Video-Interview Dr. Clemens Fischer

„Ich möchte eine Welt ohne chronische Schmerzen erschaffen“

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Dr. Clemens Fischer im Porträt
Dr. Clemens Fischer im InterviewFoto: Futrue
Berlin -

Er hat Yokebe, Kijimea und zahlreiche weitere OTC-Marken groß gemacht, jetzt hat Dr. Clemens Fischer sein erstes eigenes Rx-Medikament durch die Zulassung gebracht: Das Cannabis-Fertigarzneimittel Exilby soll zu einem Paradigmenwechsel in der Schmerzbehandlung führen und weltweit Opioide ablösen. Eine Welt ohne Schmerzen sei sein Ziel, sagt der Firmenchef, der Elon Musk im Bereich der Medizin schlagen will. Im Video-Interview mit APOTHEKE ADHOC spricht er über seine Visionen und seine Projekte, über Erfolge und Rückschläge – und darüber, wie man seine Träume verwirklicht und als Selfmade-Unternehmer selbst gegen die großen Pharmakonzerne gewinnen kann.

ADHOC: Sie haben die Zulassung für Exilby erhalten. Wie geht es Ihnen?
FISCHER: Mir geht es sehr gut. Nach all den Jahren des Kampfes, an denen wir Tag und Nacht gearbeitet haben, auch am Wochenende, ist das praktisch der Ritterschlag. Unsere Arbeit wird jetzt belohnt.

ADHOC: Was ist denn Exilby?
FISCHER: Exilby ist ein standardisiertes Fertigarzneimittel auf Cannabis-Basis, also ein Cannabinoid-basiertes Arzneimittel – das erste weltweit zur Behandlung von chronischen Schmerzen, in dem Fall vom Kreuzschmerzen, was die größte Indikation innerhalb der chronischen Schmerzen ist. Und klar, wir wollen natürlich mehrere Indikationen machen. Aber das Geniale ist, es gibt endlich eine neue Schmerzmittelklasse. Und man kann das gar nicht oft genug sagen: Derzeit gibt es zur Behandlung von chronischen Schmerzen fast nur Opioide. Und das ist das erste Arzneimittel, das jetzt in einer chronischen Schmerzindikation zugelassen ist und auch das Potenzial hat, Opioide mit der Zeit zu ersetzen.

ADHOC: Wann kommt das Präparat?
FISCHER: Wir wären eigentlich bereit, es Ende August, September einzuführen. Wir müssen aber auch eine Sicherheit haben, dass wir einen Preis in Deutschland erzielen können, der die hohen wirtschaftlichen Investitionen rechtfertigt und der auch einen Launch in Amerika nicht behindern oder zerstören würde

ADHOC: Was kennzeichnet diesen Extrakt?
FISCHER: Das sind Fläschchen à 30 ml mit einem Extrakt, der auf THC standardisiert ist und den Sie praktisch tropfenweise einnehmen können. Denn so wie bei Opioiden auch starten Sie nicht mit der gewünschten Zieldosis, sondern arbeiten sich langsam heran, um die Nebenwirkungen innerhalb dieser Titrationsphase zu reduzieren.

ADHOC: Sie bringen eines der ersten Rx-Phytotherapeutika weltweit und dann auch noch Cannabis. Wie ist denn die Resonanz der Ärzteschaft?
FISCHER: Was mich wirklich sehr freut: Die Resonanz gerade der führenden Schmerzmediziner ist überwältigend. Die gehen selbst auf Kongresse und sprechen, ohne Unterstützung von uns, über das Arzneimittel und die Studienergebnisse. Sie dürfen nicht vergessen, wir reden über Schmerzmedizin, da ist nicht wirklich etwas Neues gekommen in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten für die vielen Millionen Patienten, die unzureichend behandelt sind.

Man denkt, wir leben in einer so modernen Medizin oder auch Pharmawelt. Da gibt es doch für jede Krankheit mittlerweile ein hochmodernes Medikament. Aber nein, wenn Sie sich anschauen, für die meisten chronischen Erkrankungen stehen letztendlich nur Opioide zur Verfügung. Und das ist die einzige Schmerzmittelklasse dann. Und das finde ich erschreckend.

ADHOC: Wie sind Sie auf das Thema gekommen?
FISCHER: Ich habe in einem Zeitungsartikel über Cannabis gelesen, das war ein Riesenboom zu der Zeit. Aber alle haben sich auf Recreational Cannabis fokussiert. Ich habe gegoogelt und gesehen, dass es Tausende von positiven Patientenberichten gibt. Und dann habe ich mich gefragt: Gibt es das denn, dass das noch kein Mensch macht?

