Zukunftsforscherin

„Die Digitalisierung frisst die Apotheken nicht“ Lothar Klein, 12.10.2018 09:59 Uhr

Berlin - Rx-Versandverbot oder Plan B? Die Digitalisierung lässt viele Kollegen ratlos zurück. Zukunftsforscherin Corinna Mühlhausen empfiehlt den Apothekern, in die Offensive zu gehen: „Apotheker müssen daran gehen, die gesetzlichen Änderungen, die sowieso kommen werden, vorauszudenken.“ Dann ist ihr um die Zukunft der Apotheken vor Ort nicht bange – denn: „Die Digitalisierung frisst die Apotheken nicht.“

ADHOC: Wie sieht die Zukunft der Vor-Ort-Apotheke aus?

MÜHLHAUSEN: Natürlich ist der Trend zur Digitalisierung überall präsent, auch in der Offizin. Die Apotheken müssen sich dieser Herausforderung stellen. Das gilt auch für den Onlinehandel mit Arzneimittel. Trotzdem sehe ich darin kein Horrorszenario.

ADHOC: Warum, was stimmt Sie optimistisch?

MÜHLHAUSEN: Die Apotheken von heute sehen nicht viel anders aus als vor 20 Jahren. Es hat sich zwar einiges am Erscheinungsbild geändert. Aber beim Thema Digitalisierung muss man konstituieren, dass andere Wirtschaftsbereiche bereits viel weiter sind. Die Apotheken hinken hier klar hinterher. Nehmen Sie als Beispiel Bankgeschäfte: Im Durchschnitt geht der typische deutsche Bankkunde nur noch zweimal im Jahr in die Filiale. Er erledigt aber 500 Transaktionen über das Onlinebanking. Auch Fahrkarten kaufte man sich früher am Schalter. Heute geht das ebenfalls immer häufiger via App. Das heißt, klassische Retailbereiche haben sich schon viel stärker geändert als Apotheken. Natürlich geht es in der Apotheke um Gesundheit und das Wissen des Apothekers in seiner Beratung. Der Therapieerfolg hängt ja auch davon ab, dass sich die Patienten gut beraten und aufgehoben fühlen. Daher kann man die Erfahrungen in anderen Retailbereichen nicht 1:1 auf Apotheken übertragen. In den Apotheken gibt es neben der Notwendigkeit der Digitalisierung daher noch einen ganz starken Mehrwert – die persönliche Beratung. Und den gilt es zu stärken.

ADHOC: Wohin entwickelt sich unsere Gesellschaft und damit die Kundenstruktur der Apotheken?

MÜHLHAUSEN: Wir erleben momentan eine neue Sinnsuche, eine Suche nach Gemeinschaft und eine Abkehr von der Ich-Zentrierung. Die Menschen entwickeln ein Bewusstsein für ihren Körper und haben Spaß daran, sich um ihr Wohlbefinden zu kümmern. Gesundheit wird nicht mehr nur als Abwesenheit von Krankheit verstanden, sondern steht auch für Schönheit, Jugendlichkeit und Fitness. Natürlich wird das getriggert durch leere Kassen und durch die Ermahnung, mehr Eigenverantwortung zu übernehmen. Aus Lifestyle wird Healthstyle.

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