Inkontinenzversorgung

Laumann: Hilfsmittelverzeichnis veraltet

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Berlin -

Millionen von Menschen in Deutschland haben mit Inkontinenz zu kämpfen. Sie brauchen qualitativ hochwertige Windeln. Doch die Krankenkassen tun sich damit schwer.

Es ist ein Tabuthema. Betroffene sprechen nur ungern darüber. Deswegen blieben Klagen lange ungehört. Menschen mit sogenannter Inkontinenz müssen Windeln tragen. Das trifft nicht nur alte Menschen, es kann auch jüngere treffen.

Mehr als vier Millionen Menschen in der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) sind nach Angaben des Selbsthilfeverbandes-Inkontinenz wegen Blasenschwäche in Behandlung. Rechnet man eine Dunkelziffer hinzu, dürfte es in Deutschland schätzungsweise sechs bis sieben Millionen betroffene Menschen geben. Manche Schätzungen gehen sogar von sechs bis acht Millionen aus.

Um sich in der Öffentlichkeit bewegen zu können, brauchen diese Menschen Windeln, die dicht sind. Und sie brauchen eine bessere Qualität als Babywindeln. Qualitätswindeln sind teuer. Und die Krankenkassen sind nicht immer bereit, teure Qualität zu zahlen.

Die Unabhängige Patientenberatung Deutschland (UPD) beschrieb in ihrem Jahresbericht 2015 ein Fallbeispiel: Die 72-jährige Inge B. leidet aufgrund einer Parkinson-Erkrankung unter starker Inkontinenz. Da sie die Kosten für die Windelhosen auf Dauer nicht selbst tragen kann, verordnet sie ihr Arzt.

Ihre Kasse verweist sie daraufhin an einen Vertragslieferanten, der die Windel für einen monatlichen Betrag von 14,99 Euro anbietet. Ergebnis: Die Windel laufen nach kurzer Zeit aus. Die 72-Jährige hat ein ständiges Nässegefühl, die Haut entzündet sich, sie bekommt eine Pilzinfektion. Die Krankenkasse verweist sie an den Hersteller. Dies bleibt ohne Erfolg, so der UPD-Bericht.

Um vernünftige Qualität zu bekommen, muss zugezahlt werden. Nach Angaben des Vorstands des Selbsthilfeverband-Inkontinenz, Stefan Süß, stiegen die Zuschläge für qualitativ hochwertige Windeln kontinuierlich an und liegen heute bei 50 bis 100 Euro im Monat.

Die Billigwindeln werden nach Darstellung von Süß im Ausland hergestellt. Ein großer Produzent sitze in Nordfrankreich, ein anderer in Dänemark. Mittlerweile komme aber der überwiegende Teil aus Asien, insbesondere aus China, sagt Süß. In Deutschland ansässige (Versand-)Händler schlössen entsprechende Verträge mit den Krankenkassen und vertrieben diese Windeln hierzulande.

Süß vermutet, dass über die niedrigen Gebote versucht werde, an Adressen von potentiellen Kunden zu kommen. „Man verkauft dann brauchbare Hilfsmittel völlig überteuert mit der Begründung, die Kasse zahle nicht mehr. Den Kassen muss dies bekannt sein.“

Die Kassen sind in einem Dilemma. Sie müssen sparen, vor allem mit Blick auf den Zusatzbeitrag. Für 2016 wird erwartet, dass der durchschnittliche Zusatzbeitrag um 0,2 Punkte auf 1,1 Prozent steigt. Der Gesamtbeitrag liegt somit bei 15,7 Prozent.

Die Kassen müssen sehr darauf achten, dass sie diese Prognose einigermaßen einhalten. Können sie das nicht, weil ihre Finanzlage angespannt ist, laufen sie Gefahr, Mitglieder zu verlieren. Und das Budget für Hilfsmittel wie Windeln ist nicht unerheblich.

Süß traf sich am vergangenen Freitag mit dem Patientenbeauftragten der Bundesregierung, Karl-Josef Laumann (CDU), und überbrachte ihm eine Liste mit 16.000 Unterschriften für eine Petition mit der Botschaft: Die Versorgung mit qualitativ hochwertigen Windeln muss verbessert werden.

Das Problem scheint mittlerweile in der Tat solche Dimensionen angenommen zu haben, dass sich Laumann zum Handeln veranlasst sieht. Er will die Qualität der Windeln überprüfen lassen und bis Anfang nächsten Jahres Ergebnisse vorlegen.

Grundsätzlich legt das GKV-Hilfsmittelverzeichnis von 1993 fest, was die Kassen anbieten müssen. Laumann gibt aber zu bedenken, dass dieses Verzeichnis möglicherweise nicht mehr auf dem aktuellen Stand sei und dringend dem technischen Fortschritt angepasst werden müsse.

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