ZDF-Doku

Glaeske: Über Nacht krank gemacht

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Berlin -

Wann sind Medikamente sinnvoll, wann dienen sie nur der Geldmacherei der Pharmaindustrie? ZDFzoom setzte sich mit Krankheiten auseinander, die vermeintlich von der Pharmaindustrie erfunden wurden. In der Sendung „Das Geschäft mit der Krankheit – wie wir zu Patienten gemacht werden“ kam auch Professor Dr. Gerd Glaeske zu Wort.

Pharmakologe Glaeske beschreibt, dass in das Standardwerk der Psychotherapie in jede Ausgabe neue Krankheiten aufgenommen würden. Die Kriterien, etwas zur Erkrankung zu deklarieren, seien in dem Bereich besonders weich.

Glaeske greift als Beispiel einer solchen neuen Krankheit die „Persistent Complex Bereavement Disordner“ heraus. Darunter leidet, wer nach einem Todesfall länger als sechs Monate trauert. „Das heißt, ich darf nicht mehr lange trauern, weil ich dann in der Gefahr bin, tatsächlich als krank definiert zu werden“, erklärt er. Das sei fatal; denn so würden Alltagsphänomene zu einer Krankheit definiert – was letztlich dazu führe, dass man Arzneimittel einnehmen solle.

Einige Mitarbeiter an dem Katalog seien, das wisse man, „sehr nah an den pharmazeutischen Herstellern“, sagt Glaeske. Die Vermutung liege daher nahe, dass der Einfluss der pharmazeutischen Industrie, mehr Psychopharmaka verkaufen zu wollen, sich in dem Buch niederschlage. Nicht zu vergessen sei, dass der Katalog eine Art Leitlinie darstelle.

Die Leitlinien definierten, wann jemand behandelt werden sollte. „Je niedriger die Schwelle, desto lukrativer für die Pharmaindustrie“, hält das ZDF fest. Gerade bei psychischen Krankheiten seien diese Schwellen leicht veränderbar, weil die Krankheit durch relativ weiche Faktoren beschrieben werde, so das ZDF.

Auch andere Krankheiten würden manipuliert: Glaeske zufolge greifen auch bei typischen Volkskrankheiten ähnliche Mechanismen. Dabei spielten vor allem diagnostische Werte eine Rolle. Das sei etwa bei Bluthochdruck oder Diabetes der Fall, ebenso bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen: Da seien es die Cholesterinwerte. Wenn Grenzwerte abgesenkt würden, dann könne das heißen, dass über Nacht zwei Drittel der Weltbevölkerung krank würden, so Glaeske. Effekt: „Ich sehe im gleichen Maße, dass der Umsatz von Cholesterin-Mitteln ansteigt“, sagt er.

Über die Höhe des Cholesterin-Werts entscheidet die Europäische Fachgesellschaft der Kardiologen. 18 Ärzte haben die Leitlinie verfasst; 17 arbeiteten auch für Hersteller von Statinen, so das ZDF. Und 375 Millionen Euro geben die deutschen Krankenkassen jährlich für Cholesterin-Senker aus.

Die Dokumentation geht auch auf Pink Viagra ein. Frauen, die keine Lust auf Sex haben, soll die Pille aus den USA helfen. Das Mittel sei ursprünglich zur Therapie von Depressionen entwickelt worden, heißt es in der Sendung. Doch es habe zu viele Nebenwirkungen gezeigt. Über ein Marketing, bei dem sich Frauenrechtler für das Medikament einsetzten, sei der Druck auf die US-Zulassungsbehörde so groß gewesen, dass die Tablette dennoch auf den Markt gekommen sei.

Die Wirkungen von Pink Viagra hielten sich in Grenzen, erklärt der Sexualtherapeut Professor Dr. Jörg Signerski-Krieger. Nur 8 bis 10 Prozent der Frauen profitierten von der Einnahme – und haben nach eigenen Angaben 0,5 Mal mehr Sex im Monat. Die Nebenwirkungen des Medikaments reichten von Kopfschmerzen und Übelkeit bis zu Ohnmacht.

Die Ärztin Dr. Christiane Fischer vom pharmakritischen Verband Mezis erklärt die „Wechseljahre des Mannes“ zu einer Krankheit, die von Pharmaunternehmen „frei erfunden“ wurde, um Testestoron-Präparate zu vermarkten. 1995 will die PR-Agentur Cramer-Gesundheits-Consulting (CGC) die Indikation mit Marketing etabliert haben: „Das Hormontief wird als ernstzunehmende behandlungsbedürftige Erkrankung dargestellt und der Urologe als Spezialist für das Krankheitsbild positioniert“, schreibt das Unternehmen in seiner Chronik. Auftraggeber war dem ZDF zufolge Jenapharm. Im Jahr 2000 soll die Marketingkampagne eingestellt worden sein; die Verantwortlichen wurden laut Jenapharm entlassen.

Die Dokumentation kritisiert zudem, dass Fachtagungen und Fortbildungen von Ärzten häufig von Pharmaunternehmen gesponsert seien. So hätten Hersteller von Testosteron-Produkten eine Urologen-Tagung mitfinanziert. Die ZDF-Redakteure bezweifeln, dass eine unabhängige Wissensvermittlung unter diesen Bedingungen möglich ist.

Gentests aus dem Internet werden ausschließlich von ausländischen Unternehmen angeboten. Zwei Tests von Speichelproben kommen nicht zum selben Ergebnis. Humangenetiker Professor Dr. Klaus Zerres hält die Tests für nicht aussagekräftig, da nur einzelne Gene getestet würden, obgleich mehrere hundert Gene an der Entstehung bestimmter Krankheiten beteiligt seien.

Die Dokumentation plädiert für mehr Transparenz zu Krankheiten und weniger Lobbyismus von der Industrie. Zudem wird zu einem gelassenerem Umgang mit Erkrankungen geraten: „Nicht immer braucht man gleich Tabletten.“

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