.

„Konsequenz der seit vielen Jahren bestehenden Unterfinanzierung der Apotheken sind Apothekenschließungen“, so der Brief weiter. „Die Arbeitsbelastung der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in den verbliebenen Apotheken ist in dieser Zeit enorm gestiegen, ohne dass Apothekenleiter ihre Kolleginnen und Kollegen angemessen vergüten konnten. Konsequenz: Immer weniger junge Menschen entscheiden sich für ein Berufsleben in den Apotheken, noch weniger sind bereit, eine Vollzeitstelle anzutreten.“

Angesichts der steigenden Energiekosten bedeute die geplante Anhebung des Kassenabschlags „zwangsläufig das betriebswirtschaftliche Aus vieler Apotheken – zunächst auf dem Land, dann in der Stadt“. „Damit fällt dann der für alle Mitbürgerinnen und Mitbürger niedrigschwelligste und zugleich aktivste Leistungserbringer im Gesundheitswesen vielerorts aus. Die Bewältigung großer Krisen und Pandemien durch rasche Umsetzung der auf Basis von aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnissen erlassenen Verordnungen der Gesundheitsministerien des Bundes und der Länder wäre dann nicht mehr möglich.“

Entlastung statt Belastung

„Statt Rabatterhöhung für die Krankenkassen ist das glatte Gegenteil dringend geboten: Wie im gesamten Wirtschaftsleben ist gerade in dieser Zeit eine Absenkung der Kunden bisher gewährten Rabatte und eine Preisanhebung unausweichlich, um die dramatisch steigenden Kosten auch nur annähernd in den Griff zu bekommen. Apotheken sind kleine, familiengeführte Wirtschaftsunternehmen. Sie sind nicht von der allgemein steigenden Kostenentwicklung abgekoppelt!“

Die Unterzeichner fordern Lauterbach auf, die Arzneimittelversorgung nicht zu gefährden. Nicht nur sollen die die Apotheken betreffenden Kürzungen ersatzlos gestrichen werden, vielmehr solle er gemeinsam mit Wirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) für eine „finanzielle Stabilisierung der typischen Apotheke durch Anhebung der in der Arzneimittelpreisverordnung festgesetzten Vergütung der Apotheken“ sorgen.

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