Infomaterial auf ukrainisch

Köln: Apotheker impft ukrainische Geflüchtete

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Berlin -

Apotheker Gence Polat legt sich weiter ins Zeug: Seit Anfang Februar betreibt er neben seiner Kalker Apotheke in Köln seine „Impfbox“ und immunisiert um die 100 Menschen pro Woche. Mittlerweile ist rund jeder zehnte Impfpfling neu in Deutschland: Polat nutzt die Nähe zur lokalen Ausländerbehörde, um geflüchteten Ukrainer zu erreichen und ihnen die Möglichkeit zu bieten, sich schnell und unkompliziert gegen Corona zu impfen. Dafür hat er in Eigenregie extra Infomaterial auf Ukrainisch erstellt.

Es sind vor allem die Menschen und ihre Schicksale, die vielen Einheimischen zeigen, wie nahe uns der Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine ist. Im Fall von Gence Polat gilt das noch einmal besonders: „Die Zentrale Ausländerbehörde ist hier in Kalk, deshalb haben wir hier im Viertel relativ viele Geflüchtete, für die sie die erste Anlaufstation ist“, erklärt Polat. Nur 500 Meter Fußweg sind es von seiner Apotheke bis zur Behörde. „Das Thema hat sich also durch die Geflüchteten selbst ergeben. Sie haben nämlich oft das Problem, dass ihr Impfstatus nur bedingt gilt.“

Nicht nur ist die Impfquote unter Ukrainern vergleichsweise gering, auch diejenigen, die geimpft sind, gelten nach deutschem und europäischen Recht oft als nicht voll immunisiert: Entweder haben sie noch keine Booster-Impfung erhalten oder sie wurden mit Impfstoffen wie Sinovax geimpft, die in der EU nicht zugelassen sind.

Es herrscht also Bedarf und Polat will aktiv helfen. In seiner Impfbox ist das seit fast zwei Monaten ohne weiteres möglich: In einem Bürocontainer auf dem Parkplatz neben seiner Apotheke haben Polat und sein Team eine Mini-Impfpraxis eingerichtet, die es ihnen ermöglicht, ohne Termin spontan und unkompliziert zu impfen. Und das Angebot wird trotz des generell sinkenden Impfaufkommens gut angenommen. „100 Impfungen pro Woche schaffen wir gut“, sagt er. Mittlerweile können alle Approbierten in seiner Apotheke selbst impfen – seit dem vergangenen Wochenende auch er selbst. „Das Angebot stabilisiert sich, ich glaube, wir hatten da als Apothekerschaft ein gutes Timing. Das sieht man ja auch daran, wie viele Apotheker sich noch ausbilden lassen. Meine Fortbildung am Wochenende war voll.“

Zur guten Auslastung tragen derzeit auch die Geflüchteten bei. Die will Polat genau dort erreichen, wo sie sind, und hat dazu 1000 Flyer drucken lassen, die er an neuralgischen Punkten auslegt. Grundlage für die Flyer war das Infomaterial der Abda. „Wir haben eine Kollegin aus Belarus, die sie für uns übersetzt hat“, erzählt er. „Allerdings ist ihr Ukrainisch auch nicht perfekt. Zum Glück hat uns da ein Kunde geholfen: Er ist ein geflüchteter Lehrer aus der Ukraine und hat ein paar Rechtschreib- und Grammatikfehler korrigiert.“

Die Flyer im Postkartenformat lässt er an mehreren Stellen in der Umgebung auslegen, beispielsweise in zwei Hotels, die viele Geflüchtete aufgenommen haben, oder aber in einem Fotoladen. „Viele Geflüchtete brauchen Bilder für EU-gültige Ausweise und gehen deshalb nach der Ausländerbehörde dorthin“, erklärt er. Als nächstes wolle er auch direkt dort Flyer auslegen lassen. „Ich habe mich schon ans Gesundheitsamt gewendet und versuche, darüber den Kontakt zur Ausländerbehörde herzustellen, damit wir direkt dort auf die Impfmöglichkeit aufmerksam machen können.“ Außerdem liegen die Flyer natürlich in der Apotheke selbst aus und das Team spricht das Thema gegenüber Kunden an.

Schon zu Beginn wird das Angebot rege angenommen, 10 bis 20 Geimpfte pro Woche seien Geflüchtete. „In unserem normalen Turnus kriegen wir das gut unter“, sagt er. Bedenken, Menschen zu impfen, die bereits einen Impfstoff erhalten haben, der aber in der EU nicht zugelassenen ist, gebe es nicht. „Grundsätzliche Vorgabe ist, dass der Impfstatus beispielsweise bei Sinovax ignoriert wird. Das zählt, als wäre die Impfung nicht vorhanden“, erklärt er. „Das ist ein bisschen wie früher bei anderen Impfungen: Wenn zum Beispiel eine Tetanus-Impfung nicht im Impfpass steht, gilt sie als nicht vorhanden. Da wird ja auch keine Titerbestimmung durchgeführt, sondern einfach nochmal geimpft.“

Auch die Durchführung laufe bisher absolut problemlos. „Diejenigen, die zu uns kommen, haben meistens eine Begleitung dabei, die übersetzt. Es gibt also keine Sprachbarriere.“ Dabei handele es sich meist um Freiwillige, die schon ab der Ausländerbehörde Hilfe leisten. Für deren Arbeit findet er großes Lob: Sie habe bereits 2015 wichtige Erfahrungen gesammelt, die sie jetzt vorbildlich umsetzt. „Die Behörde war gut auf die Situation vorbereitet – auch, weil sie nach 2015 stark vergrößert wurde und drei neue Gebäude erhalten hat. So wie ich das wahrnehme, können die das gut abfedern“, sagt er. Und dann komme noch das freiwillige Engagement hinzu. „Das Impfen ist ja nur ein Pünktchen unter vielen anderen. Ich kann natürlich nur für unseren Mikrokosmos hier sprechen, aber die meisten sind hier dankbar dafür, wie sie hier aufgenommen werden und welche Hilfsbereitschaft sie erleben.“

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