Gefälschte Impfpässe auf Telegram

Fake-Apotheker aus Berlin verkauft Impfpässe

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Berlin -

Wer sich nicht gegen Corona impfen lassen will, hat es offensichtlich nach wie vor sehr einfach, an gefälschte Impfpässe zu kommen. Beim Messengerdienst Telegram zum Beispiel: Dort verkauft ein angeblicher Apotheker aus Berlin mit dem illustren Namen Friedrich Hilton Impfpässe für 150 Euro pro Stück. Einen solchen Apotheker gibt es in der Hauptstadt allerdings gar nicht.

Friedrich Hilton arbeitet in einer Apotheke in Kreuzberg ­– und kann deshalb für gefälschte Impfpässe auch gleich digitale Impfzertifikate ausstellen. Zumindest behauptet er das gegenüber potenziellen Kunden. Belegt hat das der österreichische Blogger, Journalist und Autor Christian Kreil, der sich eigentlich seit Jahren mit Themen rund um Homöopathie und Alternativmedizin beschäftigt. „Im August hatte ich dann aber davon gelesen, dass anscheinend großer Schindluder mit gefälschten Impfpässen getrieben wird, also wollte ich dem nachgehen“, erzählt er auf Anfrage.

Also schaute er sich ein wenig um und wurde innerhalb kürzester Zeit in einer der Telegram-Gruppen fündig, die er aus Recherchegründen verfolgt. „Das war überhaupt nicht kompliziert“, sagt er. Der vermeintliche Apotheker sei schnell auf ihn zugekommen und habe ihm sogar direkt seine Handynummer für den weiteren Austausch über Whatsapp geschickt. Kreil zeigte sich dort als potenzieller Kunde, der um die Qualität der Ware besorgt ist: „Ich arbeite im Landesdienst, ich kann mir keine plumpe Fälschung erlauben. Wie kann ich sicher sein, dass das Zertifikat echt ist?“, wollte er vom angeblichen Herrn Hilton wissen.

Der schickte ihm direkt ein Foto mehrerer gelber Impfpässe: „Das sind Karten, die ich gestern registriert habe“, erklärt er dazu. „Wir geben den Namen in das System der Apotheke ein, es ist 100 Prozent echt.“ Auf einem Foto eines gefälschten Impfpasses sind die Eintragungen klar zu erkennen: zwei Impfungen mit Comirnaty, verabreicht angeblich im Januar und April im Impfzentrum Hildesheim, samt Adresse des Impfzentrums und Arztunterschrift.

Kreil ließ nicht locker. Er wollte – vorgeblich aus Sicherheitsgründen – die Vorgehensweise des angeblichen Apothekers in Erfahrung bringen. „Ich werde deine Daten mit anderen in die Apotheke nehmen und die Registrierung vornehmen“, erklärt der ihm. Kreil habe „gut 15 Interessenten, die so einen Nachweis kaufen wollen. Wir brauchen Sicherheit, dass das wasserdicht ist“, antwortete er ihm. „Es funktioniert 100 Prozent.“ Auch die Unterschriften würden von einem „echten, weltweit anerkannten Arzt“ stammen, der allerdings nicht wisse, dass er gefälschte Impfpässe unterschreibe, da „wir auch immer echte Impfungen registrieren“, so die Erklärung. Er mache das so, seit er in der Apotheke arbeite.

Allerdings: Einem Bericht der Hildesheimer Nachrichten zufolge hatte das dortige Impfzentrum niemals mit „Impfzentrum Hildesheim“ gestempelt, wie es im gefälschten Impfpass steht. Stattdessen lautete der Stempel „Landkreis Hildesheim – Impfzentrum“. Schwer vorstellbar jedoch, dass das außerhalb Hildesheims jemand auffallen würde. Erst als es ans Eingemachte ging, brach Kreil die Recherche ab. 150 Euro in Bitcoin hätte er bezahlen sollen, informierte den angeblichen Apotheker aber stattdessen, an wen er geraten war, und gab die Informationen samt Telefonnummer und angeblichem Namen an die Polizei Hildesheim. „Das ist jetzt drei Tage her, aber eine Rückmeldung habe ich bisher nicht erhalten.“

Auch die Apothekerkammer Berlin bestätigt auf Anfrage, dass es in der Hauptstadt keinen Apotheker namens Friedrich Hilton gibt. „Das ist natürlich unterste Schublade. Aber es gehört dazu, diese kriminellen Machenschaften gangbar zu machen. Wer auf so einem Portal agiert, weiß, dass das nicht rechtens ist“, sagt Kammerpräsidentin Dr. Kerstin Kemmritz. Wie leicht man an solche Fälschungen kommt, zeige nicht nur die kriminelle Energie der Täter, sondern auch die Probleme bei der Impfdokumentation hierzulande. „Ich glaube, dass das auf verschiedenste Art und Weise erschreckend einfach ist“, so Kemmritz. „Deshalb kann das bisherige Verfahren mit den nur schwer überprüfbaren Impfpässen nicht die endgültige Lösung sein.“

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