Kommentar

Lauterbach hat keine Freunde mehr

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Berlin -

Karl Lauterbach hat keine Freunde mehr. Die Kassen sind sauer, die Hersteller sowieso und auch die Apothekerinnen und Apotheker. Selbst die Ärzt:innen gehen auf die Barrikaden. Es kam, wie es kommen musste. Die Frage ist nur, wie es weiter geht. Ein Kommentar von Patrick Hollstein.

Lauterbach würde nie Minister werden, da waren sich Politprofis über Jahre hinweg sicher. Zu unkontrollierbar, zu wenig integrierbar, keine Lobby in der eigenen Partei. Eine One-Man-Show, nicht geeignet fürs Kabinett. Doch dann kam Corona, und plötzlich schien Lauterbach seine Rolle gefunden zu haben. Als Mahner vom Dienst, als Experte vom Fach, der zu jeder Studie etwas twittern und in jeder TV-Show etwas sagen konnte.

Als dann die Ampel ihre Posten verteilte, wollte immer noch niemand Lauterbach. Doch mittlerweile war er bei der Bevölkerung zu beliebt – nicht trotz, sondern gerade wegen seiner Schrulligkeit, die ihm als Zeichen von Integrität ausgelegt wurde. Zeitweise lag er nach der Bundestagswahl in Umfragen noch vor dem designierten Kanzler Olaf Scholz. Das Volk wollte keine faulen Kompromisse und Hinterzimmerdeals. Lauterbach war das Gegenstück zur Maskenaffäre. Im Grunde trommelten Bild & Co. ihn Ende vergangenen Jahres ins Amt.

Zunehmender fahriger Stil

Doch während er zunächst noch durchzugreifen schien und etwa Impfstoffe zählte und das E-Rezept stoppte, entpuppte sich sein Stil zunehmend als fahrig. Sein Rückhalt schwindet, auch weil er eben tatsächlich nicht fähig zu sein scheint, einen roten Faden zu entwickeln, einen Dialog zu führen, Interessen auszubalancieren und sich Rückhalt zu organisieren.

Den Ärzten las er zwar erst jeden Wunsch von den Lippen ab, doch mittlerweile drohen die mit offenem Protest. Den Apotheken dankt er ausgerechnet in dem Moment, in denen er ihnen einen dreistelligen Millionenbetrag abknöpft. Und die Pharmaindustrie hat ihn überhaupt noch nicht zu Gesicht bekommen, obwohl sie einen nennenswerten Anteil des Sparbeitrags schultern soll. Selbst die Kassen werfen ihm vor, Reformen trotz Kritik weiter auszusitzen.

Lauterbachs schludrige Kommunikation gerät zum Desaster, weil sie von Unangepasstheit in Zynismus umgeschlagen ist. Den Apotheken will er Geld wegnehmen, weil die das ja durch zusätzliche Arbeit kompensieren können. Klagen der Hersteller über explodierende Preise lässt er nicht gelten, weil noch kein Unternehmen pleite gegangen ist. Und Neupatienten gibt es nicht, weil im Grunde ja niemand wirklich ohne Behandlung war.

Vision? Fehlanzeige. Befragt nach seinen Plänen, spricht Lauterbach von demografischem Wandel und medizinischem Fortschritt. Von einer Strukturreform, die im Mai 2023 kommen soll. Oder auch von einer Brücke, die man überschreiten werde, wenn man sie erreicht habe.

Seinem Vorgänger Jens Spahn konnte man vorwerfen, dass er sich zu wenig mit den Leistungserbringern im Gesundheitswesen auseinandergesetzt hat. Aber unter Lauterbach scheint es nur noch schlimmer zu werden. Selbst bei den Verbänden schüttelt man nur noch die Köpfe, weil mit Lauterbach noch nicht einmal ins Gespräch zu kommen ist. Spahn hatte vielleicht weniger Fachwissen, aber viel mehr Macht. Bei Lauterbach scheint es andersherum zu sein. Ausgerechnet seine Ärztekollegen unterstellen ihm offen „erschreckende Ahnungslosigkeit oder aber schlichte Dreistigkeit“ und titulieren ihn etwas schief als „Sargnagel der ambulanten Versorgung“. Im Kabinett lässt man ihn werkeln – Ausgang ungewiss.

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