ADHOC: Also ein Zufallstreffer?
FISCHER: Das war ursprünglich ein Hype, von dem bin ich angefacht worden. Der Hype war ganz schnell vorbei, aber ich bin noch immer da. Ich bin niemand, der nach drei Jahren aufgibt, weil es keine Story mehr gibt. Ich habe es durchgezogen – zum Nutzen von vielen Patienten da draußen.

ADHOC: Wie muss man sich das vorstellen?
FISCHER: Wir haben wirklich den ganzen Gewinn unserer Unternehmen, den wir erwirtschaftet haben, investiert. Nichts ausgezahlt, keinen Urlaub gemacht, sondern wirklich geschaut, dass wir dieses Arzneimittel zur Zulassung kriegen. Und Sie glauben gar nicht, wie viele Leute man überzeugen muss, um eine neue Substanzklasse einzuführen.

ADHOC: Gab es auch Rückschläge?
FISCHER: Es gab von Anfang eigentlich fast nur Rückschläge. Ich weiß noch, als ich bei meinem ersten Meeting mit dem BfArM war, da sagte uns die Abteilungsleiterin: Da haben Sie sich eines der schwierigsten Zulassungsverfahren ausgesucht, weil es sich um ein pflanzliches Arzneimittel handelt.

Mein Wissen von Arzneimittelzulassungen war begrenzt, und ich kam dort mit mehreren Ideen rein. Und die Behörde hat das anders gesehen. Wir haben gestritten und mir wurde dann gesagt: Sie können jetzt auch gehen. Und dann habe ich gesagt: Ich habe für zwei Stunden bezahlt, die nutze ich auch. Ich musste erst einmal lernen, wie man mit Behörden kommuniziert.

Noch ein Beispiel: Wir sind letztes Jahr an die Presse gegangen mit der Ankündigung, dass das Arzneimittel in wenigen Wochen oder Monaten verfügbar sein würde. Jetzt sitzen wir erst ein Jahr später da. Da kann ich auch noch mal lernen, wann kommuniziere ich was.

Wir haben keine Ahnung gehabt, wie man so ein Arzneimittel macht, wie man so eine Pflanze anbaut. Wir haben mit Kiffen auch keine Erfahrungen gehabt.

ADHOC: Aber ich höre schon heraus: Eine gewisse Sturheit braucht man auch, um so etwas durchzuziehen.
FISCHER: Eine unglaubliche Sturheit. Sie glauben gar nicht, wie oft ich auch von Meetings mit Behörden heimgeflogen bin, auch mit der FDA ist es nicht einfach. Am Abend saß ich im Flieger und habe gedacht: Ich mag nicht mehr, soll das doch jemand anderes machen. Aber am Morgen bin ich wieder aufgestanden und habe mir gesagt: Jetzt geht es weiter und wir schaffen das.

ADHOC: Sie haben auch viel Geld investieren müssen.
FISCHER: Wir haben einen dreistelligen Millionenbetrag in das Arzneimittel investiert.

ADHOC: Investoren sind nicht bei Ihnen an Bord.
FISCHER: Nein, null. Sie haben gesehen, dass wir auch Pharma-SGP wieder von der Börse genommen haben. Uns gehören alle Unternehmen zu 100 Prozent, also meiner Mitgründerin Madlena Hohlefelder und mir.

ADHOC: Haben Sie das Gefühl, dass in der Pharmabranche jetzt gesehen wird, dass Sie auf der Zielgeraden sind?
FISCHER: Ja, teilweise schreiben die uns an oder suchen den Kontakt mit uns. Gerade in Deutschland gibt es größere Pharmakonzerne, die jetzt schon auf uns zugehen. Ich glaube trotzdem, dass für die ganz Großen der Proof of Concept in den USA sehr wichtig ist. Im größten Markt der Welt zu zeigen, dass es bei den Patienten wirkt, ist schon nochmal ein Meilenstein.

ADHOC: Aber in einer Welt, in der neue Antikörper auf den Markt kommen und andere hochpreisige Therapien: Hat so ein Phytopharmakon da noch seine Berechtigung?
FISCHER: Ich weiß gar nicht, ob die Konzerne das als Phytopharmakon sehen würden oder eher als Therapie für chronische Schmerzpatienten, als Ersatz von Opioiden. Und wenn Sie sich den Bedarf von der Patientenseite, aber auch natürlich dem finanziellen Spielraum anschauen, dann ist das schon erheblich. Und das interessiert Big Pharma dann schon deutlich.

