Fibromyalgie – immer noch Ausschlussdiagnose

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Berlin -

Das Fibromyalgie-Syndrom (FMS) ist ein recht individuelles Beschwerdebild. Die chronische Schmerzerkrankung kann sich in unterschiedlichsten Bereichen des Körpers zeigen. Die meisten Betroffenen sind Frauen. Die Erkrankung kann bislang nur symptomatisch behandelt werden. Ohne Biomarker oder andere fest definierte Anamnesezeichen bleibt den Mediziner:innen häufig nur die Ausschlussdiagnose. Apotheker:innen und PTA begleiten diese Patientengruppe häufig im Rahmen der Selbstmedikation.

Rund 3 Prozent der Bevölkerung leiden an einer Art des Fibromyalgie-Syndroms. Dabei erkranken Frauen häufiger als Männer. Das mittlere Erkankungsalter liegt zwischen dem 40 und 60 Lebensjahr. Das Leiden wird auch häufig als Weichteilrheuma bezeichnet, dabei ist der Begriff falsch, denn auch wenn man die genauen Auslöser der Fibromyalgie nicht kennt, so weiß man, dass der Ursprung nicht in den Muskeln liegt. Fibromylalgie wird darüber hinaus nicht zu den rheumatischen Erkrankungen gezählt. Wichtig: Fibromyalgie ist keine lebensbedrohliche Krankheit, auch wenn sie aktuell nicht heilbar ist.

Ätiologie ungeklärt – Behandlung off-label

Die aktuelle Studienlage lässt keine eindeutigen Aussagen zur Ätiologie der Erkrankung zu. Die Schmerzweiterleitung in Gehirnen von Fibromyalgie-Patient:innen scheint gestört. Die Schmerzgrenze ist bei den Betroffenen einfach gesagt herabgesetzt. Belegbare biologische Veränderungen sind wenig dokumentiert. Der Oberärztin der Neurologischen Klinik und Poliklinik am Universitätsklinikum Würzburg, Professor Dr. Nurcan Üçeyler, ist es gemeinsam mit Kolleg:innen vor acht Jahren gelungen Veränderungen der Nervenfasern aufzuzeigen: „Wir konnten damals bei einem Teil der Betroffenen eine Störung der kleinen, schmerzleitenden Nervenfasern (small fibers) außerhalb des zentralen Nervensystems nachweisen, was wir Small fiber-Pathologie nennen.“

Die sogenannte Small Fiber Pathologie kann zu zu Missempfindungen und übersteigerter Schmerzwahrnehmung führen.

Um noch bessere und vor allem schnellere Diagnosen stellen zu können forscht Üçeyler weiter. Aktuell stehen bestimmte Antikörper, die vermehrt bei Fibromyalgie-Patient:innen gefunden wurden, im Fokus der wissenschaftlichen Arbeiten. Diese Antikörper sind gegen körpereigene Strukturen gerichtet. „Diese Erkenntnisse könnten uns helfen, mögliche Untergruppen des vielfältigen Krankheitsbildes FMS zu identifizieren“, erläuterte Üçeyler im Rahmen des diesjährigen deutschen Schmerzkongresses.

Fibromylagie ist aktuell nicht heilbar. Eine spezifische Therapie exsistiert nicht. Möglich ist der Einsatz von trizyklischen Antidepressiva wie Amitriptylin oder Antikonvulsiva wie Pregabalin. Niedrig dosiert sollte die Anwendung auf rund sechs Monate begrenzt sein. Danach sollte ein Auslassversuch gestartet werden. Innerhalb des Beratungsgespräches ist es wichtig zu wissen, wofür der/die Patient:in die verschriebenen Präparate einnimmt. Nur so können zusätzliche Tipps gegeben werden. Im Rahmen der Selbstmedikation können Wärme- oder Kältetherapie, sowie topische Therapieversuche mit pflanzlichen Präparaten empfohlen werden. Worauf der/die Patient:in anspricht ist sehr individuell und muss ausprobiert werden. Auch die Psyche spielt eine wichtige Rolle. „In der Praxis ist daher neben der körperlichen Untersuchung auch eine psychische Anamnese wichtig“, betont Üçeyler. Bei anhaltenden Beschwerden mit starken Einschränkungen im Alttag können multimodale Ansätze zur Schmerzlidnerung beitragen.

Studien zeigen, dass leichter Sport wie Radfahren oder schnelles Gehen das Wohlbefinden verbessern und Schmerzen lindern können.

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