Apotheker muss ausziehen, Kollege profitiert | APOTHEKE ADHOC
Mietvertrag gekündigt

Apotheker muss ausziehen, Kollege profitiert

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Berlin -

13 Jahre lang hat Wolfgang Schild von Spannenberg die Ballplatz-Apotheke in der Mainzer Altstadt geführt. Nun muss er sein Geschäft räumen, weil der Mietvertrag nicht verlängert wurde. Doch in diesem Fall zieht in die Räumlichkeiten nicht der x-te Handyladen ein, sondern ein anderer Apotheker, der am reizvollen Standort in einem Ärztehaus eine Filiale eröffnen will. Schild von Spannenberg ist von seinem Kollegen, der seiner Meinung nach ihm in den Rücken gefallen ist, noch mehr als von seinem Vermieter enttäuscht.

Seit 38 Jahren gibt es die Ballplatz-Apotheke in Mainz. Doch weitere Jahre werden nicht hinzukommen. Denn in wenigen Tagen die Apotheke im Ärztehaus in der Weißliliengasse schließen. Schild von Spannenberg hatte die Apotheke vor 13 Jahren übernommen und betreibt sie als Filiale der Apotheke an der Ludwigstraße. Anfang dieses Jahres teilte ihm sein Vermieter jedoch mit, dass er den Mietvertrag nicht verlängern wird. Anfang 2018 müssen Schild von Spannenberg und seine insgesamt drei Angestellten deshalb umziehen. „Und bleibt nichts anderes übrig, als in unsere Hauptapotheke an der Ludwigstraße zu gehen“, so der Apotheker.

Die Entscheidung des Vermieters sorgte bei Schild von Spannenberg für Entsetzen: „Ich hatte im Vorfeld des Treffens schon mit einer Mieterhöhung gerechnet, aber nie und nimmer damit, dass der Vertrag zum Jahreswechsel 2017/2018 aufgelöst wird.“ Zwar habe der Vermieter sich zuletzt auch anderer Mieter entledigt. Dem besorgten Apotheker soll er aber „eine Lösung“ zugesichert haben. „Als ein Gastronom durch eine Filiale des Franchiserestaurants Wilma Wunde auf harte Weise ersetzt wurde, hatte ich Bedenken. Aber dass es mich am Ende wirklich trifft, daran habe ich nicht wirklich geglaubt oder nicht glauben wollen“, sagte er.

Über das Vorgehen seines Vermieters ist er immer noch enttäuscht und wütend. „Ich habe vor meiner Apotheke lange Zeit Baustellen ertragen, bin häufig früher gekommen, um Handwerker reinzulassen. Teilweise lag mein Labor in Trümmern“, sagt der Apotheker. „Trotzdem habe ich jeden Monat die Miete überwiesen, ohne eine Mietsenkung zu fordern oder zu murren. Das alles hat am Ende nicht gezählt.“

Der Vermieter hätte ihm zumindest der Fairness halber einen neuen Mietvertrag, wenn auch mit höherer Miete, anbieten sollen, findet Schild von Spannenberg. Stattdessen sei er vom Hauseigentümer unter Druck gesetzt worden und sollte Aufhebungsvertrag unterschreiben. „Am liebsten wäre es ihm, wenn ich innerhalb von vier Wochen ausgezogen wäre“, berichtet der Apotheker. Tue er das nicht, habe der Vermieter angedroht, ihn an den nicht unerheblichen Kosten zu beteiligen, die durch die Sanierung und Umbau der Hausfassade entstanden seien.

Nach einer Beratung durch einen Anwalt entschloss sich der Apotheker, sich nicht dem Druck zu beugen und bis Jahresende in den Räumlichkeiten zu bleiben. „Seitdem habe ich vom Vermieter diesbezüglich nichts mehr gehört“, sagt Schild von Spannenberg. „Doch ob das dicke Ende noch kommt, kann ich nicht mit Sicherheit sagen. Die Übergabe steht ja noch aus.“

Doch fast noch mehr ist Schild von Spannenberg von seinem Kollegen enttäuscht. Denn die Ballplatz-Apotheke wird nicht etwa durch einen Handy-Laden oder eine Döner-Bude ersetzt. Dort wird der Apotheker Christoph Becker eine Filiale seiner Mercator-Apotheke, die nur 180 Meter am Eingang des Kaufhauses Karstadt liegt, eröffnen. „Ich kenne ihn schon Jahrzehnte lang“, sagt der Apotheker. „Wir hatte ein gutes kollegiales Verhältnis und haben uns immer wieder ausgeholfen, wenn ein Medikament einmal nicht vorrätig war.“ Als es klar wurde, dass der Nachmieter ebenfalls ein Apotheker ist, habe man im Team gerätselt, wer das sein könnte. „Ich hätte Stein und Bein geschworen, dass er es nicht ist“, sagt Schild von Spannenberg.

Umso entsetzter sei er gewesen, als Becker ihm vor einigen Wochen über Anwalt einen Brief habe zukommen lassen. Er könne nichts für die Kündigung, soll Becker in dem Schreiben erklärt haben. Der Vermieter habe ihm eben ein Angebot zukommen lassen. „Außerdem hat er angeboten, meine Einrichtung für einen Appel und ein Ei zu übernehmen“, berichtet der Apotheker. Auf diesen Brief habe er nicht geantwortet, sondern wünschte sich ein persönliches Treffen: „Ich wollte es ihm nicht ersparen, mir in die Augen zu schauen.“

Becker weist die Vorwürfe seines Kollegen vehement von sich. Stattdessen behauptet er, erst nach Kündigung dessen Mietvertrags unterschrieben zu haben. Später räumt er allerdings ein, dass die Verhandlung bereits früher stattgefunden hat, zum Teil noch bevor Schild von Spannenberg von seiner Kündigung erfahren hat.

„Ich habe Verständnis, dass der Kollege verärgert ist“, sagte Becker. „Ich hatte aber keinen Einfluss auf die Entscheidung des Vermieters.“ Schließlich habe er diesen nicht aktiv angesprochen. Die Räumlichkeiten seien ihm von der gemeinsamen Hausverwaltung angeboten worden. Dass sein Kollege nun nicht gut auf ihn zu sprechen ist, versteht der Apotheker nicht. „Was hätte ich denn machen sollen? Ablehnen?“, sagte er. „Wir leben in der Marktwirtschaft. Wenn man mir einen sehr interessanten Standort anbietet, dann lehne ich doch nicht ab.“ Ohnehin hätte seine Absage nichts an der Kündigung geändert. Dann hätte der Vermieter eben einen anderen Apotheker gefunden, der den lukrativen Standort mit Kusshand genommen hätte.

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