Interview Dr. Stefan Sandner (Diapharm)

„Apotheken droht massiver Imageverlust“

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Berlin -

Bei pflanzlichen Produkten müssen sich Apotheken mit der Konkurrenz aus Drogerien und Supermärkten messen. Einer hohen Qualität steht ein oft günstigerer Preis gegenüber. Dr. Stefan Sandner warnt davor, dass für Nahrungsergänzungsmittel aus dem Mass Market mit denselben Wirkversprechen geworben wird wie für Produkte aus der Offizin. Der Chef des Zulassungsdienstleisters Diapharm will die EU-Kommission gerichtlich verpflichten lassen, einen Katalog mit zulässigen Werbeaussagen zu definieren. Im Interview mit APOTHEKE ADHOC erklärt er, warum das Thema für Apotheken und Hersteller gleichermaßen wichtig ist.

ADHOC: Warum klagen sie gegen die EU-Kommission?
SANDNER: Wir haben die Kommission wegen Untätigkeit verklagt, da die Beurteilung von gesundheitsbezogenen Angaben zu pflanzlichen Inhaltsstoffen auf Eis gelegt wurde. Die Health-Claims-Verordnung sah aber eine vollständige Gemeinschaftsliste aller gesundheitsbezogenen Angaben bis Ende Januar 2010 vor. Diese Frist wurde nicht eingehalten. Pflanzliche Inhaltsstoffe dürfen weiterhin ohne Genehmigung mit Gesundheitsversprechen vermarktet werden. Die Claims, die derzeit verwendet werden, wurden niemals offiziell geprüft.

ADHOC: Warum tut sich die Kommission bei pflanzlichen Inhaltsstoffen so schwer?
SANDNER: Kurz nach dem Start der Prüfung zeigte sich, dass die EFSA viele beantragte Claims nicht positiv bescheiden würde. In den meisten Fällen liegt zu wenig Material vor, um die Aussagen zu verifizieren. Mehrere Mitgliedstaaten haben sich im Anschluss beschwert. In der EU etabliert sich ein Wirtschaftszweig, der nicht die Hürden der Zulassungsverfahren von Arzneimitteln gehen und „Botanicals“ lieber als Lebensmitttel zum Beispiel auch außerhalb der Apotheke verkaufen will.

ADHOC: Was sind die Motive?
SANDNER: Zulassungen kosten Zeit und Geld. Vor allem Länder wie Italien, Frankreich, Spanien und Belgien stellen sich quer. Die Lobby, die dafür sorgt, dass die EFSA nicht arbeiten kann, will klassisch arzneiliche Extrakte wie Ginko, Baldrian, Passionsblume, Teufelskralle, Erkältungsdrogen oder Inhaltsstoffe für den Magen-Darm-Bereich als arzneimittelähnliche Nahrungsergänzungen mit entsprechenden gesundheitsbezogenen Angaben vermarkten.

ADHOC: Was erhoffen Sie sich?
SANDNER: Die sachlich nicht gerechtfertigte Ungleichbehandlung von „Botanicals“ und anderen Inhaltsstoffen muss enden. Der Bewertungsmaßstab für Health Claims zu nicht pflanzlichen Inhaltsstoffen sollte auch für „Botanicals“ angewendet werden. Letzlich auch zur Etablierung rechtssicherer Nahrungsergänzungsmittel mit pflanzlichen Inhaltsstoffen.

ADHOC: Dann würden zahlreiche Präparate verschwinden?
SANDNER: Mittelbar mag das sein. Aber momentan wird nicht mit gleichen Waffen gespielt. Es besteht die Gefahr, dass für ein und dasselbe pflanzliche Präparat sowohl zugelassene Arzneimittel als auch Lebensmittel auf dem Markt sind, die mit mehr oder weniger denselben Wirkversprechen daher kommen. Für Verbraucher wirken die Produkte daher identisch. Bei Nahrungsergänzungsmitteln ist die Qualität aber häufig nicht gesichert, die Inhaltsstoffe werden nicht offiziell geprüft und Neben- und Wechselwirkungen nicht genannt. Dennoch werden Gesundheitsversprechen gemacht.

ADHOC: Was bedeutet die derzeitige Situation für die Hersteller?
SANDNER: Bislang haben wir in Deutschland kein Problem. Allerdings drohten erhebliche Wettbewerbsnachteile, wenn entsprechende Produkte aus dem EU-Ausland hier verkauft würden. In Frankreich gab es beispielsweise schon Joghurts mit Baldrian und Melisse, die angeblich beim Einschlafen helfen. Für die Consumer Healthcare Industrie ist die Situation ein Riesenproblem. Pharmakologisch aktive Inhaltsstoffe, die keine direkt toxischen Wirkungen haben, können als Lebensmittel deklariert und entsprechend beworben werden.

ADHOC: Was heißt das für Apotheken?
SANDNER: Durch die Bagatellisierung der pflanzlichen Inhaltsstoffe via Borderline-Lebensmittel verlieren die Apotheken unter Umständen eine gesamte bis dahin exklusive Produktgruppe. Ein Großteil der pflanzlichen Arzneimittel wird langfristig vom Markt verschwinden, wenn die gleichen Inhaltsstoffe in Nahrungsmitteln außerhalb der Offizin mit vergleichbaren gesundheitsbezogenen Angaben erhältlich sind.

ADHOC: Wie wichtig ist dieser Bereich?
SANDNER: Die Apotheken machen mit Phytopharmaka pro Jahr einen Umsatz von 1,8 Milliarden Euro auf Basis der Verkaufspreise. Jährlich werden rund 157 Millionen Packungen verkauft. Außerdem droht nicht nur den Produkten, sondern auch den Apotheken ein massiver Imageverlust.



Diapharm war 2008 als Zusammenschluss verschiedener Beratungsfirmen entstanden, die 2012 zu einem Gemeinschaftsunternehmen mit Sitz in Münster verschmolzen wurden. Die Ursprünge reichen bis in das Jahr 1988 zurück; kaum ein Hersteller hat noch nicht mit Diapharm zusammengearbeitet. Das Unternehmen ist in den Bereichen Zulassung, Qualitätsmanagement, Forschung & Entwicklung und Geschäftsentwicklung aktiv. Insgesamt gibt es derzeit rund 500 Kunden, in den vergangenen 25 Jahren war der Dienstleister an mehr als 1500 Zulassungen beteiligt. An den Diapharm-Standorten in Münster, Oldenburg, Bielefeld, Lübeck, Wien, London und Shanghai arbeiten rund 100 Mitarbeiter. Zur Gruppe gehört auch die Firma Hälsa mit Sitz in Lübeck, die als Scharnier zwischen Lohnherstellern und Vertriebsfirmen fungiert.

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