ADHOC: Sie beherrschen die Klaviatur des OTC-Marketings aus dem Effeff. Das ist aber hier ein komplett neues Geschäft.
FISCHER: Das ist ein komplett neues Geschäft für uns, speziell in Deutschland. Hier dürfen Sie ja für verschreibungspflichtige Arzneimittel keine Werbung machen. Ich denke aber, dass wir Stück für Stück auch in diesem Bereich neue Marketingmethoden einführen sollten. Wir sehen ja schon, dass die Anzahl der Besuche beim Arzt immer geringer wird. Wir sehen ja längst einen Shift.

ADHOC: Was ist das größte Risiko bei Ihrem Produkt?
FISCHER: Das größte Risiko für Deutschland ist natürlich, dass wir nicht den Preis erzielen können, den wir brauchen, um wirtschaftlich mit diesem Produkt arbeiten zu können. Und das zweite ist, dass wir es nicht schaffen, die Ärzte zu überzeugen. Aber schauen Sie: Der Rezepturbereich ist schon mehr als 200 Millionen Euro schwer. Daher glaube ich schon, dass die Ärzte heute schon wissen, was für eine Wirkung solche Arzneimittel haben können. Auch wenn viele, und das kann ich verstehen angesichts einiger unseriöser Anbieter, heute noch an der Seitenlinie stehen.

ADHOC: War es ein Traum von Ihnen, ein eigenes Rx-Medikament auf den Markt zu bringen?
FISCHER: Das ist natürlich mein ultimativer Traum gewesen. Ich habe einmal mit Thomas Strüngmann gesprochen. Und er hatte als Gründer von Hexal ja auch viele Generika. Aber er meinte, sein größter Traum sei es, ein innovatives Arzneimittel zu entwickeln. Und das ist ihm dann ja auch gelungen mit Biontech. Und umso mehr freut es mich, dass es uns als Unternehmen aus Deutschland gelungen ist, für chronische Schmerzpatienten eine komplett neue Alternative zu entwickeln.

Wenn die Leute Passion haben, Tag und Nacht lesen und arbeiten, dann geht das. Und das ist meine Message an alle, ob Apothekerinnen, Apotheker, PTA, Ärzte: Wenn ihr einen Traum habt, dann macht das. Und dann könnt ihr das genauso gut wie die ganz Großen, wenn nicht besser.

ADHOC: Woher nehmen Sie Ihre Ideen?
FISCHER: Ich lese unglaublich viel. Rauf und runter, im Urlaub noch schlimmer. Und dann fange ich an, mich in ein Thema einzuarbeiten. Und dann rechne ich es durch und entscheide, das machen wir jetzt. Ein aktuelles Beispiel sind Brain Computer Interfaces (BCI). Das wird die Welt komplett verändern, aber die Möglichkeiten sehen die Menschen heute nicht. Das kriegt gerade meine volle Aufmerksamkeit.

ADHOC: Was ist das?
FISCHER: Ich gebe Ihnen ein paar Beispiele. Wenn Sie zum Beispiel ein Patient mit Schlaganfall sind und nicht mehr sprechen können, dann können wir Ihre Gedanken mittlerweile über einen Chip zu 99,8 Prozent akkurat auslesen. Mit neuronalen Netzwerken funktioniert das gigantisch gut. Das heißt, wir können Stummen wieder eine Sprache geben. Wir können Blinde wieder sehen lassen und Gelähmte wieder gehen lassen. Ich weiß, das hört sich jetzt sehr futuristisch an, aber das ist schon Realität.

ADHOC: Was ist denn Ihre Vision? Was treibt Sie an?
FISCHER: Ein großes Ziel, das ich intern ausgegeben habe: Mit dieser Firma schlagen wir Elon Musk. Ich glaube, wir können das auch. Bis jetzt habe ich alles erreicht, was ich wollte. Vielleicht dieses Mal nicht, aber ich gebe nicht auf. Und ich glaube, ich möchte die Menschheit damit in eine neue Ära führen.

