Wiso-Umfrage

„Fette Jahre für Apotheken-Bonzen vorbei!“

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Berlin -

„Kein Nachwuchs, schlechte Bezahlung, günstigere Online-Konkurrenten – jede zweite Apotheke in Deutschland ist in ihrem Bestand gefährdet“, schreibt das ZDF-Magazin „Wiso“ auf seiner Facebook-Seite und illustriert den Befund mit einem Archiv-Beitrag. „Kauft ihr Kopfschmerztabletten, Hustensaft und Co. auch schon im Netz?“ Die Reaktionen auf die Frage reichen für die Apotheke vor Ort vom süßen Candy- bis hin zum knallharten Shitstorm.

Auf den ersten Blick scheine die Apothekenwelt heil, sagt der Reporter im zur Einstimmung geposteten Magazin-Video. „Das Angebot scheint riesig und die persönliche Beratung macht viel aus.“ Doch ein Gutachten aus dem Bundeswirtschaftsministerium sehe jede zweite Apotheken in ihrem Bestand gefährdet. „Das Problem ist, dass wir seit 15 Jahren in einer Honorarordnung stecken, die nur einmal um 3 Prozent angepasst worden ist“, sagt Aristide Reidel, Besitzer der Laurenzi-Apotheke in Nieder-Olm, gegenüber dem ZDF. Einen Ausgleich für Inflation oder gestiegene Löhne habe es nicht gegeben. Dies sei ein Grund, warum keine Nachfolger mehr für bestehende Apotheken gefunden werden könnten. „Die wollen sich nicht in dieses Risiko stürzen.“

Damit werde der Beruf des Apothekers für den potenziellen Nachwuchs immer unattraktiver, erklärt das ZDF-Magazin. Als Kronzeugin dient Pharmaziestudentin Dilara Cömert. „Das Studium ist ja auf Forschung ausgelegt, und das ist auch das Spannende.“ Ihre zwei Praktika in der Apotheke habe sie „relativ interessant“ gefunden. „Für mich persönlich ist das nichts.“

Die Konkurrenz aus dem Netz sei ein weiteres Problem. „Die Apotheker sehen eine Schieflage im Wettbewerb, sie selbst haften mit ihrem Privatvermögen“, erläutert das Magazin. „Die Online-Apotheken haben ganz andere finanzielle Möglichkeiten und sind beispielsweise nicht gebunden an einheitliche Preise für verschreibungspflichtige Medikamente.“ Doch keine ausländische Online-Apotheke kümmere sich nachts um den Notdienst, sagten die Apotheker vor Ort. Das könne vor allem auf den Land zu einem echten Problem werden. Das Wiso-Fazit: „Aktuell besteht kein Grund zur Panik, die Versorgung mit Arzneien in Deutschland funktioniert. Die Apotheker warnen dennoch: In Zukunft könnte das anders aussehen.“

In der angeschlossenen Facebook-Umfrage sprach sich bislang eine Mehrheit für die Vor-Ort-Apotheke aus. „Ich bin chronisch krank und benötige 1x im Quartal meine Medikamente“, schrieb eine Nutzerin. „In meiner Apotheke gibt es die Möglichkeit, per WhatsApp das Rezept vorab zu übermitteln und ich bekomme umgehend die Mitteilung, ab wann meine Medikamente abholbereit sind.“ Solange es die lokalen Anbieter noch gebe, kaufe sie nicht online, bekundete eine andere. „In meiner Stammapotheke bekomme ich freundliche, nette Beratung und habe sogar, als ich mal knapp bei Kasse war, meine Medikamente ‚auf Pump‘ bekommen und durfte sie später bezahlen.“ Auf „die lieben, aufmunternden Worte“ werde sie „keinesfalls verzichten, nur um ein paar Cents einzusparen“, schrieb eine weitere Nutzerin. Niemals werde er online Medikamente ordern, postete ein anderer User: „Ich will einen direkten Ansprechpartner, wenn es um meine Gesundheit geht.“

Doch Pharmazeuten müssen auch viel unfreundliches über ihren Berufsstand lesen. Ein Kommentator schreibt: „Die Fetten Jahre sind für die Apotheker-Bonzen halt vorbei!“ Eine Nutzerin drohte, zu Internet-Anbietern zu wechseln, sollte das Personal ihrer Stammapotheke weiterhin so „freundlich“ bleiben. „Schade, aber ist so, ich komme mir in letzter Zeit vor wie der letzte Mensch, wenn ich da rein muss.“

Viele wunderten sich über die scheinbare Diskrepanz zwischen Klagen und Wirklichkeit: Ein Schreiber zeigte sich irritiert über „die immerwährende Jammertour der Apotheker, schon unzählige Male stand dieser Beruf angeblich vor dem Aus und wie sieht in Wirklichkeit aus, alle 500 Meter in der Innenstadt eine Apotheke und allen geht es offenbar prächtig!“ Ein User fragte sich, „warum in der Stadt, in der ich wohne und es ist nicht gerade die Metropole, es auf jeder Ecke eine Apotheke gibt“. Die Preise seien „teilweise unverschämt und ich kann nachvollziehen, dass man online oder im Ausland die Medikamente kauft“.

Aus der Vor-Ort-Apotheke in den Versandhandel zurückgekehrt ist ein anderer Kommentator. „Nach meinem Umzug in die Kleinstadt dachte ich mir, kaufst deine Medikamente in einer der vier Apotheken innerhalb eines Kilometers vor Ort“, schrieb er in seinem ausführlichen Statement. „Ich will es mal so sagen: Alles, was stärker ist als eine Kopfwehtablette, ist nicht vorrätig. Ich muss für alle verschreibungspflichtigen Medikamente 2x hingehen. Einmal zum Bestellen, einmal zum Abholen. Nachdem das in allen Apotheken hier so ist, habe ich wieder online bestellt. Da bekomme ich die Medikamente kostenlos ins Haus geliefert, brauche nichts zuzahlen und bekomme rezeptfreie Artikel unschlagbar günstig.“

Das Argument der guten Beratung vor Ort sei für ihn nicht stichhaltig. „Denn es findet keine statt. In der Online-Apotheke liegen wenigstens Informationen zu den Wechselwirkungen dem Paket bei. Für die Apotheken vor Ort scheinen die rezeptpflichtigen Medikamente nebenher zu laufen. Hauptgeschäft ist der Verkauf von rezeptfreien Artikeln wie überteuerte Kosmetik und jede Menge anderes Zeug, das eigentlich kein Mensch braucht.“ „Wenn ich sparen kann, ziehe ich die Versandapotheke vor“, pflichtete ein anderer User bei. „Ich habe auch nichts zu verschenken, denn auch ein Mitarbeiter einer Apotheke wird Dinge im Netz kaufen, um Geld zu sparen.“

Die Entscheidung fürs Internet könne gravierende Folgen für das jeweilige Stadtbild haben, mahnte eine andere: „Alle Leute, die es vorziehen, ONLINE einzukaufen und das nur aus fadenscheinigen Gründen, sollen sich nicht wundern, wenn in ein paar Jahren die Innenstädte nur noch von Krankenkassen, Versicherungen und Schuhläden geprägt sind“, schrieb sie. „Dann ist es nämlich vorbei mit dem Bummeln durch die Fußgängerzone bei einem leckeren Eis oder Kaffee. Gibt's nicht mehr. Hol's dir doch bei Amazon oder einer Versandapotheke!“

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