Zukunftsmodell „Versorgungsapotheke“

AVWL-Studie: „Community Pharmacies“ sollen die Versorgung retten

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Berlin -

Eine alternde Bevölkerung trifft auf eine bevorstehende Ausdünnung des Apothekennetzes: Diesen toxischen Mix bescheinigt eine neue Studie des Instituts für Arbeit und Technik (IAT) der Arzneimittelversorgung in Westfalen-Lippe, die der dortige Apothekerverband (AVWL) in Auftrag gegeben hat. Demnach werden dort bis 2040 rund 500 Apotheker mehr gebraucht, um das jetzige Niveau zu halten – gleichzeitig droht aber ein demografischer Schock, der die jetzige Apothekenzahl in naher Zukunft sinken lassen wird. Das IAT hat neben der verstärkten Ausbildung an den Universitäten vor allem ein Konzept im Blick, um in Zukunft Versorgungsengpässe zu vermeiden: Apotheken neuen Typs, nämlich digitalisierte „Community Pharmacies“ wie es sie beispielsweise in den USA bereits gibt.

„Um es vorwegzunehmen: Es bestehen gute Gründe, sich um die Zukunft der Arzneimittelversorgung in Westfalen-Lippe Sorgen zu machen; und dies gilt insbesondere für viele ländlich geprägte Regionen“, wird die Studie gleich zu Beginn sehr deutlich. Denn das Schlimmste stehe erst noch bevor. Anders als in vielen städtischen Ballungsgebieten werde die Alterung der Bevölkerung und der Apothekerschaft erst in den kommenden Jahren ihren Höhepunkt erreichen „und anders als in vielen Städten kann das Angebot einer möglicherweise wegfallenden Apotheke in dünn besiedelten Regionen nicht wie in großen Städten von der Apotheke um die nächste Ecke aufgefangen werden“, so die Studienautoren Peter Enste, Sebastian Merkel und Josef Hilbert. „Wenn nichts geschieht, drohen in vielen ländlichen Regionen mithin gravierend spürbare Versorgungsengpässe.“

Noch gebe es solche Versorgungsengpässe nicht. Doch die demographische Struktur der Apothekeninhaber lässt die Studienautoren befürchten, dass sie bald Realität werden. Wohlbemerkt: Der Inhaber, nicht der Apotheker an sich. Denn die Zahl der Pharmazeuten ist in Westfalen-Lippe laut Studie gestiegen: Gab es dort 2004 noch 2405 angestellte Apotheker, waren es 2017 bereits 3337, ein Plus von 932. Die Zahl der Apothekeninhaber hingegen sank im selben Zeitraum 1953 auf 1457, ein Minus von 496. Die Zahl der Apotheker steigt, die der Apotheken sinkt. Auch insgesamt wächst die Zahl der in Apotheken Beschäftigten laut Studie kontinuierlich und erheblich: von 11.534 im Jahr 2004 auf 16.469 im Jahr 2017.

Es gibt also fast 50 Prozent mehr Apothekenpersonal in Westfalen-Lippe als noch vor 20 Jahren. Allein in den letzten zehn Jahren sei die Zahl um 36 Prozent gestiegen. Wo ist also das Problem? Es ist die sinkende Zahl der Betriebe und vor allem deren Verteilung. Während sich nämlich wachsende Städte wie Münster oder Dortmund keine Sorgen machen müssen, droht die Versorgung auf dem Land auszudünnen. Denn derzeit ist in Westfalen Lippe fast jeder dritte Apothekeninhaber 60 Jahre oder älter. Gleichzeitig werde in Nordrhein-Westfalen die Zahl der Bürger über 65 Jahren bis 2040 voraussichtlich um 1,25 Millionen zunehmen – das entspricht einem Anstieg von 33 Prozent. Demnach wird eine Apotheke in Westfalen-Lippe bis dahin im Durchschnitt 257 ältere Patienten mehr versorgen müssen.

Und da ältere Menschen statistisch häufiger krank, multimorbide und Chroniker sind, spiegelt sich das auch im Versorgungsbedarf: Die Zahl der Arzneimittel-Tagesdosen wird der IAT-Studie zufolge bis zum Jahr 2040 in der Region von heute 4,64 Milliarden auf 5,18 Milliarden ansteigen, das entspricht einem Plus von 12 Prozent. Entsprechend wird auch der Bedarf an pharmazeutischer Beratung und zusätzlichen Dienstleistungen steigen – und damit der an approbierten Apothekern. Rund 500 Apotheker mehr werden demnach in den Landkreisen und Städten benötigt, um das heutige Niveau aufrecht zu erhalten. Und es könnten noch mehr werden: „Mögliche gesetzliche Änderungen (Stationsapotheker*innen in Krankenhäusern), gesellschaftliche Entwicklungen wie etwa die anhaltende Feminisierung des Berufs sowie der Trend zur Work-Life-Balance und der damit verbundenen reduzierten Wochenarbeitszeit und neue Aufgaben für Apotheken (z. B. Impfen) können dafür sorgen, dass diese Mindestzahl von zusätzlichem Personal deutlich nach oben korrigiert werden muss“, so die Studie.

