Wie Homeoffice den Apothekenmarkt verändert | APOTHEKE ADHOC
Steuerberater Bellinger analysiert

Wie Homeoffice den Apothekenmarkt verändert

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Berlin -

Je nach Standort könnte die Corona-Krise mittelfristig drastische Auswirkungen auf das Geschäft der Apotheken haben. Zu diesem Schluss kommt Steuerberater Dr. Bernhard Bellinger in einer Analyse des aktuellen Marktgeschehens. Unabhängig von einer drohenden gesamtwirtschaftlichen Rezession dürfte nach seiner Einschätzung der Trend zum Homeoffice in vielen Unternehmen erhebliche Umsatzverschiebungen nach sich ziehen.

Bellinger betreibt als Rechtsanwalt und Steuerberater seine Kanzlei in Düsseldorf weiß aus eigener Erfahrung, dass das Verkehrsaufkommen in den Innenstädten zwar wieder steigt, aber trotzdem deutlich hinter dem zurückbleibt, was vor der Coronakrise üblich war. „Der Hintergrund ist, dass wir eine Verlagerung von Arbeitsplätzen aus innerstädtischen Büroräumen hin in Wohnraum, auch und gerade in Peripherien von Innenstädten erleben“, so Bellinger.

Die Mehrzahl der Arbeitgeber habe in der Vergangenheit einem Homeoffice-Arbeitsplatz misstraut. Die Erfahrung habe aber inzwischen gezeigt, dass Homeoffice tatsächlich gut funktioniert. „Und das hat die Widerstände der Arbeitgeber gegen die Verlagerung von vornehmlich digitalen Arbeitsplätzen aus Betriebsflächen heraus massiv gefördert“, so Bellinger. Bei den Angestellten sei Homeoffice schon wegen der wegfallenden An- und Abreise beliebt. „Deshalb haben diese Arbeitnehmer ein persönliches Interesse daran, ihrem Arbeitgeber zu zeigen, dass Homeoffice funktioniert“, so Bellinger.

Laut einer Forsa-Umfrage schätzen Arbeitnehmer nicht nur den Wegfall der Arbeitswege und die bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Eine Mehrheit (56 Prozent) gab sogar an, im Homeoffice produktiver arbeiten zu können. Zwar treten mit der Zeit auch die Schattenseiten – kein persönlicher Kontakt zu den Kollegen, erschwertes Einarbeiten neuer Mitarbeiter – deutlicher in den Vordergrund, trotzdem planen viele Unternehmen, auch nach der Corona-Krise vermehrt auf Homeoffice zu setzen.

Das wird Bellinger zufolge in Großstädten spürbar sein, wo sich die überwiegende Anzahl der Büroflächen in Obergeschossen befindet. In klassischen Einkaufsstraßen seien im Erdgeschoss Ladenlokale und darüber Büros, bei nur in einem kleineren Anteil Wohnflächen. „Ich weiß aus meinen Kontakten zu Vermietern von Büroimmobilien, dass seit dem Höhepunkt der Coronakrise und dem Einsetzen der Verlagerung von Arbeitsplätzen ins Homeoffice Großflächenmieter keine Optionen mehr bedenkenlos ziehen“, berichtet der Steuerberater. In Verhandlungen gehe es dabei immer öfter um eine Verringerung der Mietfläche.

Bellinger erwartet jetzt folgende Bewegung: „Wenn man davon ausgeht, dass Büroflächen im Mittel für fünf Jahre angemietet werden mit Verlängerungs-Optionen, müsste im statistischen Mittel rund die Hälfte dieser Großflächen noch eine Restlaufzeit von 2,5 Jahren haben, wobei die Optionsausübungsfristen regelmäßig ein Jahr vorher auslaufen. Entsprechend werden in rund 1,5 Jahren große, schon kurzfristig teilweise leerstehende Mietflächen zur Disposition kommen.“ Aufgrund eines dann entstehenden Überangebots an Großraumfläche erwartet der Steuerberater eine Parzellierung. Und in etwa fünf Jahren würden durch die Arbeitsplatzverlagerung aus Büroräumen ins Homeoffice zwischen 20 und 30 Prozent der Büroarbeitsplätze in Innenstädten endgültig weggefallen sein.

Um einem Leerstand zu entgehen, könnten die Vermieter die Büroflächen zu Wohnraum umwidmen, was in Innenräumen der Großstädte regelmäßig unproblematisch sei, so Bellingers Überlegung. Gleichzeitig steige nämlich der Flächenbedarf in der Privatwohnung, „weil Homeoffice auf dem Küchentisch nicht attraktiv ist“, so Bellinger.

Und welche Bedeutung hat das für die Apotheken? „Der Umsatz von Apotheken in durchschnittlichen Wohngebieten wird steigen, weil die wohnortnahen Anwesenheitszeiten der Einwohner größer werden. Für Apotheken in Ärztehäusern sehe ich keine signifikante Änderung, da klassisch statistisch rund 60 Prozent der Rezepte in der Apotheke eingelöst werden, die der Patient als erste sieht, wenn er die Arztpraxis verlässt.“

Mehr Bewegung könnte es nach Einschätzung des Steuerberaters in den Innenstädten geben: „Apotheken auf Einkaufsstraßen mit massiver Büroflächenbelegung in den Obergeschossen werden es in einer Übergangszeit wegen fallender Frequenzen schwieriger haben. Wenn sich allerdings die Bevölkerung die Innenstädte zurückerobert hat, werden die Frequenzen wahrscheinlich zum Status quo ante zurückkehren.“ Das werde allerdings voraussichtlich rund fünf Jahre dauern, erwartet Bellinger.

 

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