Medikamente sollen künftig nur noch einen digitalen Beipackzettel enthalten. Dass damit nicht jeder Kunde klarkommt, ist Apothekenteams nicht erst seit der Corona-Pandemie klar. Häufiger Satz: „Können Sie mir mein Impfzertifikat da auf's Handy machen?“ Aber, gar kein Problem: Zum Glück werden Beipackzettel analog in einem extra dafür geschaffenen Amt katalogisiert und der Bote hat auch noch Kapazitäten.
Frau Kochschmidt hatte gestern wie immer ihr Metoprolol in ihrer Stammapotheke gekauft. Doch als sie am Samstagmorgen mit der Packung in der Hand an den HV tritt, ahnt Inhaber Dr. Wolf-Peter Grubenbiegel nichts Gutes.
Kochschmidt fixiert den Inhaber mit einem Blick, der sonst nur bei Testamentseröffnungen zum Einsatz kommt. „Wo“, fragte sie mit Grabesstimme, „ist mein Beipackzettel? Mein Enkel weigert sich, diesen Pixel-Salat auf der Schachtel zu scannen. Er sagt, er sei kein Daten-Sklave der Pharmaindustrie.“
Grubenbiegel, der Jahre lang unter Tränen in einer Studierendenkascheme hausend Pharmazie studiert hat, um nun als Blitzableiter für die Berliner Digital-Träume zu fungieren, lächelte sein professionellstes „Kunde-ist-König“-Lächeln.
„Aber Frau Kochschmidt, das ist gar kein Problem. Das Ministerium hat das Papier zwar gestrichen, aber wir kümmern uns. Unser Bote bringt Ihnen das Dokument heute Nachmittag direkt an die Haustür.“ Kochschmidt stimmt grummelnd zu, „Aber vor 16 Uhr, dann muss ich zum Kegeln.“
Manfred Koschinsky ist 66 Jahre alt. Nachdem er vierzig Jahre lang als Oberstudienrat für Mathematik und Physik Generationen von Schüler:innen mit dem zweiten Satz der Thermodynamik, binomischen Formeln und „irgendwas mit Newton“ gequält hat, wollte er sich in der Rente eigentlich nur noch ein paar Taler dazuverdienen und ein bisschen unter Leute kommen.
Jetzt steht er vor einem grauen Betonklotz mit der Aufschrift: Zentrale Ausgabestelle für analoge Patienteninformation (ZAPI). „Wollen Sie eine ausgedruckte Packungsbeilage oder den Ausdruck einer Packungsbeilage?“, bellt ihn der Mann am Empfang an, der hinter einer Plexiglasscheibe thront, die dicker ist als Manfreds Hornbrille. „Oder geht es um die Kopie einer Packungsbeilage? Sie müssen schon sagen, was Sie wollen!“
Koschinsky runzelt die Stirn. „Ich... ich brauche die Packungsbeilage für dieses Metoprolol hier“, stammelt er, den Umkarton hinhaltend und irritiert darüber, ob das nicht alles exakt dieselbe Sache sei. „Da sind Sie hier falsch. Packungsbeilagen gibt es meines Wissens nach dort, wo es Medikamente gibt. Aber versuchen Sie es doch mal an Schalter Nr. 1 im ersten Geschoss in Gang B an der letzten Tür auf der linken Seite. Da befindet sich der analoge Katalog für Packungsbeilagen von L bis N.“
Dort angekommen muss Koschinsky feststellen, dass es keine einzige Tür auf der linken Seite gibt. Er nimmt also die nächstbeste, um nachzufragen. Drinnen sitzt jemand und sortiert Freiumschläge nach dem Alphabet der Absenderstädte. Die noch baumelnde Hängematte rechts neben der Tür verrät die offensichtliche Dringlichkeit seines Projektes. „Was fällt Ihnen ein, hier ohne Termin reinzuplatzen?“, herrscht die Gestalt ihn an, ohne den Blick vom Umschlag „Bielefeld“ zu lösen. „Ich suche Schalter Nr. 1...“ – „Wo welcher Schalter ist, entnehmen Sie bitte dem digitalen Infopoint im sechsten Stock. Der ist allerdings wegen eines Server-Umzugs der Telekom seit 2022 außer Betrieb.“ Mit verstohlenem Blick auf die Hängematte heißt es: „Und jetzt raus, ich habe hier zu tun!“
Der Bote irrt weiter und hievt seinen in die Jahre gekommenen, beamtlich geschundenen Körper hoffnungsvol in den sechsten Stock. Der tatsächlich schon eingestaubte Infopoint verweist bei jedweden Rückfragen an Schalter 2 auf Ebene 3 in Korridor 2b im Nordflügel des Gebäudes.
