„Es ist sehr viel los im Moment in der Gesundheitspolitik, angefangen natürlich bei der Finanzreform der GKV, der Pflegereform, der Notfallreform, die diese Woche schon im Kabinett sein wird, oder auch der Primärversorgung“, erklärte Gesundheitsministerin Nina Warken (CDU) heute auf der Digitalkonferenz DMEA. Aber mit Blick auf den demografischen Wandel und gleichzeitig auch die technische Entwicklung werde ganz schnell klar, dass vieles von dem, was man aktuell diskutiere, sich mittelfristig nur dann lösen lasse, wenn man entschieden in Digitalisierung und in Innovation investiere.
„Die konkreten Herausforderungen für die nächsten Jahre sind bekannt – und sind auch schon lange bekannt: eine alternde Gesellschaft, die einen stetig steigenden Versorgungsbedarf bedingt und das gleichzeitig bei zunehmendem Fachkräftemangel. Daher ist die entscheidende Frage schon lange nicht mehr, ob wir digitalisieren, sondern wie entschlossen und wie klug wir es tun“, so Warken.
Die Zukunft des Gesundheitswesens hänge davon ab, wie entschlossen Innovationen in die Praxis umgesetzt werden können. „Wir brauchen insgesamt mehr positive und direkte Erfahrungen vom konkreten Nutzen von Gesundheits-IT-Lösungen.“
Politisch habe man sich in dieser Legislatur vorgenommen, die Lücke zu schließen zwischen dem, was die Digitalisierung heute schon könne, und dem, was tatsächlich genutzt werde. „Unser gemeinsames Ziel im Gesundheitssystem muss sein, dass digitale Lösungen und Möglichkeiten stärker in der Realität der Versorgung ankommen“, betonte Warken. Dieser Gedanke sei auch eine Leitidee der Weiterentwicklung der Digitalisierungsstrategie.
Doch auch die besten Ideen nutzten nichts, wenn sie nicht genutzt würden; Digitalisierung müsse eine echte Unterstützung in der Versorgung sein. Voraussetzung sei die Akzeptanz in der Bevölkerung; Basis seien Vertrauen und Transparenz. Deshalb müssten die digitalen Anwendungen so gestaltet sein, dass sie den Arbeitsalltag für Leistungserbringer, Kassen und Patienten erleichtern. Dazu müssten sie intuitiv nutzbar sein, sich nahtlos in bestehende Prozesse integrieren und einen klar erkennbaren Mehrwert haben. „Also in Kurzform ausgedrückt: Nicht die beste Technologie oder digitale Anwendung setzt sich durch, sondern die, die angenommen wird.“
Die elektronische Patientenakte (ePA) sei seit Anfang 2025 für beinahe jeden GKV-Versicherten verfügbar – dies betreffe über 70 Millionen Patientenakten. Bereits heute würden die Medikationslisten millionenfach genutzt. „Die ePA wirkt also bereits und sie erleichtert die Arbeit von Ärztinnen und Ärzten“, so Warken. „Grundsätzlich muss aber unser gemeinsames Ziel sein, mehr Versicherte von der aktiven Nutzung der ePA zu überzeugen. Und da ist, glaube ich, auch noch Luft nach oben.“
Das Ident-Verfahren sei bisher aufwendig und kompliziert. Wer beim ersten Eindruck aufgebe, den gewinne man nur schwer zurück. Die Krankenkassen hätten bereits begonnen, ein aktualisiertes Videoident-Verfahren anzubieten. Eine weitere Vereinfachung werde die Nutzung der EUDI-Wallet bringen. Diese App für digitale Identitäten soll bereits ab Anfang 2027 den Bürgerinnen und Bürgern zur Verfügung stehen. „Und wenn es nach uns geht, auch mit der Gesundheits-ID.“ In der ePA lägen alle Angaben gebündelt vor, so ließen sich Ressourcen schonen. Eine Volltextsuche solle bis Ende des Jahres kommen, kündigte Warken an.
Ab Ende dieses Jahres werde man auch im Forschungsdatenzentrum ePA-Daten zur Verfügung stellen. Auch Krankenkassen sollten die ePA nutzen können, um maßgeschneiderte Präventionsleistungen an die Versicherten zu vermitteln, beispielsweise durch Erinnerungen. Auch bei der Primärversorgung solle die ePA eine Rolle einnehmen. Mittels einer standardisierten digitalen Ersteinschätzung solle die ePA-App die Patienten gezielt beim Einstieg und der Behandlung begleiten. Dennoch sollten Versicherte auch weiterhin persönlich den Arzt besuchen oder anrufen können.
Um die Anwendungen von Künstlicher Intelligenz (KI) im Gesundheitssystem zu erleichtern, wolle man Reallabore einrichten, erklärte Warken. In diesen sollen regulatorische Hilfestellungen für Start-ups und kleine und mittelständische Unternehmen angeboten werden. „So schaffen wir Rechtssicherheit und Innovation made in Germany“, so Warken.
Diese und weitere Maßnahmen wolle man zeitnah umsetzen; sie seien im Gesetz für Daten und digitale Innovation im Gesundheitswesen (GeDIG) vorgesehen. „Ich plane den GeDIG-Entwurf als ein umfassendes Digitalisierungsgesetz für das Gesundheitswesen aufzusetzen“, kündigt die Ministerin an.
Zwei übergeordnete Ziele stünden im Fokus: zum einen den Mehrwert der Digitalisierung hervorzuheben und zum anderen die Nutzung der Gesundheitsdaten für die Forschung zu stärken. Die regierungsinterne Abstimmung sei noch im Gange, so Warken. Dennoch wolle sie bereits zwei Punkte skizzieren: Zum einen sei das Ziel, einen störungsfreien und sicheren Betrieb der Telematikinfrastruktur (TI) zu ermöglichen. Dazu sollten der Gematik künftig mehr Instrumente an die Hand gegeben werden; außerdem solle die Komplexität abgebaut werden, um mehr Stabilität ins System zu bringen. Digitale Kommunikationswege müssten nutzerfreundlicher gestaltet und die Interoperabilität der Systeme sichergestellt werden. Dazu gehöre auch, die Funktionalität der Systeme der Leistungserbringer zu fördern.
Bei der Datennutzung sei der Europäische Gesundheitsdatenraum zudem ein wichtiges Thema. Mit dem Gesetz wolle Warken den Grundstein legen, um europäische Anforderungen zu erfüllen und die Infrastruktur vorzubereiten. So ließen sich mit vorhandenen Daten neue Arzneimittel und Therapien entwickeln, was den Standort stärke.
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