„Vor allem in ländlichen Regionen ist mit einem kräftigen Anstieg der Nachfrage nach Arzneimitteln und nach Beratungsdienstleistungen zu rechnen“, so die Studienautoren. „Während die Alterung der Gesellschaft in den großstädtischen Regionen Westfalens bereits voll im Gange ist und mit Blick auf die Arzneimittelversorgung durch eine dichte Apothekenlandschaft gut bedient wird, wird diese Alterung in den allermeisten ländlichen Regionen Westfalens erst in den kommenden zwei Dekaden voll zum Tragen kommen – und in einer von Schrumpfung bedrohten Apothekenlandschaft könnten Versorgungsengpässe entstehen.“

Doch wie kann dem entgegengesteuert werden? Der AVWL hat da eine klare Forderung: „Um die Versorgung in Westfalen-Lippe zu sichern, müssen wir mehr Apotheker an den Hochschulen ausbilden“, verlangt der AVWL-Vorstandsvorsitzende Dr. Klaus Michels. Mit der Universität Münster gibt es derzeit nur einen einzigen Standort in Westfalen-Lippe, der einen Pharmaziestudiengang anbietet. „Wir brauchen mehr Studienplätze und auch einen zweiten Standort, um die Patienten in der Fläche versorgen zu können“, so Michels.

Auch die IAT-Studienautoren sehen das als bedeutenden Baustein zur Sicherstellung der zukünftigen Versorgung – und sehen auch die nötigen Potentiale gegeben: So arbeiten die Universität Bielefeld und die Technische Hochschule Ostwestfalen-Lippe bereits an einem bundesweit einmaligen Aufbau eines „Kompetenzfeldes Pharmazie“, das aufgrund seiner modularen Ausrichtung unterschiedliche Beschäftigungs- und Qualifizierungsfelder im Bereich der Pharmazie entstehen lassen.

Hier gelte es auch anzusetzen, um die Qualifikation des Berufsnachwuchses für den zweiten wichtigen Baustein sicherzustellen, den das IAT sieht: Den Wandel des Modells Apotheke. Es gebe zwei wesentliche Szenarien, die die Zukunft der flächendeckenden Versorgung sichern könnten: Einerseits das „Remote High Tech“-Szenario, also die internetgestützte Versandapotheke, „die souveräne Kund*innen schnell und effizient bedient und produktbegleitende Erläuterungen bei Bedarf mit Hilfe von Algorithmen beantwortet“. Wie die AVWL zu diesem Szenario steht, muss nicht eingehend erläutert werden.

Komplexer hingegen ist diese Frage beim zweiten, dem „Community Pharmacy“-Szenario: Die IAT empfiehlt einen Wandel hin zu sogenannten Versorgungsapotheken wie sie beispielsweise im anglo-amerikanischen Raum bereits verbreitet sind. Dazu sei der „Wandel der Apotheke von einer produktorientierten hin zu einer patientenorientierten Institution“ notwendig. Konkret heißt das, dass Kompetenzen und Versorgungsaufgaben von Apotheken ausgeweitet werden sollen; Apotheken würden dann „nicht mehr ausschließlich als Ausgabestellen von Medikamenten angesehen, sondern nehmen deutlich mehr Aufgaben in der gesundheitlichen und medizinischen Versorgung wahr“.

In den USA beispielsweise umfassen diese Aufgaben unter anderem die Beteiligung an staatlichen Versorgungsprogrammen, eine Überwachung des Kosten-Nutzen-Verhältnisses von Medikamenten oder die Unterstützung gesundheitlicher Aufklärungskampagnen. „Infolge dieser Aufgaben- und Kompetenzerweiterung kommt es auch zu einer Aufwertung der Apotheke als Institution“, so sie Studie. „Durch die Ausweitung von Kooperationsstrukturen mit anderen Gesundheitsberufen nimmt die Apotheke eine zentralere Position im Versorgungsnetzwerk ein. Dabei kann es auch zu Spezialisierungen kommen.“

Und das gelte umso mehr in strukturschwachen Gebieten, die über keine flächendeckende medizinische Versorgung in Form von ambulanten oder stationären Versorgungsangeboten mehr verfügen. „Oftmals sind es gerade in ländlichen oder strukturschwachen Gebieten Apotheken, die als lokal verankerte Institution primäre Anlaufstelle für Patient*innen sind.“ Im Ausland sei dieser Trend bereits umfassend beschrieben, in Deutschland jedoch bislang nicht ausreichend empirisch untersucht worden. „Dennoch stellt das Konzept der Öffnung der Apotheke in das Quartier in Kombination mit zunehmenden Angeboten für Patient*innen bzw. Kund*innen einen Ansatz dar, der ausreichend Möglichkeiten der Weiterentwicklung abseits des Ausbaus digitaler Angebote bietet. Insbesondere im Hinblick auf die Kund*innenstruktur der Apotheken, die aktuell vor allem durch ältere Menschen geprägt ist, handelt es sich um ein vielversprechendes Entwicklungsszenario.“

Gleichzeitig gehen mit der Kompetenz- und Aufgabenerweiterung erhöhte Anforderungen vor allem an das Personal einher. Hier schließt sich der Kreis zu jenem „Kompetenzfeld Pharmazie“. Dort sollte nach Sicht des IAT sollte ein besonderer Schwerpunkt auf den Bereich der Versorgungspharmazie gesetzt werden: „Eine Verbindung mit den Versorgungskompetenzen beziehungsweise dem Fokus auf Versorgungsforschung der in Bielefeld arbeitenden Fakultät für Gesundheitswissenschaft, sowie ein Zusammenspiel mit dem versorgungsorientiert ausgerichteten Profil der derzeit in Ostwestfalen-Lippe neu entstehenden Fakultät für Medizin böten ein ideales Kompetenzfundament, um die Versorgungsorientierung zu realisieren.“

 

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