Dort diskutieren zwei Sachbearbeiterinnen lautstark, ob Hafermilch in der Kaffeeküche eine Provokation des Personalrats darstellt – und ob man das Zeug überhaupt als Milch betiteln darf. Manfred klopft gegen die Scheibe.
„Haben Sie denn überhaupt ein Besucherformular 4-B?“, fragt die eine Dame pikiert. „Da kann ja jeder kommen und nach einer Packungsbeilage für ein rezeptpflichtiges Arzneimittel fragen! Machen Sie sich mal einen Begriff! Wir sind hier eine Behörde, keine Kopieranstalt! Wir haben eine Ausbildung UND Amtsbefähigung!“
An Auseinandersetzungen im Schulsekretariat erinnert wird Koschinsky ein paar Zentimeter kleiner. „Und wo bekomme ich ein solches Besucherformular?“, fragt er. „Na, am Empfang“, entgegnet eine der beiden. „Soll ich Ihnen auch noch erklären, wie man sich die Schuhe zubindet?“
Dort angekommen macht der nette Pförtner gerade Brotzeit. „Sie sind ja schon wieder da“, schimpft er in seine Wurststulle hinein. „Ich benötige das Besucherformular 4-B“, keucht Koschinsky. „Ja, da habe ich mich ja gleich gewundert, dass Sie das vorhin nicht wollten – hier.“
Samt Formular hievt sich der Bote erneut durchs Treppenhaus, als sein Telefon klingelt. „Manfred, es ist 15.30 Uhr durch“, ätzt Grubenbiegel am anderen Ende entnervt. „Die Kochschmidt hat schon dreimal angerufen, wo ist denn jetzt die Packungsbeilage?“
Koschinsky will gerade antworten, da sieht er auf einer Zwischenebene einen herrenlosen wie klobigen Farb-Laser-Multifunktionsdrucker stehen. Schnell legt auf, zerknüllt noch im Gehen das Formular, zieht die leere Metoprololumverpackung aus seiner Weste und tut das Undenkbare: Er scannt den QR-Code selbst und schickt das Dokument über das passwortungeschützte Netzwerk der Behörde an den Drucker.
Als das Gerät lautstark zu drucken beginnt, meint er den Applaus und die ungläubigen Jubelrufe seines letzten Abiturjahrgangs in der Ferne hören zu können. Kurz vor 16 Uhr trifft er bei Frau Kochschmidt ein und überreicht ihr das Papier. „Wurde auch Zeit“, poltert die, „auf dem Handy kann die kleine Schrift ja kein Mensch lesen!“
Tatsächlich soll für Medikamente in Zukunft nur noch ein digitaler Beipackzettel zur Verfügung stehen. Gesundheitsministerin Nina Warken (CDU) kündigte in dieser Woche an, die Vorgabe aus dem EU-Pharmapaket in deutsches Recht umzusetzen.
Am 23. März sollen Apotheken bundesweit geschlossen bleiben – um auf ihre Forderungen und die dramatische Lage aufmerksam zu machen. Allerdings stellt sich die Landesapothekerkammer Baden-Württemberg quer – und verbietet ihren Mitgliedern die Schließung der Betriebe am Protesttag. Stattdessen verweist die Kammer auf „alternative Protestmöglichkeiten“ wie das Aufhängen von Postern und das Auslegen von Flyern. Auch die Apothekerkammer Berlin verweist darauf, dass die teilnehmenden Apotheken, die schließen wollen, von der Behörde „sehr wahrscheinlich“ keine Genehmigung erhalten.
Außerdem in dieser Woche: Gelonida (Paracetamol/Codein) wird in allen Chargen auf Apotheken- und Großhandelsebene zurückgerufen. Hersteller Pfizer verzichtet auf die Zulassung für das Schmerzmittel.
In diesem Sinne: Ein schönes Wochenende!
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