Team läuft Extrawege

Kommissionierer defekt: Apotheke versorgt seit Wochen aus Kisten

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Berlin -

In der Königstor-Apotheke in Minden läuft die Versorgung im Notbetrieb. Das Team um Inhaber Günter Stange kann seit einem Monat nicht mehr mit dem Kommissionierautomaten arbeiten. Weder Ein- noch Auslagerungen funktionieren. Während die Anlage weiter streikt, laufen die Angestellten immense Extrawege, denn: Überall im Backoffice stapeln sich Kisten mit Arzneimitteln. Die Nerven liegen blank. „Wie hoch soll die Erschwerniszulage sein – 1000 oder 2000 Euro pro Mitarbeiter wären gerechtfertigt“, sagt Stange und kritisiert den Kundendienst des Automatenherstellers.

Der Kommissionierautomat von Stange ist defekt. Bereits im Herbst zeichnete sich ein Schaden ab, als das Gerät komische Geräusche von sich gab. Seit dem 15. Dezember läuft nichts mehr. Die wenigen Technikerbesuche konnten den Schaden bislang nicht fixen, ein versprochener Austausch eines kaputten Teils ist noch nicht passiert, auch wenn das Ersatzteil seit einigen Tagen in der Apotheke liegt.

Apotheker fühlt sich hilflos

Bei Stange und seinem Team liegen die Nerven blank. „Meine Mitarbeiter fragen mich, warum ich nichts mache“, sagt der Inhaber. Doch seit Wochen versucht er laut eigenem Bekunden immer wieder, Kontakt mit dem Hersteller KLS aufzunehmen – jedoch ohne Erfolg.

Foto: Arzneimittel in Großhandelswannen in einer Apotheke.
In den vielen Kisten sind die Arzneimittel alphabetisch eingeräumt, um etwas Ordnung ins Chaos zu bringen.Foto: Königstor-Apotheke Minden

Der Anbieter sei unzuverlässig, sagt der Apotheker sichtlich unzufrieden. Die Techniker, wenn denn welche kämen, täten ihr Bestes, aber es gebe Lücken bei der Wartung und beim Kundenservice. „Die Hilflosigkeit ist riesig. Man wird im Ungewissen gelassen und es gibt keine Kommunikation.“

In der Königstor-Apotheke herrscht auf den ersten Blick Chaos. Überall stapeln sich Kisten und liegen Wannen mit Arzneimitteln. Die Situation ist so extrem, dass die Angestellten ihren Frust über soziale Netzwerke öffentlich machen – auch, um die Kundschaft über die möglicherweise längeren Wartezeiten zu informieren: „Die Kisten stapeln sich wie beim Tetris-Weltrekord. Und wir? Wir laufen. Und laufen. Und laufen“, heißt es etwa bei Instagram.

Foto: In Wannen gelagerte Arzneimittel in einer Apotheke.
Die Kisten stehen überall und sorgen für lange Extrawege bei der Versorgung der Kundschaft.Foto: Königstor-Apotheke Minden

Team dankt Kundschaft

Stange kann sein Team nur loben. Sie reagierten hervorragend und stünden absolut hinter ihm und der Apotheke. Doch auch sie seien am Limit. „Not-Entnahmen, Extrawege und Teamwork deluxe gehören gerade zu unserem Alltag“, schreiben die Angestellten weiter. „Auch wenn wir langsam an unsere sportlichen Grenzen stoßen, behalten wir die gute Laune – zumindest nach außen. Die gute Nachricht: Die Lösung ist näher denn je. Die Hoffnung lebt. Wir auch. Mit Kaffee. Viel Kaffee. Danke für Ihre Geduld, Ihr Verständnis und Ihr Lächeln an der Kasse.“

Tatsächlich ist ein Ersatzteil in der Apotheke angekommen und wartet seit Tagen auf den Einbau. Doch wieder hört Stange nichts von KLS. Seit 2006 nutzt er in seinen vier Apotheken Automaten des Anbieters mit Sitz in Weiskirchen. Geschäftsführer Manfred Seibold sei nicht erreichbar, klagt der Apotheker. „Irgendwann bin ich mit meinem Latein am Ende. Ich habe kein Konzept mehr, was soll ich machen, die Apotheke schließen und dorthin fahren?“, fragt er sich. Sein einziger Wunsch: „Ich möchte, dass alles wieder funktioniert.“ Seibold hat sich auf Nachfrage nicht zu dem Fall geäußert.

Kritik an fehlender Kontrolle

Stange kritisiert, dass zwar die Apotheken, was etwa Mietverträge anbelangt, von den Behörden kontrolliert würden. Aber auch andere Vertragsvereinbarungen wie von Automaten- oder Softwareanbietern gehörten geprüft. „Hier gibt es keine Regelung in der Praxis, um zu gewährleisten, dass die Arzneimittelversorgung reibungslos funktioniert.“

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