Ehemalige Apotheke gekapert

„Naturapotheke“ – Ärger für Guru Franz

, Uhr
Berlin -

In Kevelaer am Niederrhein gab es vermutlich schon seit 1820 eine Apotheke in der Hauptstraße 29. Doch im März 2013 schloss die traditionsreiche Marien-Apotheke. Erst nach längerem Leerstand eröffnete hier im Sommer 2017 ein Süßwarenladen namens „Chuches“ – hielt sich aber nicht lange. Doch dann gab es plötzlich wieder eine Apotheke – eine „Naturapotheke“ sogar. Weil es in dem Laden von „Guru“ Robert Franz aber nur Nahrungsergänzungsmittel gibt, musste der Naturheiler mal wieder vor Gericht. Da war er erst unlängst wegen seiner Weihnachtsmann-Kapseln.

Robert Franz ist überzeugt, dass es das Ziel „der Pharma“ ist, „nicht die Menschen zu heilen, sondern sie lange durch Symptombehandlungen krank zu halten“. Und dass die Hälfte der durchgeführten Operationen überflüssig ist. Franz hat sich dem Kampf gegen die Pharmaindustrie verschrieben und ist gleichzeitig ein ziemlich umtriebiger Geschäftsmann mit seinen eigenen Produkten. In seinem Onlineshop bietet er 75 verschiedene Produkte an, in der Mehrzahl Nahrungsergänzungsmittel. Oft sind Tierfotos auf der Verpackung, auch mal Franz im Steinzeitmensch-Look, mit seinen lila gefärbten Haare, von Hunden umgeben.

Franz wurde schon wegen Verstößen gegen das Heilmittelwerbegesetz belangt. Die Ärztekammer in Österreich hat Strafanzeige wegen Kurpfuscherei gegen ihn gestellt. Auch die Apothekerkammer Steiermark ist gegen den Geschäftsmann vorgegangen. Und Psiram, ein Netzwerk für Verbraucherschutz, das sich mit Scharlatanen und Verschwörungstheoretikern befasst, widmet dem gelernten KFZ-Schlosser einen eigenen Eintrag. Ein Bilderbuch-Scharlatan.

Neben dem Onlineshop gibt es Läden in Berlin, Hamburg, München, Willich und seit etwa einem Jahr eben auch in Kevelaer in den ehemaligen Geschäftsräumen der Marien-Apotheke. Hier wurde sich nicht die Mühe gemacht, das rote Apotheken-A oder den Schriftzug „Marien-Apotheke“ über dem Eingang zu entfernen, bei genauerem Hinsehen erkennt man ein einschränkendes „ehemalige“ über dem Namen.

Dafür, dass Franz Apotheker als „Giftmischer“ beschimpft und die Schulmedizin mit versuchtem Mord verbindet, scheint es erstaunlich wenig Berührungsängste mit der Traditionsmarke in Kevelaer zu geben.

Ein Problem mit der Bezeichnung „Naturapotheke“ hatte andererseits ein Wettbewerbsverband. In seinem Internetauftritt und auf einem Fahrradständer vor dem Ladenlokal in Kevelaer wurde diese Bezeichnung laut Gerichtsakten verwendet. Aus Sicht des Wettbewerbsverbands war das irreführend: Franz nutze einerseits die mit einer Apotheke verbundenen Seriosität, versuche sich mit dem Namenszusatz aber zugleich von anderen Apotheken abzuheben.

Franz hatte auf den eigentlichen Betreiber der „Naturapotheke“ in Kevelaer verwiesen. Für die Firmierung sei ausschließlich der jeweilige Kaufmann verantwortlich, nicht er als Geschäftsführer. Zudem sei die Bezeichnung auch nicht irreführend, weil ein aufmerksamer Verbraucher hier nicht von einem Apothekenbetrieb ausgehe. Die „ambivalente Wortschöpfung“ gehört demnach zu der Ironie, eine ehemalige Apotheke als Verkaufsraum für Naturheilmittel zu benutzen.

Das Gericht gab der Klage statt: Weil die Läden im Internet gemeinsam vermarktet und auch hier der Begriff „Naturapotheke“ verwendet werde, hat sich Franz aus Sicht des Gerichts den Begriff zu eigen gemacht. Und die Richter sind auch überzeugt, dass dies mit dem Ziel der Absatzförderung der angebotenen Nahrungsergänzungsmittel geschah. Der Name sei irreführend, gerade weil Franz Produkte für die Gesundheit vertreibt. Nur den Aufdruck auf dem Fahrradständer musste sich Franz nicht zurechnen lassen. Die Entscheidung ist nicht rechtskräftig.

Und der Guru mit den lila Haaren hat noch mehr Ärger: Auch die Wettbewerbszentrale geht gegen Franz vor. Sie greift mehrere Produkte aus seinem Shop an. Franz scheint dabei vor allem einen Trick für sich entdeckt zu haben: Er deklariert seine Produkte als Nahrungsergänzungsmittel für Tiere – aus Sicht der Wettbewerbszentrale ein schlechter Versuch, den Vorgaben der Health Claims Verordnung zu entgehen, die nur für Lebensmittel gilt.

Tatsächlich macht Franz aus dieser vermeintlichen Finte keinen Hehl: Denn wenn bei „Kollagen für Schwertfische“, „Vitamin B12 Kapseln für Faultiere“ oder „OPC Kapseln für Erdmännchen & Erdfrauchen“ noch Spielraum für Diskussionen bestehen könnte, ist dieser spätestens bei „Arthro Oleo Grape für Werwölfe“, „Rotwein-Traubenextrakt – für Jesus Christus“ oder „Urgesteinsmehl für Triceratops“ aufgebraucht. Fraglich, über wen sich Franz mit diesen Produkten lustig macht.

Den Humor der Wettbewerbszentrale hat er damit jedenfalls nicht getroffen. Die hat unter anderem „L-Arginin Kapseln für Weihnachtsmänner“ abgemahnt. Mit genau diesem Produkt hatte sich Ende Oktober schon das Verwaltungsgericht Würzburg befasst und den Vertrieb als „Scherzartikel“ nicht durchgehen lassen. Aufgrund dieses Beschlusses war Rechtsanwalt Dr. Tudor Vlah von der Wettbewerbszentrale erstaunt, dass das Mittel überhaupt noch angeboten wurde.

Im Rahmen seiner Testbestellung ist Vlah noch auf ein anderes Angebot des falschen Gurus aufmerksam geworden: Auf der Website lösung-corona.de wird nicht nur reißerisch auf den Zusammenhang zwischen Vitamin D3 und der Covid-19-Sterblichkeitsrate verwiesen. Franz bietet auch die Lösung an: Vitamin D3 Tropfen – natürlich nur „für Gürteltiere“.

 

Newsletter
Das Wichtigste des Tages direkt in Ihr Postfach. Kostenlos!

Hinweis zum Newsletter & Datenschutz

Neuere Artikel zum Thema
Mehr zum Thema
„Überragende marktübergreifende Bedeutung“
BGH bestätigt Extrakontrolle für Amazon
Mehr aus Ressort
Kasse kennt eigene Vertragspreise nicht
Weniger als EK: DAK feilscht mit Apotheker
Verwendung für Drogenkonsum
Spritzen/Nadeln: RKI fragt Apotheken

APOTHEKE ADHOC Debatte