Roll-out beginnt

E-Rezept in Westfalen-Lippe: Flaute in den Apotheken

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Berlin -

Zum heutigen Start des Roll-out des E-Rezepts sind die Apotheken in Westfalen-Lippe gut vorbereitet. Der „Führerschein“ für das E-Rezept ist vielerorts bestanden und die Technik auf dem neuesten Stand. Fehlt nur noch der Praxistest, doch der lässt mitunter auf sich warten. Am 1. September herrscht noch Stillstand in der Offizin.

250 Praxen sind laut Angaben der Kassenärztlichen Vereinigung Westfalen-Lippe (KVWL) zum Start des Roll-outs dabei. Die Zahl soll weiter gesteigert werden, auf 500 ab 1. Oktober. Die Ärzt:innen können vielerorts allerdings nur einen Papierausdruck erstellen, weil die Gematik-App kaum verbreitet ist. Bislang wurden laut der Gematik 190.434 E-Rezepte eingelöst, 11.052 Apotheken haben sich als E-Rezept-ready gemeldet.

Eine davon ist die Easy-Apotheke Windthorststrasse in Münster von Alexa Wenig-Gieselmann. Die Inhaberin fühlt sich gut gewappnet für den heutigen Tag. Ein Test-Rezept habe ohne Probleme funktioniert. Eine Arztpraxis in der Nähe der Apotheke startete vor kurzem sogar eine Umfrage, welche Apotheken sich beteiligen und fertig mit den Vorbereitungen seien.

Praxispersonal verweigert Ausstellung

Eigentlich könnte es jetzt losgehen, aber: „Wir haben noch kein einziges E-Rezept in der Apotheke eingelöst. Auch aus meinem Kolleg:innenkreis höre ich nichts. Die Arztpraxen in unserer Umgebung reagieren ganz unterschiedlich. Manche zeigen eher Desinteresse, manche Mitarbeiter:innen verweigern die Ausstellung solcher Rezepte ganz.“ Das Nein zum E-Rezept seitens der Angestellten in einer dieser Praxen sei aber eher auf einen kürzlichen Arztwechsel zurückzuführen.

Wenig-Gieselmann sieht die ganze Sache eher skeptisch: „Für uns ist ein zerknitterter QR-Code eine schreckliche Vorstellung. Gesehen haben wir das schon bei den Impfzertifikaten. Schnell wird der Code unleserlich beim Scanvorgang.“ Die Muster-16-Formate hätte man für den Drucker immer irgendwie aufbereiten können, bei den E-Rezepten in Papierformat sei das schon schwieriger, vermutet Wenig-Gieselmann.

Ältere Menschen haben Schwierigkeiten

Die Akzeptanz digitaler Verordnungen halte sich zudem bei den Kund:innen in Grenzen. Je nach Altersgruppe gehen die Meinungen weit auseinander. „Ich denke, unsere älteren Patient:innen, gerade die Senior:innen, denken eher negativ über das E-Rezept. Sie möchten nicht, dass ihre Daten in Form eines gedruckten QR-Codes vorliegen. Ältere Herrschaften schauen immer nochmal auf das Rezept, welche Medikamente aufgeschrieben wurden. Sie geben die Kontrolle nicht gern aus der Hand.“

Jüngere sind zugewandter

Bei den jüngeren Patient:innen könne die Akzeptanz schon größer sein. Die QR-Codes sind aus anderen Bereichen dem ein oder anderen bereits bekannt, die Umstellung vom Papierrezept auf ein digitales Format falle in dieser Altersgruppe deutlich leichter. Einige junge Leute würden sogar begrüßen, sich künftig alles auf das Handy schicken zu lassen. Es gäbe auch Kund:innen, die der ganze Vorgang überhaupt nicht interessiere, so Wenig-Gieselmann. Sie sei gespannt, wie es weiter geht. Der Morgen war jedenfalls noch nicht so spannend.

Zahnarzt druckt selbst Test-Token

In einer nahegelegenen weiteren Apotheke lässt sich ein ähnliches Bild zeichnen. Die Technik sei auch dort komplett vorhanden und alle Mitarbeiter:innen fertig für den Roll-out. Bislang blieben aber auch hier die echten Praxistests aus. Immerhin löste vor ein paar Wochen ein ansässiger Zahnarzt einen ausgedruckten QR-Code ein. Er wollte selbst vor Ort testen, und es habe alles reibungslos funktioniert. Das sei aber das erste und letzte Mal gewesen. Man sei gespannt, wie es nun weitergeht.

Apotheker schreibt Praxen an

Um seine Ärzt:innen aus dem Ort zu motivieren, schrieb ein Apotheker seine Verordner direkt an. Außer einer Praxis hätten sich alle rückgemeldet, sagt er. „Ich habe mir die Mühe gemacht und E-Mails an die Ärzte persönlich geschrieben“, sagt er. Schreibe man an die Info-Adressen der Praxen, seien die Rückmeldung erfahrungsgemäß gering.

In dem Schreiben informierte er über den aktuellen Stand des geplanten Roll-outs und dass Apotheken ab September bereit sein sollen. „Das E-Rezept wird die Abläufe in der Apotheke verändern, gegebenenfalls noch deutlicher die Abläufe in der Arztpraxis. Da Trends ab einem gewissen Punkt eine eigene Dynamik entwickeln, kann ich mir gut vorstellen, dass das E-Rezept im Laufe des kommenden Jahres die Oberhand gewinnen wird und wir gegebenenfalls bereits im Winter 2023/2024 nur mit 10 Prozent der heutigen Menge an Papierrezepten arbeiten werden“, prognostiziert er.

Sowohl Praxisteam als auch Apothekenteams würden in überschaubarer Zukunft nur noch mit „nicht fassbaren“ Datensätzen arbeiten, das „lieb gewonnene Rezept als Beleg eines Vorgangs wird ausgedient haben“, heißt es weiter. Ein grundsätzlich neuer Blickwinkel auf EDV und Team sowie dessen engmaschige Schulung seien Auswirkungen. Der Inhaber bietet den Ärzt:innen in dem Schreiben an, ob man „gemeinsam in den kommenden Wochen in eine Testphase einsteigen und erste Patientengruppen auf das E-Rezept umstellen“ wolle.

Werbung für das E-Rezept

Mit der Einführungsphase könnten sich neue Arbeitsabläufe einstellen lassen, Probleme in Hard- und Software würden erfasst und ließen sich aufgrund eines noch überschaubaren Kontingents an E-Rezepten besser verarbeiten. „Ich könnte mir als in Frage kommende Patientengruppe Heimbewohner vorstellen“, schreibt er. Deren Medikation gebe sowohl in der Ausstellung als auch bei Rückfragen im wöchentlichen Turnus Zeit und Luft zum Testen.

Der Apotheker betont, dass er sich freuen würde, eine Einschätzung zu erhalten. Tatsächlich meldeten sich bis auf eine alle Medizinerin zurück. Entweder hieß es, sie seien technisch noch nicht so weit oder an einem Austausch interessiert. Angesichts der Urlaubszeit im August würden die Gespräche jetzt im September stattfinden.

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