Vor dem Ende der Bürgertests

Test-Apotheker schlagen Alarm: Positivrate reißt nach oben

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Berlin -

Zum Ende dieses Monats laufen die kostenlosen Bürgertests aus. Zwar warnt Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach selbst vor einer schwierigen Lage spätestens im Herbst, doch die Testzentren warten auf eine Entscheidung, ob und wie es ab 1. Juli weitergeht. Unterdessen explodieren die Positivraten, Apotheker und Wissenschaftler schlagen Alarm.

Während vor einem Jahr für fast alle Aktivitäten ein negativer Coronatest vorgezeigt werden musste, sind die Testpflichten mittlerweile weitestgehend gefallen. Laut Robert-Koch-Institut (RKI) besteht das Problem einer hohen Dunkelziffer: Denn der Bundesbehörde werden nur positive PCR-Testungen gemeldet. Positiv auf das Sars-Cov-2 angeschlagene Schnelltests werden hingegen nicht registriert.

Apotheker mit Testzentren beobachten eine rasant steigende Quote der positiven Testergebnisse. „Am Montag haben wir zweieinhalb Stunden Testbetrieb gehabt. Auf 104 Schnelltests hatten wir 41 positive Schnelltests“, berichtet Uwe Hansmann, Inhaber der Alten Apotheke im niedersächsischen Lilienthal. Ähnliche Erfahrungen macht Klaus Mellis aus Krefeld: In seinem Testzentrum ist derzeit jeder vierte Test positiv; am vergangenen Samstag seien es sogar 14 von 32 durchgeführten Bürgertests gewesen.

Ähnliche Beobachtungen macht man auch bei No-Q. Alleine in Nordrhein-Westfalen nutzt jede zweite Apotheke, die Bürgertests anbietet, die Terminbuchungssoftware des Unternehmens. Man sehe aktuell Positivraten von 14 Prozent. Das sei der höchste Wert seit der Spitze der BA.1-Welle. Seit Mai steigt die Kurve an, seit Juli geht es steil nach oben. Und es sind vor allem jüngere Menschen, die detektiert werden: In den Altersgruppen bis 49 Jahre liegt die Quote bei 16 Prozent, darüber hinaus sinkt der Anteil auf 9 Prozent und weniger bei den über 70-Jährigen.

Hansmann beobachtet eine ähnliche Altersverteilung. Bei ihm sind es aber auch Festivals wie Wacken Open Air und Hurricane, die in der Region stattfinden, sowie zahlreiche regional typische Veranstaltungen wie Schützenfeste, die aus seiner Sicht für eine große Nachfrage nach Bürgertests sorgen.

Ein Problem aus seiner Sicht: Einige Menschen mit positivem Ergebnis verzichten auf einen PCR-Test: So habe er am Montag bei den 41 positiven Tests nur 39 PCR-Testungen veranlasst. Auch ältere Menschen verzichten auf den amtlichen Nachweis: „Ein Rentner sagte zu mir, dass er keinen genaueren Test brauche und er einfach nach Hause fahren würde.“ Somit laufen einige positive Tests nicht in die offiziellen Statistiken ein.

Professor Dr. Thorsten Lehr von der Universität des Saarlands analysiert seit Beginn der Pandemie das Infektionsgeschehen und gibt wissenschaftliche Prognosen ab, die auch von der Bundesregierung genutzt werden. Auch er hat die aktuellen Zahlen genau im Blick. „Die Positivraten sind echt hoch“, sagt er, auch wenn er aus dem Saarland deutlich niedrigere Werte kennt. Nur in einem Testzentrum sei die Quote bei 8 Prozent. „Nichtsdestotrotz sind das alles keine guten Zeichen. Die hohen (und steigenden) Positivraten deuten auf eine signifikante Dunkelziffer und ein immenses Infektionsgeschehen hin.“ Das wird sich aus seiner Sicht in dieser und den kommenden Wochen in massiv steigenden Infektionszahlen niederschlagen. „Bürgertests in einer solchen Situation abzuschaffen wäre ein irrsinniger Brandbeschleuniger und zur Kosteneinsparung absolut unverständlich.“

Steigende Kosten und Unsicherheit

Hansmann kritisiert, dass immer noch unklar ist, wie es ab 1. Juli weitergeht. Er muss als Betreiber auch die wirtschaftlichen Aspekte im Blick behalten. Mit einem Stundenlohn von rund zwölf Euro ließen sich nicht mehr genügend motivierte Mitarbeiter finden, sagt er. Daher zahlt er fast 16 Euro in der Stunde für seine Mitarbeiter in der Teststelle und ergänzt: „Das ist eine anstrengende Arbeit, auch wenn das erstmal nicht so aussieht. Die Mitarbeiter müssen gewissenhaft sein und sich immer wieder auf andere Charaktere einstellen.“ Hansmann weiter: „Wenn die kostenlosen Bürgertests wegfallen, wird es vermutlich weniger Leute geben, die überhaupt einen Test machen. Das kann sich dann ja im Zweifel auch nicht mehr jeder leisten.“

Mellis sieht die Sache mit gemischten Gefühlen: Einerseits könnten sich die Apotheken mit Tests gegenüber der Konkurrenz aus dem Netz positionieren: „Energiepreise sind vor allem ein Problem der Versandapotheken. Unsere Stärke ist es vor Ort zu sein und vielleicht ist ja die ‚Customers-Journey‘ bald wieder der Fußweg zur Vor-Ort-Apotheke.“ Andererseits könnten sich die Apotheken nach dem Ende der kostenfreien Bürgertests wieder auf die eigentliche Aufgabe fokussieren: „Das Einstellen der Tests würde das normale Arbeiten in der Apotheke wieder einfacher machen, weil die Doppelbelastung, die das Testzentrum mitbringt, wegfallen würde.“

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