ADHOC: Sind Sie eher Visionär, Unternehmer oder Mediziner?
FISCHER: Ich bin ein Unternehmer mit ganz viel Herzblut. Ich glaube, das merkt man schon. Ich habe Medizin geliebt. Was ich nicht geliebt habe, waren Kliniken und die hierarchischen Strukturen. Insofern sehe ich mich schon auch als Visionär. Aber einer, der die Visionen auch umsetzt. Es gibt ja viele Visionäre, die erzählen immer große Geschichten und dann kommt nichts.

Nehmen Sie Cannabis: Jeder hat gesagt: Was für ein Scheiß. Das klappt nicht, lasst mal gut sein. In der Entwicklungszeit hat es niemanden interessiert, weil jeder gesagt hat, das sind Spinner. Aber wir haben es gezeigt: Es klappt.

ADHOC: Also dieses Jahr, nächstes Jahr vielleicht die Chips?
FISCHER: Zur Marktreife traue ich mir keine Prognose zu. Aber wir wollen jetzt in den nächsten Monaten allein fünf Patienten implantieren. Da sind wir schon in den finalen Vorbereitungen.

ADHOC: Wie überzeugen Sie sich selbst?
FISCHER: Ich habe einmal Feedback bekommen von meinem Geschäftsführer bei Vertanical. Der sagte, ein Arzt, den er sehr schätze, sei auf ihn zugekommen und habe gemeint, die Vision unserer Firma, eine Welt ohne chronische Schmerzen zu schaffen, gehe zu weit. Das ist so typisch Deutsch. Warum nicht die großen Ziele? Natürlich können wir eine Welt ohne chronische Schmerzen haben. Nur weil du dir das heute nicht vorstellen kannst, heißt es doch nicht, dass es das nicht geben wird. Und ich glaube, mit den BCI kann man vielleicht den Schmerz komplett im Gehirn zentral abstellen. Ja, nicht heute und vielleicht nicht morgen. Aber wir schaffen das.

ADHOC: Also immer nach vorne?
FISCHER: Viele Kollegen aus der Medizin denken eher negativ und nur in kleinen Schritten. Aber nein, so wie der eine gerade die Rakete landet, so müssen wir den Schmerz zu 100 Prozent abstellen und uns nicht länger ausruhen auf der multimodalen Schmerztherapie. Natürlich verstehe ich, dass das heute das zentrale Thema ist. Aber wir müssen schon im Kopf haben, dass wir uns damit nicht zufriedengeben.

ADHOC: Als Sie mit Yokebe & Co. gestartet sind, wussten Sie noch nicht, wohin Ihr Weg Sie führen würde?
FISCHER: Überhaupt nicht. Aber mein Anspruch war derselbe. Ich war bei Novartis und habe mich mit dem Vorstandschef Thomas Ebeling wirklich gut verstanden. Aber was ich gesehen habe, war, dass auch dort die Leute nur darüber reden, was nicht funktionieren könnte. Ich bin gegangen, weil ich als Unternehmer etwas schaffen wollte – und nicht vier Stunden in Meetings sitzen, wo irgendwelche Menschen aus Risikoaversion sagen, das geht nicht und das machen sie dann nicht. Ich will niemanden überzeugen, sondern ich will machen. Und dann bin ich rausgegangen und habe mir natürlich erst einmal viele Ohrfeigen abgeholt, weil alles erst mal gar nicht funktioniert hat. Aber ich bin sehr froh, dass ich diesen Weg gegangen bin. Auch wenn man das Licht am Ende des Tunnels nicht sieht. Aber wenn man weiß, es ist die richtige Richtung, dann muss man einfach draufzugehen.

ADHOC: Was ist denn am Ende des Tunnels? Wann ist Schluss?
FISCHER: Schluss ist, wenn man mit dem Sarg aus der Firma getragen wird. Im Ernst: Ich glaube, ich gehe wirklich bis zum letzten Tag zur Arbeit. Ich verstehe auch heute viele Menschen nicht, denen es nur darum geht, sich selbst zu optimieren oder um sechs Uhr zum Essen zu gehen. Das muss doch langweilig werden.

Wir haben doch ein Riesenglück in Deutschland: Wir haben eine tolle Ausbildung, ein tolles Gesundheitssystem, ein tolles Sozialsystem, vielleicht zu toll. Und daraus mache ich dann nichts? Das ist echt immer schwierig für mich zu akzeptieren. Ich finde, wir haben so viel geschenkt gekriegt vom lieben Gott oder von wem auch immer. Dann sollten wir das doch auch bitte nutzen. Ich fände es genial, auf dem Sterbebett sagen zu können, dass ich so vielen Menschen ein neues oder ein besseres Leben geschenkt habe.

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